Zeitenwende, Ukraine-Krieg, Drohnensichtungen – die sicherheitspolitische Lage ist angespannt. Von Nervosität bei den Reservisten spüren Reiner Austermann und Michael Michl vom Reservistenverband OWL jedoch wenig. Im Gegenteil, viele kehren zurück oder engagieren sich neu. Im Interview sprechen sie über Motivation und Pflichtgefühl, den Sinn von Abschreckung, die wachsende gesellschaftliche Zustimmung zur Wehrpflicht – und darüber, was Einberufung im Ernstfall konkret bedeutet. Haben die Mitglieder Ihres Verbands ein mulmiges Gefühl, dass sie vielleicht schneller zum Einsatz gebeten werden als gedacht? Reiner Austermann: Ich glaube nicht, dass die, die sich als Reservisten engagieren, ein mulmiges Gefühl haben. Die wollen sich ja aus einer Überzeugung heraus für die Streitkräfte einsetzen. Michael Michl: Im Gegenteil: Es gibt einige Reservisten, die ewig nichts gemacht haben und aufgrund der veränderten Sicherheitslage wieder aktiver bei uns sind, sich einbringen wollen. Grundsätzlich wird man ja bei uns Mitglied, weil man Streitkräfte für sinnvoll hält. Diese Überzeugung ändert sich ja nicht, weil die Sicherheitslage sich ändert. Was sind denn das für Überzeugungen? Austermann: Das ist natürlich eine sehr persönliche Frage, die jeder anders beantworten wird. Ich kann es für mich persönlich sagen. Krieg ist das Furchtbarste, was einem Land, einer Gesellschaft und den Menschen passieren kann. Ihn zu verhindern, ist die Aufgabe der Bundeswehr. Deswegen bin ich ganz bewusst vor vier Jahrzehnten zur Bundeswehr gegangen. Viele aus meinem Abiturjahrgang haben das anders gesehen. Die haben dann verweigert und das ist auch das gute Recht. Kriegsdienstverweigerung steht im Grundgesetz. Aber ich bin ganz bewusst zur Bundeswehr gegangen, weil ich meinen bescheidenen Beitrag leisten wollte. Ich glaube, dass Krieg nur über Abschreckung verhindert wird. Die Geschichte hat das immer wieder gezeigt. Michl: Zu meiner Zeit war es schon einfach, zu verweigern, ich hätte eigentlich nur eine Postkarte schreiben müssen und wäre raus gewesen. Aber ich habe mir gesagt, wer soll denn das Land verteidigen, wenn nicht der Bürger? Und ich sehe da etwas sehr Sinnvolles drin. Natürlich ist es genauso sinnvoll, wenn einer verweigert und beispielsweise zum Roten Kreuz geht und dort seinen Dienst macht. Ich habe als Jugendlicher aber auch Erfahrungen bei Bekannten in der DDR gemacht und erlebt, wie die Überwachung dort war. So etwas wollte ich nicht, das war auch ein Grund für mich, in die Bundeswehr zu gehen. Und wer geht dann später zu den Reservisten? Austermann: Die Erfahrung zeigt, dass viele nach ihrer aktiven Bundeswehrzeit erstmal das Kapitel für sich abschließen und sich um Familie und Beruf kümmern. Ich werde häufig auf Veranstaltungen in der Stadtgesellschaft angesprochen, wo wir auch Uniform tragen. Einige Leute interessieren sich dann wieder und kommen mal bei uns vorbei. Michl: Viele wissen übrigens gar nicht, dass sie Reservisten sind. Denn Reservist ist jeder, der einmal bei der Bundeswehr war. Es würde theoretisch reichen, dass jemand sich morgens meldet und am Nachmittag schon wieder entlassen wird. Wie hat sich die veränderte Sicherheitslage auf Ihren Verband ausgewirkt? Austermann: Was seit einiger Zeit auffällt, dass wir viel positiven Zuspruch erhalten. Wenn wir Uniform tragen, werden wir öfter angesprochen. Die Leute sagen Toll, dass ihr das macht. Das hat sich verändert. Michl: Die „Zeitenwende“ und der Ukraine-Krieg haben aber zunächst einmal keine Auswirkungen auf uns, weil unsere Gruppe ja freiwillig ist. Sobald sich jemand beordern lässt, nimmt das Ganze andere Dimensionen an. Diese Leute sind einer festen Stelle zugeordnet, um im Spannungsfall schnell einsatzfähig zu sein. Dann bekommt der eine militärische Ausbildung mit Leistungsmärschen, Gepäckmärschen, Sporttest, Kleiderschwimmen und Schießübungen. Diese Kameraden wissen, dass wenn es denn mal so sein soll, sie einberufen werden. Letztendlich kann aber jeder Bürger im Spannungsfall einberufen werden, auch Ungediente. In aktuellen Umfragen ist eine Mehrheit der Gesamtgesellschaft für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Bei den jüngeren Menschen gibt es keine mehrheitliche Zustimmung. Ganz nach dem Motto: „Wehrpflicht ja, aber kämpfen sollen die anderen.“ Wie sehen Sie die Debatte zur Wehrpflicht? Austermann: Die Debatte zur Wehrpflicht war schon in den 80er Jahren sehr emotional. Da war die Ablehnung sehr viel größer als heute. Und ich glaube, bei den jungen Leuten, die direkt betroffen sind von Musterung und Einberufung, hat es zu keinem Zeitpunkt eine ganz breite Unterstützung gegeben. Das ist menschlich. Aber ich glaube, wir sollten auf die Meinung in der Gesamtbevölkerung gucken, und da ist die Zustimmung eindeutig. Michl: Wenn ich davon betroffen wäre, fände ich es auch nicht gut, in meiner Lebensfreiheit beschnitten zu werden. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, diese jungen Menschen, die jetzt gerne so im Fernsehen sind, die müssen überlegen, warum wir denn hier die Freiheit in diesem Land haben. Warum können wir hier zur Schule gehen? Warum können wir uns frei äußern? Das darf man nicht vergessen. Austermann: Insgesamt muss sich die Gesellschaft die Frage stellen, ob wir eine wehrhafte Demokratie sein wollen. Wollen wir unsere Werte verteidigen? Was ist der richtige Weg, um Aggressoren in die Schranken zu weisen? Meiner Überzeugung nach funktioniert das nur mit Abschreckung. Es gibt Menschen, die sagen, sie würden lieber kapitulieren, als für ihr Land zu kämpfen. Austermann: Wie in den 80ern, als es hieß Lieber rot als tot? Also ich habe ein bisschen Erfahrung durch meine Arbeit beim Deutschen Roten Kreuz mit Ukrainern, die aus besetzten Gebieten kommen. Was man von denen hört, bringt einen vielleicht zu der Überzeugung, dass Kapitulieren von vornherein nur die zweitbeste Idee ist. Herr Michl, Sie sind hauptamtlich beim Reservistenverband tätig und können bis zum Alter von 65 Jahren zugezogen werden. Wie schauen Sie darauf? Michl: Ich glaube, dass ich noch fit und gesund bin. Ich habe meinen Eid geschworen, dieses Land zu verteidigen. Wenn ich gebraucht werde, werde ich meinen Dienst antreten. Wo könnten Sie landen? Michl: Vorrangig hier in der Bezirksregierung Detmold. Aber ich war auch schon im Ausland im Einsatz, auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen im Kosovo und Jugoslawien. Also es könnte auch wo ganz anders sein.