Die Gesichter des Holocaust: LZ blickt auf 19 Prozesstage zurück

Am Freitag, 17. Juni, geht das größte und teuerste Verfahren in der Geschichte des Landgerichts Detmold zu Ende

Silke Buhrmester

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Der Angeklagte: Rund 70 Jahre liegen zwischen den beiden Fotos von Reinhold Hanning – als SS-Mann und als Angeklagter vor dem Detmolder Landgericht. - © Montage: Benjamin Möller/Fotos: Privat, Preuß
Der Angeklagte: Rund 70 Jahre liegen zwischen den beiden Fotos von Reinhold Hanning – als SS-Mann und als Angeklagter vor dem Detmolder Landgericht. (© Montage: Benjamin Möller/Fotos: Privat, Preuß)

Detmold. Es ist einer der letzten, vielleicht der letzte Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann von Auschwitz. Gerade in den ersten Tagen des Verfahrens gegen den heute 94-Jährigen Reinhold Hanning, für das das Landgericht extra den großen Saal der Industrie- und Handelskammer angemietet hat, ist das Interesse riesig.

Die Nebenkläger Erna de Vries, Justin Sonder und Leon Schwarzbaum geben schon am Tag vor dem Prozessbeginn eine Pressekonferenz. Medien aus aller Welt berichten von den grauenhaften Auschwitz-Erlebnissen der drei, dass sie im Lager misshandelt wurden und knapp dem Tod entgingen, während der Rest ihrer Familie kaltblütig ermordet wurde.

Und da soll nun einer dieser Täter auf der Anklagebank Platz nehmen. Ist ihm das Grauen, das er vor mehr als sieben Jahrzehnten in Auschwitz täglich gesehen hat, an dem er in irgendeiner Form mitgewirkt hat, anzusehen? Gespanntes Warten. Von dem Mann, dem Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im KZ Auschwitz vorgeworfen wird, existiert bislang nur ein einziges Bild, mehr als sieben Jahrzehnte alt, in SS-Uniform.

Dann wird er hereingeführt, gestützt von seinen Begleitern, ein alter Mann mit schlohweißem Haar, im beigen Anzug und gelben Pullunder. Einer dieser alten Herren, wie man sie beim Einkaufen, beim Arzt oder im Park trifft. Er lässt den Blick gesenkt, wie so oft in den folgenden Prozesstagen. Aus Scham? Aus Furcht? Oder aus Desinteresse? Hannings Schweigen gibt Raum für Spekulationen.

Die Opfer dagegen, sie reden. Es ist ganz still im Saal, als Mordechai Eldar erzählt, wie die Kinder in Birkenau missbraucht wurden. Die Bestürzung und Beklemmung ist fühlbar, als Irene Weiß die Fotos ihrer beiden Brüder und der Mutter zeigt, die arglos im Birkenwäldchen sitzen – nur wenige Meter entfernt von der Gaskammer, in der sie kurz darauf ermordet werden. Die Details einer jeden Geschichte sind so furchtbar, dass Zuschauer anfangen zu weinen. Das haben Deutsche getan, unsere Väter, unsere Großväter. Viele haben nie über den Krieg gesprochen, doch ihre Orden in Ehren gehalten – wie Hanning.

Zeitzeugin und Nebenklägerin Erna de Vries erzählte der LZ ihre Geschichte

Dessen Familienangehörige, Sohn und Enkelkinder, verfolgen den Prozess. Was geht in ihnen vor, während sie die Zeitzeugen-Berichte hören? Oder als die Vorsitzende Richterin Anke Grudda eine halbe Stunde lang die Todeslisten der sofort nach der Ankunft vergasten Menschen verliest? Der Toxikologe Dr. Thomas Daldrup erklärt die Wirkweise des in den Gaskammern verwendeten Zyklon B.

Wissenschaftlich-nüchtern gerät der Vortrag – einige Nebenkläger-Anwälte echauffieren sich. Daldrup zeige keine Empathie mit den Opfern. Seine Schilderungen genügen jedoch, um sich den Todeskampf und die letzten Gedanken vorzustellen. Das Zellgift ist etwas leichter als Luft. Nach dem Einwurf in die Schächte stiegen die tödlichen Dämpfe langsam vom Boden auf. Die Kinder starben zuerst. Und dort sitzt der Familienvater und Opa noch immer reglos in seinem Rollstuhl.

