<p class="western Frage" data-semantic="p">Denken Menschen an Landwirte, sehen einige vermutlich noch einen älteren Herren vor dem inneren Auge, der auf dem Acker seine Bahnen zieht. Das Land hat er von seinen Eltern bekommen und die von ihren. Landwirtschaft hat mit Tradition zu tun. Aber können Landwirte auch Innovation?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Dorothee Schulze Schwering: Absolut, Landwirte sind seit jeher innovativ und neugierig. Wir haben hier in NRW viele Landwirte, die mutig vorweggehen und Neues ausprobieren. Sie setzen moderne Technologien ein, um nachhaltige Anbaumethoden umzusetzen, den Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren oder das Tierwohl und die Bodengesundheit zu fördern. Manche probieren sogar neue Geschäftsmodelle aus – in OWL etwa die Zucht von Speisepilzen in ehemaligen Schweineställen oder der Anbau von Nischenkulturen wie Lavendel oder heimischer Unkräuter.</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Was in OWL besonders gut funktioniert, ist der enge Austausch der starken Forschungslandschaft. Die Technische Hochschule OWL bietet zum Beispiel den Studiengang „Precision Farming“, der digitale Technologien für eine ressourcenschonende Landwirtschaft vermittelt. Und in der „Future Food Factory“ werden innovative Lebensmittel und Verfahren entwickelt, die Nebenströme (Erzeugnisse, die bei der Herstellung des eigentlichen Produkts entstehen; Anm. d. Red.) aus der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie weiterverarbeiten. Und das Startup Center der Hochschule Bielefeld unterstützt Gründer dabei, innovative Ideen in marktfähige Lösungen umzusetzen.</p> <p class="western Frage" data-semantic="p">Aber können Landwirte nicht einfach weitermachen wie bisher? Warum braucht eine Gesellschaft innovative Landwirte?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Es braucht Landwirte mit Erfindungsreichtum, weil Innovation der Schlüssel ist, um den Klimawandel zu bewältigen, Umwelt und Ressourcen zu schützen, Ernährungssicherheit zu garantieren und gleichzeitig gesellschaftliche Erwartungen, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheiten zu meistern. Mit neuen Ideen und Technologien bleibt die Landwirtschaft zukunftsfähig – und kann so beispielsweise dazu beitragen, die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) umzusetzen.</p> <p class="western Frage" data-semantic="p">Was genau meinen Sie?</p> <p class="Antwort" data-semantic="p">Landwirte tragen zur Umsetzung der DGE-Empfehlungen bei, indem sie den Anbau von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten ausweiten, tierische Erzeugung ressourcenschonend gestalten und innovative Konzepte wie die Verwertung von Nebenströmen oder alternative Proteinquellen fördern.</p> <p class="western Frage" data-semantic="p">Welche Rolle spielt der Klimawandel?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Der Klimawandel zählt zu den globalen Herausforderungen und betrifft natürlich auch die Landwirtschaft. Er ist ein zentraler Innovationstreiber. Bei Extremwetter, Wasserknappheit und veränderten Vegetationsperioden sind Innovationen der Schlüssel, um Erträge zu sichern. Es geht zum Beispiel darum, Ressourcen effizienter einzusetzen und robustere Getreidesorten zu entwickeln. Daneben stellen sich viele weitere Fragen. Wie kann zum Beispiel mehr CO2 in den angepflanzten Kulturen gespeichert werden? Und wie können smarte Bewässerungssysteme aussehen? Dabei ist es aber so, dass Altes nicht schlecht sein muss. Man kann es weiterentwickeln und mit Neuem kombinieren.