Emotionaler Abschied für Arne Niemeyer

Jörg Hagemann

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Volle Pulle in seinem letzten Bundesligaspiel: Arne Niemeyer will sich am Sonntag in Göppingen noch einmal voll reinhängen. - © Jörg Hagemann
Volle Pulle in seinem letzten Bundesligaspiel: Arne Niemeyer will sich am Sonntag in Göppingen noch einmal voll reinhängen. (© Jörg Hagemann)

Lemgo. Er ist ein echtes Kind der Bundesliga. In Göppingen bestreitet Arne Niemeyer (34) am Sonntag um 15 Uhr sein 450. Bundesligaspiel. Bevor der 13fache Nationalspieler, der als einer der wenigen Handballer die Trikots der drei OWL-Klubs TBV Lemgo, GWD Minden und TuS N-Lübbecke getragen hat, seine Karriere beendet, blickt er auf 16 spannende Bundesligajahre zurück.

Die Anfänge. An sein erstes Bundesligaspiel kann er sich nicht mehr erinnern. Dafür aber an seine ersten Tore. „Es war in Magdeburg, in der Hermann-Gieseler-Halle. Wir haben mit GWD haushoch verloren. Doch ich war der einzige, der gestrahlt hat, weil mir meine ersten Tore gelungen waren." Ansonsten waren die ersten drei Seniorenjahre kein Zuckerschlecken. „Ich war Mädchen für alles, musste den Ballsack schleppen, Leibchen sortieren, das Wasser besorgen, einfach alles machen. Damals hörte das dazu. Wir hatten in Minden mit Talant Duschebajew oder Aleksandr Tutschkin große Stars. Frank von Behren oder Aaron Ziercke haben zwar schützend ihre Hände über mich gehalten. Trotzdem bin ich manchmal mit Bauchschmerzen zum Training gefahren. Bis ich endlich akzeptiert war, musste ich viel ausstehen."

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TBV zu Gast beim Kraus-Abschied

Die letzte Auswärtsfahrt der Saison kann der TBV noch einmal auskosten. Bereits heute Mittag nach dem Training macht sich der Tross auf die sechseinhalbstündige Reise Richtung Göppingen. An Bord sind alle 16 Spieler. Auch Marcel Niemeyer, der seine Magen-Darm-Probleme aus dem Magdeburg-Match überwunden hat. Auch wenn Torjäger Schiller ausfällt, bezeichnet TBV-Trainer Kehrmann den im Winter um Adrian Pfahl (HSV) aufgewerteten EHF-Cup-Sieger als „echte Hausnummer". Neben Kraus verabschiedet FAG noch vier weitere Spieler.

Seine Trainer. Aleksandar Rymanow, Rainer Niemeyer, Velimir Kljaic, Richard Ratka, Martin Schwalb, Patrick Lilje᠆strand, Zlatko Feric, Markus Baur, Ghennadij Chalepo, Dirk Beuchler, Florian Kehrmann. Außerdem saß zwei Spiele lang Hotti Bredemeier auf der Bank. „Doch der hat das nervlich nicht ausgehalten und ist während des Spiels immer rausgelaufen", lacht Niemeyer. Am nachhaltigsten ist ihm „Sascha" Rymanow in Erinnerung geblieben. „Bei ihm habe ich am meisten gelernt. Ich musste jede Woche zwei individuelle Trainingseinheiten absolvieren. Damals habe ich das verflucht, weil es so verdammt hart war. Doch letztendlich hat mich das echt nach vorne gebracht. Allerdings merkt man das erst später."

Und wie lief’s mit dem Vater? Rainer Niemeyer, der am 8. Mai im Alter von 60 Jahren verstorbene Torhüter aus dem legendären Weltmeister-Team von 1978, habe ihm den entscheidenden Kick verpasst. „Papa wusste jede Stärke und Schwäche von mir und konnte sich mental auf mich einstellen wie kein Zweiter. Als er mein Bundesligatrainer wurde, wusste ich das vorher nicht. Im ersten Moment habe ich gedacht: Ach, du liebe Güte... Ich kannte ihn ja schon als Trainer aus der Reserve. Doch das war etwas ganz anderes. In der Bundesliga hatten wir das Gefühl, dass von außen jeder genau hinschaute, ob ich nicht bevorzugt werde. Wir sind oft miteinander angeeckt, weil es nervlich für beide nicht leicht war. Anfangs habe ich auch noch zuhause gewohnt. Doch 24 Stunden nur Handball um die Ohren wollte ich nicht. Darum bin ich ausgezogen. Unter meinem Vater ist mir der sportliche Durchbruch gelungen. Er hat mir voll vertraut und ich konnte es ihm zurückzahlen."