Bis zum 29. April schweigt er. An diesem 13. Prozesstag verliest Verteidiger Johannes Salmen die 22-seitige Erklärung des Angeklagten, bevor dieser, mit erstaunlich fester Stimme, erstmals selbst das Wort ergreift. Er schäme sich und entschuldige sich „einer verbrecherischer Organisation angehört zu haben". Kein Wort jedoch über eigene Taten. Er übernehme keine Verantwortung, nenne keine Details aus dem Vernichtungslager, sage nicht, was er getan habe, werden die Nebenkläger-Vertreter später bemängeln. Es klinge, als sei er nur Außenstehender gewesen.

Weil er sich zu einer konkreten Tatbeteiligung nicht äußert, versuchen einige Nebenkläger-Vertreter in den nächsten Wochen, weitere Beweise zu liefern. Doch die Anträge laufen ins Leere. Protokolle aus der dreimonatigen Telefonüberwachung werden nicht verlesen, weil die KZ-Zeit in Hannings Telefonaten keine Rolle spielte.

Als Nebenkläger-Anwalt Markus Goldbach mit dem 88-jährigen Joshua Kaufman aus den USA einen weiteren Überlebenden am 14. Prozesstag völlig überraschend im Saal präsentiert, das Gericht diesen als Zeugen aber ablehnt, kommt es zum Eklat: Goldbach wirft den Richterinnen mangelnde Empathie vor, sein Kollege Christoph Rückel stellt einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer.

Der wird später abgewiesen. Doch es wird deutlich, dass das Lager der Nebenkläger gespalten ist. Bei vielen stößt Rückels Befangenheitsantrag auf Unverständnis. Als Goldbach am 17. Prozesstag erneut einen potenziellen Zeugen – diesmal den renommierten Auschwitz-Experten Gideon Greif aus Israel – mit in den Saal bringt und seine Vernehmung beantragt, gibt es erneut Unmut. Das Gericht weist den Antrag ab, Greifs Forschungsergebnisse seien historisch belegte Tatsachen. Verteidiger Salmen tadelt Goldbachs „unqualifizierten Antrag". Onur U. Özata wirft Goldbach „Prozessverschleppung" vor. Doch der Zeitplan kann wider Erwarten eingehalten werden.

In ihren Plädoyers sind sich die Nebenkläger-Vertreter dann wieder einig. Sie kritisieren die jahrzehntelange mangelnde Bereitschaft der Justiz, NS-Verbrecher zu verfolgen. Und sie lassen kaum ein gutes Haar an Hannings Erklärung: „Er hat nichts zur historischen Wahrheit beigetragen", sagt Anwalt Christoph Rückel am 18. Tag. Viele seiner Kollegen teilen die Einschätzung. Thomas Walther spricht von dem – unbeteiligten – „Spaziergänger von Auschwitz", Ernst von Münchhausen vom „guten Mann von Auschwitz".

Längst ist Reinhold Hanning wieder ins Schweigen verfallen. Auf ein letztes Wort verzichtet er. Erhoffte Antworten auf das Warum haben die Nebenkläger nicht erhalten. Für Freitag wünschen sie sich ein „Urteil mit Fingerspitzengefühl". Die Erwartungen sind hoch. Die Staatsanwaltschaft hat sechs Jahre Haft gefordert. Der Beihilfe zum Mord habe sich Hanning allein durch seine SS-Wachtätigkeit in Auschwitz schuldig gemacht. Die Verteidigung hat auf Freispruch plädiert, da es keine konkrete Tatbeteiligung gebe.

Es geht den Überlebenden um Gerechtigkeit. Und das Nicht-Vergessen. Letzteres haben sie erreicht. Der Detmolder Auschwitz-Prozess hat dem Holocaust ein Gesicht, nein, viele Gesichter, gegeben.

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Information

Fakten zum Detmolder NS-Prozess

  • Noch nie zuvor hat es am Detmolder Landgericht einen Prozess wegen NS-Verbrechen im KZ Auschwitz gegeben
  • Prozessauftakt war am 11. Februar, insgesamt gab es bis heute 19 Verhandlungstermine à zwei Stunden
  • 19 Anwälte vertreten insgesamt 57 Nebenkläger, unter anderem aus Deutschland, Kanada, den USA, Ungarn und Israel
  • 18 Zeugen werden vernommen, elf Nebenkläger, zudem Polizeibeamte, Historiker und medizinische Gutachter
  • Die Gerichtsakten füllen fast 60 Leitz-Ordner: Die Hauptakte, insgesamt 3.413 Seiten stark, umfasst acht Ordner, die Akten der Nebenkläger vier Ordner, 25 Ordner enthalten schriftliche Zeugenaussagen, zum Teil aus den 60er-Jahren
  • Die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Anke Grudda will am Freitag, 17. Juni, um 14 Uhr das Urteil verkünden

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