Detmold/Bielefeld. Stockbetten, Hagebuttentee, ein Weckruf im Morgengrauen: So erinnern sich viele an ihre Aufenthalte in Jugendherbergen. Doch mit stetig steigenden Übernachtungszahlen haben sich die Einrichtungen in OWL verändert. Nur manches typische Vorurteil ist noch richtig. Die Übernachtungszahlen in den 392 deutschen Jugendherbergen steigen seit dem Lockdown stetig. 2024 wurden bundesweit rund 9 Millionen Übernachtungen gezählt – knapp 136.000 davon in Ostwestfalen-Lippe. Die größte Gästegruppe machen nach wie vor Schulklassen mit rund 40 Prozent aus. Doch es kämen auch Familien für Urlaube, geschäftliche Tagungsgruppen und Alleinreisende, weiß Kea Ogrinc, Hausleitung des Jugendgästehauses Bielefeld. Sie ärgert sich über die Vorurteile zu Jugendherbergen: „Jeder Bielefelder sollte mal bei uns reingeschaut haben, denn dann sieht man, dass das Klischee Quatsch ist.“ Die Jugendherberge in Bielefeld, eine im Zuge der Expo 2000 umgebaute Fahrradfabrik, ist wie die Großzahl der Herbergen moderner als einst. .responsive23-pDBkiLi4EtFeVVFR-bar-vertical-uebernachtungszahlen-deutsche { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-pDBkiLi4EtFeVVFR-bar-vertical-uebernachtungszahlen-deutsche { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-pDBkiLi4EtFeVVFR-bar-vertical-uebernachtungszahlen-deutsche { padding-top: 142.86%; } } Das Image der Jugendherbergen: „unendlich veraltet“ Das Image von Jugendherbergen hält Ogrinc für „unendlich veraltet“. Sie stellt dar, dass die Bielefelder Herberge mit insgesamt 196 Betten in klassischen Stockbett-Zimmern für sechs Personen, aber auch in Zweibettzimmern, ausgestattet ist. Man erfülle die modernen Standards samt Steckdosen, WLAN, Fernsehern und privaten Bädern. Auch das Küchenangebot habe sich gewandelt: „Selbst spülen ist ja allein wegen des Gesundheitsamts nicht mehr möglich.“ Je nach Bedarf der Gäste würden neben reichhaltigem Frühstück mit Bio-Produkten auch ausgewogene Speisen mit viel Gemüse angeboten – auch vegetarisch oder vegan. Während geschäftliche Anzugträger Desserts im Glas bevorzugten, wollten Fünftklässler eher Schokopudding aus der großen Wanne schöpfen. Die Geburt der Jugendherbergen Die Idee für die preiswerten Unterkünfte kam laut Deutschem Jugendherbergswerk einem engagierten Lehrer in der Not. Auf einer achttägigen Wanderung von Altena nach Aachen 1909 geriet Richard Schirrmann mit seiner Schülergruppe in einen Sturm. Nachdem ihnen ein Bauer keinen Unterschlupf gewährte und sie in einer Schule unterkamen, soll Schirrmann die Idee für ein Unterkunftsnetz für Wanderer und Jugendgruppen gekommen sein. Die Idee trug Früchte: Fünf Jahre später eröffnete die weltweit erste Jugendherberge in der Burg Altena. Heute ist sie Teil des Burgmuseums. In einem Aufsatz in der „Kölnischen Zeitung“ schrieb Schirrmann: „Auch die Knaben und Mädchen des gemeinen Mannes müssen frischfröhliches Wandern als Gegengewicht für die Stubenhockerzeit ihrer Schuljahre üben.“ Diese Naturverbundenheit ist bis heute zu erkennen: Sechs der acht ostwestfälischen Jugendherbergen liegen auf dem Land. Nur in Paderborn und Bielefeld findet man Stadthäuser. .responsive23-9qmlORAZbuUpqez8-multimap-jugendherbergen-in-owl { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-9qmlORAZbuUpqez8-multimap-jugendherbergen-in-owl { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-9qmlORAZbuUpqez8-multimap-jugendherbergen-in-owl { padding-top: 142.86%; } } Im Mittelpunkt: Gemeinschaft und persönliche Entwicklung Neben den Stockbetten sind auch die ursprünglichen Werte geblieben. Justin Blum von der Zentrale des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold sagt, dass die Einrichtungen als gemeinnützige Vereine „Heranwachsende dabei unterstützen, auf eigenen Beinen zu stehen“. Ihr Bildungsangebot umfasse Themen wie Nachhaltigkeit, Teambuilding oder Anti-Stress. Kea Ogrinc fügt hinzu, dass man in Bielefeld mit verschiedenen Partnern zusammenarbeite, um ein breites Bildungsangebot anbieten zu können – zum Beispiel über Selbstwirksamkeit, Outdoorpädagogik oder Cybermobbing. Beliebt seien aber auch Ausflüge zum Hermannsdenkmal oder zum Tierpark Olderdissen. Bei der Programmplanung würden Betreuer individuell unterstützt: „Es gibt nichts, zu dem wir Nein sagen“, sagt Ogrinc. Jugendherbergen: Ein internationaler Verband Organisierte Ferienfreizeiten und internationale Jugendaustausche böten außerdem die Möglichkeit „Menschen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen“, sagt Justin Blum. Dabei profitieren Jugendherbergen vom Weltverband „Hostelling International“, dem mehr als 90 nationale Verbände angehören. 2024 wurden bundesweit 576.000 Übernachtungen von Gästen aus dem Ausland gezählt. Für Übernachtungen in Jugendherbergen ist eine Mitgliedschaft nötig, die bundesweit etwa 2,3 Millionen Menschen besitzen. Zusätzlich zu Mitgliedsbeiträgen finanzieren sich die Einrichtungen über die Buchungen sowie in 2024 laut Lobbyregister mindestens 640.000 Euro Subventionen von Bund und der Europäischen Union. Die Einnahmen decken laufende Kosten und fließen in die Entwicklung von Bildungsangeboten. Genau darin liegt laut Justin Blum auch der Unterschied zu anderen Unterkünften wie Billighotels, Hostels oder Airbnbs. „Diese Anbieter wollen günstige Unterkünfte anbieten, Bildungs- oder Wertefaktoren spielen keine Rolle“. Kea Ogrinc betont, dass sich die Übernachtungspreise nicht nach Saison oder Nachfrage richteten: „Wir haben gleichbleibende Preise“. Frei nach Schirrmanns Vision bekräftigt sie: „Jugendherbergen sind für alle.“