Fast wäre man versucht, Wladimir Putins Rede an die Nation als Wahlkampf zu bezeichnen. Kurz vor der Präsidentenwahl hat er so etwas wie eine Agenda 2030 vorgestellt, die vor sozialen und wirtschaftlichen Versprechungen ohne Gegenfinanzierung nur so überquoll. Nur gibt es in Russland keinen Wahlkampf, denn es kann niemand gegen Putin antreten. Andersdenkende werden wie Alexej Nawalny weggesperrt, mundtot oder gleich ganz tot gemacht. So gewinnt Putin auch ganz ohne Kampf die Wahl. Das ist feige. Aber das ist das Wesen von Diktatoren.
Putins Rede ist ein Zeugnis von Angst und Größenwahn zugleich. Er zeigt, wie schnuppe ihm die Mühen von Kanzler Olaf Scholz sind, der von Russland angegriffenen Ukraine keine Taurus-Raketen zur Verteidigung zu liefern, damit sich Moskau nicht provoziert fühlt. Gelassen droht der Kriegstreiber im Kreml mit russischen Waffen von einer Reichweite bis in den Westen. Das ist die Sprache, die er spricht und versteht. Und weil er im Gegensatz zu Scholz ein Mann ohne Gewissen ist, beschwört er gleich noch „die reale Bedrohung eines Atomkonflikts“, der die Zerstörung der Zivilisation bedeuten würde. Es sei ihm zugerufen: „Dann aber auch Deine, Putin!“
Sein Angebot an die USA zu einem Dialog über die allgemeine strategische Sicherheit in der Welt ist blanker Hohn. Soll er erstmal mit dem Töten in der Ukraine aufhören. Die Welt würde schnell sicherer. Für einen Blick hinter seine Drohgebärden war seine Ansprache aber aufschlussreich. Putin hat panische Angst vor Unruhe in seinem Land und einem Machtverlust.
Putins Botschaft an die eigene Bevölkerung: Alles wird besser
Nachdem er seine Einschüchterungsversuche abgespult hat, ging er zu Verheißungen für Russinnen und Russen über. Die Löhne werden steigen, arme Familien mehr Geld bekommen, die Gesundheitsversorgung verbessert, Sportanlagen gebaut, die Industrie modernisiert. Botschaft: Alles wird besser. Die Frauen mögen ihm nur bitte mehr Kinder gebären. Davon habe man zu wenig. Ohne Söhne und Töchter lassen sich Kriege wohl schwer führen. Wenn man auf seine 24 Amtsjahre schaut, könnte die eigene Bevölkerung aber auf die Frage kommen, warum es Russland trotz Putin so schlecht geht. Lohnt es sich dafür, die Männer im Krieg gegen die Ukraine verheizen zu lassen, der zwar à la Putins Gehirnwäsche eine „Spezialoperation“ ist, aber trotzdem Tote produziert?
Die von Moldau abtrünnige Region Transnistrien hat in Putins Rede zwar keine Rolle gespielt, aber er wird auch hier die Wahrheit verdrehen und dort für Destabilisierung sorgen. Passt jedenfalls genau in seinen Plan eines „neuen“ Russlands. Die Ex-Sowjetrepublik Moldau strebt wie die Ukraine in die EU, um sich vor Moskau in Sicherheit zu bringen. Nicht die Nato ist Russland zu nahe gekommen, sondern der Wunsch der Menschen nach Freiheit. Putin weiß, dass er in einer Demokratie nicht überleben würde. Und deshalb führt er Krieg. Und deshalb muss er ihn verlieren.