Im NVA-Lada über die Autobahn

Augustdorfer war einer der ersten Bundeswehrsoldaten in den neuen Ländern

Patrick Bockwinkel

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  2. 25 Jahre Einheit
Lutz Müller mit Kameraden aus dem Osten vor der NVA. - © privat
Lutz Müller mit Kameraden aus dem Osten vor der NVA. (© privat)

Augustdorf. Am frühen Morgen des 3. Oktober 1990, die Deutsche Einheit ist erst wenige Stunden alt, machen sich einige Soldaten der Bundeswehr aus Augustdorf auf den Weg in die ehemalige DDR. Ihr Ziel ist eine Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA) in Potsdam. Dort sollen sie die Ex-Angehörigen der DDR-Streitkräfte dabei unterstützen, die Strukturen der Bundeswehr zu übernehmen (siehe Kasten).

Problemlos überquert der olivfarbene Geländewagen mit Y-Kennzeichen die ehemalige innerdeutschen Grenze an der A2 bei Helmstedt. „Als wir an den großen Scheinwerferanlagen am Grenzübergang und den Hammer-und-Sichel-Zeichen vorbeigefahren sind, waren wir ziemlich angespannt. Schließlich war es vorher undenkbar, dass unsereins in die DDR reist“, berichtet der Augustdorfer Lutz Müller. Er war damals Berufssoldat und gehörte zu dem kleinen nach Potsdam reisenden Bundeswehr-Team.

Als die Westdeutschen dort ankommen, fallen Müller die Gebäude auf. „Fast alles war aus Beton, stammte noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und war in einem schlechten Zustand“, sagt Müller. Vor einem Stabsgebäude begegnen er und seine Kameraden den Soldaten, denen sie bis vor kurzem allenfalls bei einer Eskalation des Ost-West-Konflikts bewaffnet gegenübergestanden hätten. Zum Kennenlernen gibt’s Kaffee – ein für die Westdeutschen gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. „Das Pulver wurde in den Tassen mit heißem Wasser aufgegossen, was beim Trinken schön zwischen den Zähnen knirschte“, berichtet Müller. In ersten Gesprächen nähern sich Ost- und Westdeutsche langsam an.

„Diese ersten Begegnungen haben sich ins Gedächtnis eingebrannt“, sagt Lutz Müller, der damals Hauptfeldwebel war. „Die ehemaligen NVA-Angehörigen waren uns gegenüber sehr skeptisch. Für die waren wir bis vor kurzem noch der Klassenfeind, der ihrer Ansicht nach bis an die Zähne bewaffnet als Aggressor hinter der Grenze lauerte“, erzählt er. „Ein Major, der fachlich sehr fähig war, glaubte wirklich, dass wir bei der Bundeswehr Tag und Nacht aufmunitioniert auf unseren Panzern saßen, um jederzeit gen Osten rollen zu können“, berichtet der heute 62-Jährige.

In vielen Gesprächen habe er versucht, den Skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen. Als das alles nichts brachte, fuhr Müller mit ihm und einigen anderen ostdeutschen Soldaten wenige Tage nach der Vereinigung in einem NVA-Lada kurzerhand in die Rommel-Kaserne nach Augustdorf. „Dort haben wir ihnen die Munitionsbunker, unsere Panzer und das eingelagerte Gerät gezeigt“, sagt Müller. „Als der Major gesehen hat, dass wir mehrere Tage gebraucht hätten, um einsatzbereit zu sein, ist sein Weltbild wie ein Kartenhaus zusammengefallen“, erinnert sich der Augustdorfer. Nach der Vereinigung habe er mehrfach vor 200 Ex-NVA-Mannschaftsdienstgraden gestanden und diverse Fragen beantwortet, ob nun immer noch deren private Post gelesen oder am Kasernentor die Rucksäcke durchsucht würden. „Dinge, die für uns völlig unvorstellbar waren“, sagt Müller, der daraufhin die im Grundgesetz festgeschriebenen Werte vermittelt habe.

Mehrere Monate sei er vor 25 Jahren in den neuen Bundesländern gewesen. Die zahlreichen Erinnerungen an diese geschichtsträchtige Zeit wird er nie vergessen – wie die erste Fahrt über die ehemalige innerdeutsche Grenze am Morgen des 3. Oktober 1990.

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