Augustdorf.„Augustdorf braucht Lösungen, nicht nur Worte“. Mit diesem Satz leitet FDP-Bürgermeisterkandidat Roger Ritter eine Mitteilung zur Augustdorfer Problem-Siedlung „Am Dören“ ein. Kurz zusammengefasst schlägt er vor, dass die Gemeinde die Mehrfamilienhäuser aus der Insolvenzmasse der Düsseldorfer Firma Bevo DE alpha 3d herauskauft und in eine noch zu gründende Genossenschaft nach dem „Detmolder Modell“ überführt. Die anderen Ratsfraktionen antworten schnell auf eine LZ-Anfrage nach ihrer Sichtweise. Es ist Wahlkampf. Eigentlich sei er als FDP-Mann für freien Handel und Eigenverantwortung von Bürgern und Unternehmen, schreibt Ritter. „Aber: Ein Markt funktioniert nur dann, wenn er auch tatsächlich Leistung bringt, Wettbewerb ermöglicht und Verantwortung übernimmt. Am Wohngebiet „Am Dören“ erleben wir seit Jahren das Gegenteil – hier funktioniert der Markt nicht. Statt Investitionen, Instandhaltung und Entwicklung erleben wir Leerstand, Verfall und soziale Probleme. Die Siedlung nördlich der Kaserne sei aber mit 300 Wohnungen Augustdorfs größter zusammenhängender Wohnungsbestand. Und dauerhaft bezahlbarer Wohnraum habe für die Gemeinde eine zentrale Bedeutung. FDP-Vorschlag: Gezielte Sanierung mit Fördermitteln Mit der Gemeinde als Eigentümerin könne man Leerstände abbauen, Sanierungsstaus auflösen und das Wohnumfeld verbessern. Auch eine bessere soziale Durchmischung könne der Siedlung helfen. „Eine gemeindliche Lösung eröffnet uns den Zugang zu erheblichen Fördermitteln von Land, Bund und EU. Diese Gelder können gezielt in Sanierung, energetische Modernisierung und soziale Projekte fließen – Mittel, die privaten Investoren so nicht zur Verfügung stehen.“ Als konkrete nächste Schritte nennt Ritter den sofortigen Kontakt mit dem Insolvenzverwalter, um die Besitz- und Entscheidungssituation zu klären. Eine Abstimmung mit der Bezirksregierung und dem Land, um Fördermittel zu sichern. Sowie alle Beteiligen an einen Tisch zu bringen. Er habe früher engen Kontakt zu den damaligen Eigentümern gehabt, antwortet Ritter auf eine LZ-Anfrage. Er beschäftige sich schon lange mit Lösungswegen für die Siedlung. „Mir ist es wichtig, dass wir in Augustdorf ein konkretes, umsetzbares Konzept entwickeln, das wir auch im Rat beschließen und gemeinsam tragen können.“ Selbstverständlich sei er bereit, bereits jetzt Kontakt mit dem Insolvenzverwalter aufzunehmen. „Erfahrungsgemäß warten diese jedoch lieber, bis gewählte Vertreter das direkte Gespräch führen.“ SPD hat bereits Kontakt nach Detmold aufgebaut „Es freut mich, dass nun auch die FDP meine Idee zur Siedlung ,Am Dören’ unterstützt“, antwortet Mats Uffe Schubert, Bürgermeisterkandidat der SPD auf die Anfrage der LZ. Er habe seine Vorstellungen bereits am 29. Juli beim LZ-Wahlmobil und am 10. August im Kandidateninterview in der LZ geäußert. „Ich konnte bereits erste Ideen mit dem Detmolder Bürgermeister Frank Hilker austauschen. In der Detmolder Britensiedlung hat Bürgermeister Hilker ein kommunales Genossenschaftsmodell sehr erfolgreich umgesetzt.“ Allerdings seien auch städtebauliche Maßnahmen in der Augustdorfer Siedlung nötig, um ein attraktives Wohnumfeld schaffen zu können. DBA ärgert sich über Wahlkampfgetöse Lutz Müller von der Demokratischen Bürger-Union (DBA) meldet sich auf die LZ-Anfrage und weist darauf hin, dass schon Ende November 2019 drei Ratsfraktionen die „Aufwertung des Quartiers ,Am Dören’“ beschlossen hätten. „Es hat ja Gründe, dass dieser Antrag seit sechs Jahren im Raum steht. Wenn wir eine Lösung hätten herbeiführen können, wäre das in den sechs Jahren passiert.“ Die Eigentümer der Wohnungen wechselten genauso regelmäßig wie Dienstleister und Hausmeister. „Nur die Grundsteuer fließt beständig.“ Seine Fraktion hätte lieber erst Rechtssicherheit hergestellt, bevor sie an die Öffentlichkeit gegangen wäre: „Gibt es Fördergelder? Bei welchen Voraussetzungen?“ In der Mitteilung der FDP seien Dinge aufgezählt, die vielleicht möglich seien. Ob sie es wirklich seien, müsse geprüft werden. Müller vermisst konkret ausgearbeitete Vorschläge und sieht die FDP-Mitteilung als „Wahlkampfgetöse“. FWG wünscht sich Leuchtturmprojekt Die Freie Wählergemeinschaft (FWG) warnt vor Populismus: „Es braucht eine gemeinsame Lösung aller demokratischen Fraktionen. Dieses Projekt ist zu groß und zu bedeutend, um in parteipolitischer Abgrenzung bearbeitet zu werden“, schreibt Dennis Marx, stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Das Ziel müsse die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen „Am Dören“ und in der ganzen Gemeinde sein. Grundsätzlich halte man die Gründung einer Genossenschaft für einen konstruktiven Ansatz. „Neben der Sanierung der vorhandenen Gebäude sollte das Gebiet auch durch neue Bauformen ergänzt werden – etwa Einfamilien- oder Reihenhäuser.“ Eventuell ließen sich durch ein Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK) Fördermittel bekommen. Außerdem könne das Quartier als Sanierungsgebiet ausgewiesen werden. „Die FWG wünscht sich, dass dieses Projekt als gemeinsames Leuchtturmvorhaben verstanden wird.“ CDU ver weist auf klamme Kassenlage Auch die CDU sieht im Wohnquartier „Am Dören“ akuten Handlungsbedarf, hält aber eine Beteiligung der Gemeinde an einer Genossenschaft zur Übernahme der Siedlung „unter den aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen“ für überhaupt nicht realisierbar. „Ein derartiges Engagement würde erhebliche zusätzliche personelle und verwaltungstechnische Ressourcen binden“, schreibt Fraktionsvorsitzender Wolfgang Hupke. „Öffentliche Körperschaften sollten nicht ins Marktgeschehen eingreifen und sich über die Mieterschutzgesetze hinaus nicht in die Wohnungswirtschaft einmischen.“ Gerade im Baubereich stoße die Gemeinde schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen. „Noch gewichtiger sind die finanziellen Risiken: Angesichts eines geschätzten Kaufpreises von rund 15 Millionen Euro sowie der beträchtlichen notwendigen Investitionen in Sanierung und Modernisierung wäre ein finanzielles Engagement in dieser Größenordnung für die Gemeinde nicht leistbar, ohne andere wichtige Projekte zu gefährden.“ Thomas Katzer, jetziger Bürgermeister der Gemeinde, möchte sich „aus Gründen der Neutralität“ zum Wahlkampfthema Siedlung „Am Dören“ nicht äußern.