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Paderborn/Berlin

Oscar-Nominierung für Paderborner Produzenten

Paderborn/Berlin. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar wird der aus Paderborn stammende Ansgar Frerich vermutlich so zittern, wie noch nie. Geht es doch um nicht weniger als die Krönung seiner Karriere als Produzent und Tonmischer: den Oscar. Der 41-jährige Frerich ist für „Of Fathers And Sons" („Die Kinder des Kalifats") in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm" nominiert – zusammen mit Eva Kemme und Tobias N. Siebert aus der eigenen Firma Basis Berlin und Regisseur Talal Derki.

„Das ist der Wahnsinn", sagt Frerich und ist auch am Tag nach der Bekanntgabe der Nominierungen noch unfassbar glücklich. „Das passiert nicht oft im Leben." Das Team von Basis Berlin hat die Nominierungen live verfolgt. 15 Filme standen auf der sogenannten Shortlist, die seit Dezember bekannt war. „Schon darauf haben wir angestoßen."

"Die Chancen standen 1:3"

Da vier Nominierungen an vermeintliche Favoriten schon vergeben schienen – einer davon hat es dann nicht in die Runde der letzten fünf geschafft -, rechnete sich Frerich nicht mehr viel aus. „Die Chancen standen gefühlt 1:3", sagt er. Dabei hat der Film auch schon beim renommierten Sundance Festival abgeräumt.

„Of Fathers And Sons" erzählt die Geschichte einer radikalen islamistischen Familie und schildert dadurch die Strukturen im vom Krieg zerstörten Syrien. In Deutschland werde vor allem das radikalisierte Land mit zwei unvereinbaren Kriegsparteien gesehen, sagt Frerich. Regisseur Derki zeige auf diffizile Art den Weg der Protagonisten – und dass kein Mensch von sich aus gleich gut oder böse sei. Wer als Mann in dem Land bleibe, der müsse die Waffe für eine Seite ergreifen, sagt Frerich. Wer keinen anderen Menschen töten wolle und somit ein Kriegsverweigerer sei, der müsse flüchten.

Eine Welt, in der Hass und Gewalt normal sind

In sich funktioniere die Familie mit ihrer Vater-Söhne-Hierarchie und -Liebe. Zugleich sei es ein Leben jenseits gängiger Parameter. „Die Kinder wachsen in einer Welt auf, in der Hass und Gewalt ganz normal sind", sagt Frerich. „Der Krieg wird nicht in der Luft oder auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern in den Köpfen der nächsten Generation." Die Koran-Schule liefere Kindern Essen und etwas, an das sie glauben können. Sobald sie dann ins waffenfähige Alter kämen, zementiere jede auf sie geworfene Bombe ihre Weltsicht des Kalifats, ihren Hass und ihre Sehnsucht nach Rache. Hier gehen die Brüder Osama und Ayman verschiedene Wege. Als sein radikaler Vater ein Bein verliert, übernimmt Osama dessen Rolle und wird zum Krieger. Ayman ist dagegen nicht an Waffen interessiert und geht schließlich zur Schule.

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Mit Regisseur Derki hatte Frerich schon bei dem Dokumentarfilm „Return to Homs" zusammengearbeitet, in dem es um moderate Kämpfer in Syrien geht. „Of Fathers And Sons" ist für Frerich aber ein besonderes Projekt. Derki habe sehr viel riskiert und könne wohl nie mehr in sein Heimatland Syrien reisen. Unter dem Vorwand, neutraler Kriegsfotograf/-filmer zu sein, schlich er sich in die Familie ein. Innerhalb von zwei Jahren drehte er immer wieder und wurde zu einem Freund der Familie. Was paradox scheint, da er das, was er zeigt, eindeutig kritisiert.

Obwohl „Of Fathers And Sons" in Syrien spielt, diene der Film auch als Warnung für die Gesellschaft in Deutschland, sagt Frerich. Hier wie dort gehe es um die in einer verschobenen Gesellschaft fehlende Empathie für andere Menschen. Hierzulande zeige sich dies beim Blick auf das Thema Flüchtlinge. Wenn geflüchtete Menschen nur Bestandteile von Statistiken seien und mit Begriffen aus dem Bereich des Wetters beschrieben würden, dann seien die Mechanismen dieselben, betont Frerich. Sie führten zum Verlust demokratischer Werte – und dienten Populismus und Nationalismus.

Die Nominierung ist aus zwei Gründen wichtig

Zum richtigen Ton kam Ansgar Frerich durch Dietmar Ohm, seinen früheren Musiklehrer am Gymnasium in Paderborn-Schloß Neuhaus. Sein Lehrer sei in der Interpretation des Unterrichts sehr frei gewesen und habe viele Anregungen gegeben. „Er hat die Lust am Ton und an der Musik geschaffen", sagte Frerich, nachdem ihm vor dreieinhalb Jahren der Deutsche Filmpreis verliehen wurde. Mit dem Preis – der Lola – wurde Frerich bereits zweimal geehrt: 2011 gab es ihn für den Ton für den Film „Pianomania". 2015 wurde das Team der Firma Basis Berlin für „Who Am I – Kein System ist sicher" ausgezeichnet.

Die Oscar-Nominierung ist für den 41-Jährigen aus zwei Gründen wichtig. Der Preis sei nicht nur der bedeutendste der Filmbranche, er befeuere auch die Aufmerksamkeit für den Film. Schließlich sollen die Leute den Film sehen.

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