</p> <div data-app="dpa-datawrapper" data-embed-type="iframe-dyn" data-competition-id="YVVmY" data-width="100%" data-height="350px" data-src="https://datawrapper.dwcdn.net/YVVmY/" data-customer="redaktionsgemeinschaft-ostwestfaelisch-lippischer-verlage-gmbh-co-kg" data-title="Grafik der dpa: Klimarisiko-Index"></div> <script type="text/javascript" src="https://core.dpa-infocom.net/js/dpa.js"></script><p class="western Frage" data-semantic="p">Können Sie Beispiele nennen?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Nutzhanf und Hülsenfrüchte zeigen, wie alte Kulturen durch neue Technologien wieder an Bedeutung gewinnen. Nutzhanf wird dank moderner Verarbeitung zu einem nachhaltigen Rohstoff zum Beispiel für Baustoffe und Lederimitaten, während Hülsenfrüchte durch Fortschritte in der Lebensmitteltechnologie als pflanzliche Proteinquelle zunehmend in der Humanernährung genutzt werden. Insbesondere der Nutzhanf gilt dank seiner hohen CO2-Bindung und geringen Ansprüche an Pflanzenschutz als nachhaltige Anbaukultur, die Klimaschutz und Artenvielfalt fördert.</p> <p class="western Frage" data-semantic="p">Welche Trends sehen Sie sonst aktuell in der Landwirtschaft?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Ein Thema ist sicherlich das Precision Farming. Dabei kommen auch Drohnen zum Einsatz und liefern wichtige Daten. Damit lassen sich Ressourcen etwa beim Düngen einsparen und Landwirte bekommen Hilfe bei wichtigen Entscheidungen. Besonders dynamisch entwickelt sich der Bereich der alternativen Proteine – ob aus Algen, Insekten oder Hülsenfrüchten. Die Insektenzucht fokussiert sich auf Heimtier- und Aquakulturmärkte, ist in NRW aber noch kaum verbreitet. Auch die Bioökonomie bietet spannende Ansätze, etwa durch die Nutzung von landwirtschaftlichen Nebenströmen. Spargelschalen zum Beispiel werden zu Fußböden verarbeitet oder aus Steinobstkernen werden Pflanzendrinks.</p> <p class="western Frage" data-semantic="p">Auf landwirtschaftlichen Flächen scheint die Reinkultur noch vorherrschend zu sein. Das heißt, es wird pro Saison und Feld eine Pflanzensorte angebaut. Pro Fläche sind selten verschiedene Kulturen nebeneinander zu sehen. Wie sieht der Anbau künftig aus?</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Aktuelle Satellitenbilder vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum zeigen, dass die Landwirtschaft sehr vielfältig ist. Zudem gibt es über die gemeinsame Agrarpolitik eine Fruchtfolgeregelung, nach der zum Beispiel auf mindestens 33 Prozent der Ackerfläche jährlich ein Fruchtwechsel erfolgen muss. Wir sehen heute innovative Anbaustrategien, die zunehmend auf Mischkulturen, Agroforstsysteme oder besondere Fruchtfolgen setzen, um Biodiversität, Bodengesundheit und Resilienz zu stärken.</p> <p class="western Antwort" data-semantic="p">Es gibt natürlich auch ganz neue Produktionswege. Dazu zählen Hydroponik, also der Anbau von Pflanzen in Nährlösungen statt in der Erde, vertikale Landwirtschaft, womit gemeint ist, dass Pflanzen in mehreren Etagen übereinander innerhalb eines Gebäudes angebaut werden, und auch der Anbau neuartiger Kulturen wie Süßkartoffeln, Quinoa oder Wassermelonen. Jeder Betrieb muss natürlich schauen, was zu ihm passt. Wie innovativ ein Betrieb ist, hängt stark von der Offenheit und Risikobereitschaft der Landwirte ab – und davon, ob sie bereit sind, über den Tellerrand hinauszuschauen. Doch Innovation funktioniert nur gemeinsam: Am Ende braucht es auch Verbraucher, die bei ihrem Einkauf regionale Produkte bevorzugen. Mit ihren Kaufentscheidungen bestimmen sie die Entwicklung der Landwirtschaft mit.</p> <div data-pinpoll-id="318585"></div>