Detmold. Obwohl das Literatur- und Musikfest „Wege durch das Land" von der Insolvenz bedroht ist, sollen offenbar die bisher auf ein Jahr befristeten Verträge mit der künstlerischen Doppelspitze gleich um zwei weitere Jahre bis August 2019 verlängert werden. Bisher war immer von einer Neuausschreibung der Leitung die Rede gewesen.
Geführt wird WddL seit dem Rückzug von Brigitte Labs-Ehlert im vergangenen Jahr von Helene Grass (Intendanz) und Albrecht Simons von Bockum Dolffs (Dramaturgie). Entschieden werden soll über die beiden, die bereits signalisiert haben, weitermachen zu wollen, nach Recherchen dieser Zeitung auf der Gesellschafter-Versammlung am 5. April.
Dort wird es neben dieser Personalie vor allem um die desolate Finanzlage der gGmbH gehen. Denn nach Informationen dieser Zeitung beläuft sich das aktuelle Defizit nicht wie bisher berichtet auf 79.000 sondern auf 117.900 Euro.
Wie bedrohlich die Lage ist, geht aus einer Stellungnahme des kaufmännischen WddL-Geschäftsführers Siegfried Pick gegenüber den Gesellschaftern hervor: „Aus der Finanzvorschau für den März ergibt sich, dass die Gesellschaft mit den derzeit vorhandenen Finanzmitteln nicht sämtliche Verpflichtungen erfüllen kann, so dass dann die Zahlungsunfähigkeit eintreten wird, wenn bis dahin nicht der erforderliche Finanzbedarf abgedeckt worden ist."
Labs-Ehlert hält 50 Prozent der Namensrechte
Um noch rechtzeitig gegensteuern zu können, soll nun auf Vorschlag von Pick auf die Sondereinlagen zurückgegriffen werden, die die acht Gesellschafter bereits gewährt haben. Diese Zahlungen in Höhe von insgesamt 160.000 Euro waren ursprünglich dazu gedacht, der gGmbH die Rückzahlung der Landeszuschüsse zu ermöglichen. Sie waren daher von den Gesellschaftern zweckgebunden zugesagt worden.
Diese werden nun aufgefordert, die Zweckbindung aufzuheben, so dass mit diesem Geld das aktuelle Finanzdefizit gestopft werden kann. Offenkundig geht es bei diesem Manöver darum, sich Luft zu verschaffen. „Dadurch wird die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit im März in die Folgemonate verschoben", heißt es seitens des kaufmännischen Geschäftsführers, der aber auch gegenüber den Gesellschaftern mahnt, dass das „die grundsätzliche Problematik nicht endgültig löst".
Daher soll eine weitere Umlage der Gesellschafter in Höhe von jeweils 20.000 Euro erhoben werden, um die Gesellschaft weiter abzusichern.
Hintergrund dafür sind große Unwägbarkeiten, die die Gesellschaft zudem belasten. So ist noch immer nicht klar, in welcher Höhe die gGmbH die nicht ordnungsgemäß verwendeten Landeszuschüsse für die Jahre 2013-2015 zurückzahlen muss. Bisher ging es mit Zinsen um rund 160.000 Euro. Für die Jahre 2014 und 2015 besteht eine Vermögensschadensversicherung, die die Rückzahlungsforderung zu 90 Prozent übernehmen könnte.
Ob die Versicherung zahlt, soll aber noch nicht feststehen. Das Problem: Laut Informationen dieser Zeitung würde die Bezirksregierung bei Übernahme der Kosten durch die Versicherung die 25-prozentige Härtefallregelung aussetzen. Dann würde Detmold 393.000 statt 160.000 Euro zurückfordern und die Gesellschafter müssten trotz Versicherung zahlen. Derzeit laufen dazu aber noch Gespräche mit Detmold. Ausgang ungewiss.
Warum werden keine Regressansprüche geltend gemacht?
Angesichts dieses finanziellen Desasters, das die ehemalige Künstlerische Leiterin Brigitte Labs Ehlert mit der nicht ordnungsgemäßen Abrechnung und Vergabe von Landesmitteln ausgelöst hat, fragen sich Beobachter, warum die Gesellschafter bisher keine Regressansprüche gegenüber der Ex-Leiterin geltend gemacht haben. Zumal eine Klage bereits in Erwägung gezogen wurde als der Skandal im Frühjahr 2016 bekannt wurde.
Eine mögliche Antwort darauf gibt ein Positionspapier der WddL gGmbH für die Landrätekonferenz vom 7. März, das dieser Zeitung vorliegt. Daraus geht hervor, dass die Namensrechte von WddL zu 50 Prozent bei Labs-Ehlert und zu 50 Prozent beim Literaturbüro liegen. Das hat Folgen.