Darum wurde er kein Torwart. „Dass ich der Sohn vom Weltmeister war, hat mich nie gestört. Im Gegenteil. Ich war immer super stolz und wäre selbst gerne Torwart geworden. Doch mein Vater wollte das absolut nicht. Weshalb, weiß ich nicht. Einige Male ist es mir aber doch gelungen. In der Schulmannschaft habe ich mich freiwillig zwischen die Pfosten gestellt."

Das emotionalste Spiel. „Das letzte Heimspiel nach 13 Jahren für GWD. Es war der vorletzte Spieltag. Ausgerechnet das Derby gegen Nettelstedt. Es ging um alles. Wer verliert, steigt ab. Wir haben verloren und ich habe bitterlich geweint. Am letzten Spieltag ging es dann nach Flensburg. Da haben wir sensationell mit einem Tor gewonnen und blieben doch noch in der Liga. Diesmal hatte ich Tränen der Freude in den Augen."

Über die Zeit beim HSV. „Ich hatte für drei Jahre unterschrieben, bin aber schon nach einem Jahr wieder weg. Ich stand in der Blüte meiner Schaffenskraft, wurde aber kaum eingesetzt. Um hinter der Bank zu versauern, fühlte ich mich noch zu jung. Anschließend habe ich fünf Jahre in Nettelstedt gespielt, wo ich auch viele schöne Momente erlebt habe."

Die Abschluss-Saison beim TBV Lemgo. „Es ist eines meiner schönsten Handballerjahre. Ursprünglich hatte ich ja schon in Hagen zugesagt. Die haben sich sofort kooperativ gezeigt, als der TBV bei mir anklopfte. Ich bin dafür unheimlich dankbar. Das Team, angeführt von Flo Kehrmann, und ,das Team um das Team’ sind in Lemgo ganz toll. Auch menschlich hat es gepasst. Dass ich zum Ende meiner Karriere noch mal mit Rolf Hermann zusammenspielen durfte, war ein Geschenk. Mit Tim Hornke habe ich mich in kleinen Duellen beim Fußball-Tennis oder Badminton gepusht. Und mit Nils Dresrüsse und Marcel Niemeyer waren wir Angeln. Super fand ich auch die Atmosphäre vor 4500 Zuschauern in der Lipperlandhalle. Die Verabschiedung nach dem Magdeburg-Spiel war für mich ein ganz spezieller Moment. Wie gerne hätte ich zum Ende meiner Karriere meinen großen Förderer dabei gehabt. Mein Vater, der Handball und ich, das gehörte zusammen."

Die Zukunft. Ein halbes Jahr möchte sich Arne Niemeyer zunächst eine Auszeit vom Handball gönnen. „Ich weiß ja gar nicht, wie das ist." Ob er danach spaßeshalber noch mal zum Ball greift, ist ungewiss. Die Trainer-B-Lizenz hat Arne Niemeyer schon länger in der Tasche. Vom anfänglichen Pädagogik-Studium ist er auf BWL umgeschwenkt und macht an der Uni in Oldenburg gerade seinen Bachelor. Am 1. September tritt er bei einem großen Unternehmen einen Job im Außendienst an.

Die Pläne für die letzte Auswärtsfahrt. „Ich werde sie genießen und freue mich, dass ich noch einmal mit meinem tollen Kollegen Tim Hornke das Zimmer teilen darf. Wir lagen immer total auf einer Wellenlänge und haben sogar ein gemeinsames Hobby entdeckt. Wir sind beide große Fans der ZDF-Serie ,Der Bergdoktor’ – sehr zur Freude unserer Mitspieler."

Hier geht's zur Übersicht der Neuzugänge und Abgänge beim TBV Lemgo

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