In dem Papier heißt es: „Mit Frau Labs-Ehlert sollte geregelt werden, dass sie ihren Anteil an den Namensrechten im Gegenzug zu der Freistellung von Regressansprüchen an die WddL gGmbH (kostenfrei) überträgt." Ein Deal, der ausgerechnet diejenige schützen würde, die die Misere maßgeblich verursacht und das Festival in die Schieflage gebracht hat.
Auch das Literaturbüro sollte gemäß dem Papier seinen Anteil an den Namensrechten auf die gGmbH übertragen. Auch dort sollte es einen Deal geben: „Im Gegenzug könnten finanzielle Erleichterungen ausgehandelt werden." Das Literaturbüro ist der größte Gesellschafter von WddL.
Jede Menge Unwägbarkeiten also vor der entscheidenden Sitzung der Gesellschafter – und das rund ein Jahr nach dem Beginn der Misere und wenige Wochen vor dem Start der 18. Auflage des Festivals am 25. Mai.
Chronik eines Finanzdebakels
- Im Februar 2016 machte diese Zeitung öffentlich, dass die WddL gGmbH und das Literaturbüro Landesfördermittel in Höhe von 134.500 und 83.000 Euro zurückzahlen müssen wegen Verstößen bei der Verwendung von Landesmitteln in den Jahren 2010-2012.
- Das Land setzte zudem seine Förderung aus. Die Insolvenz drohte.
- Auf Druck der Gesellschafter trat kurz darauf Brigitte Labs-Ehlert, künstlerische Leiterin beider Einrichtungen, zurück.
- Im Oktober wurde zudem bekannt, dass WddL zudem für die Jahre 2013-2015 Fördermittel in Höhe von 156.000 Euro zurückzahlen muss. Die Gesellschaft geriet erneut unter Druck. Um die Summe zurückzahlen zu können und die Insolvenz abzuwenden, stellen die acht Gesellschafter je 20.000 Euro zur Verfügung.
- Im März wird ein neues Finanzloch in Höhe von 117.900 Euro bekannt. Auch die Förderung des Landes ist weiterhin ungewiss. Es droht erneut die Insolvenz.
Kommentar: "Endlich professioneller ausstehen"
von Stefan Brams
In wenigen Wochen startet die 18. Auflage des Festivals „Wege durch das Land". Doch ein Jahr nach dem Finanzskandal, der das Festival in schwere Turbulenzen stürzte, ist dessen Zukunft noch immer nicht gesichert. Erneut droht die Insolvenz, weil plötzlich ein neues Finanzloch in Höhe von 117.900 Euro aufgetaucht ist. Von einem notwendigen Kassensturz ist die Rede, dabei dachte man, dass dieser längst erfolgt sei.
Nun also sollen die Gesellschafter, die schon einmal je 20.000 Euro gezahlt haben, nochmals dieselbe Summe aufbringen, um das Festival erneut zu retten. Klingt nicht nach viel Geld, aber nur zur Erinnerung, das sind Steuermittel, ebenso wie die Landesfördermittel in Höhe von 187.000 Euro, die die gGmbH braucht, um weitermachen zu können.
Auch die sind noch nicht freigegeben. Die Begründung der Bezirksregierung in Detmold dazu liest sich wie eine schallende Ohrfeige für die kaufmännische Geschäftsführung, aber auch für den Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung. Moniert werden „nicht vollständige und nicht schlüssige Antragsunterlagen", das erneute Finanzloch und dass nicht zu erkennen sei, „von welchen Personen mit welchen Qualifikationen die Gesellschaft im gesamten Jahr 2017 vertreten wird". Erfolgreiches Krisenmanagement sieht anders aus.
Konsequenzen sind gefordert und sollen – wie zu hören ist – am 5. April auf der Gesellschafterversammlung auch gezogen werden. Dafür wird es auch höchste Zeit, denn wer weiterhin mit öffentlichen Mitteln gefördert werden will, der sollte parallel zu der bereits erfolgreich agierenden neuen künstlerischen Leitung auch endlich eine professionellere kaufmännische Geschäftsführung und einen starken Vorsitzenden an der Spitze der Gesellschafterversammlung ins Rennen schicken.
Wie es überhaupt an der Zeit ist, die völlig unterkapitalisierte Gesellschaft, die jährlich 25 Veranstaltungen und eine Million Euro an Sponsorengeldern bewegt, grundlegend neu zu organisieren, damit dieser kulturelle Leuchtturm der Region erhalten bleibt und nicht weiter von Finanzloch zu Finanzloch taumelt und immer wieder neue öffentliche Gelder allein zu seinem Erhalt verbraucht.