Bad Salzuflen. Wie steht es um die Integration in der Stadt? Was bewegt Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind? Der Salzufler Integrationsrat ist Ansprechpartner für Menschen mit Migrationshintergrund und kümmert sich auch um Fragen der Flüchtlingspolitik. Die Vorsitzenden Perwer Shamoo und Selma Karacan sprechen im Interview über Heimat, den Anschlag von Hanau und das Zusammenleben in Bad Salzuflen. Frau Karacan, Herr Shamoo, was genau bedeutet für Sie Integration? Perwer Shamoo: Wichtig ist für mich, dass man die Sprache des Landes spricht, in dem man lebt. Das ist der erste Schritt, den man machen muss. Das ist die Voraussetzung für alles, um mit den Menschen um sich herum in Kontakt zu kommen. Selma Karacan: Ja, Sprache ist entscheidend. Mein Vater ist mit 19 Jahren nach Deutschland gekommen und hat sofort Deutsch gelernt. Als er meine Mutter nachgeholt hat, war es bei ihr dasselbe. Meine Eltern haben die Sprache durch Arbeitskollegen gelernt, in den Fabriken, in denen sie gearbeitet haben. Wie ist es um die Integration in Bad Salzuflen bestellt? Shamoo: Ich denke, wir haben als Integrationsrat sehr gute Arbeit gemacht. Wir haben beispielsweise einen muslimischen Friedhof auf den Weg gebracht, nun bereiten wir einen für Jesiden vor. Wir laden Ausländerbehörde, Jobcenter, Vereine und Institutionen ein, die von ihrer Arbeit berichten. Der Integrationsrat arbeitet unter anderem auch mit an einem neuen Leitbild für Bad Salzuflen. Aber das alles ist sehr zeitintensiv, und für uns ist das ein Ehrenamt. Daneben gehen wir ja ganz normal arbeiten. Wir könnten sicher noch viel, viel mehr machen, wenn es eine bezahlte Stelle wäre und man sich ganz darauf konzentrieren könnte. Wir würden beispielsweise gerne noch mehr Veranstaltungen für Deutsche und die Neu-Deutschen organisieren, wie ich sie nenne (lacht). Sind die Veranstaltungen erfolgreich? Shamoo: Als Flüchtlinge in der ehemaligen Britensiedlung untergebracht worden sind, gab es viele Ängste und Vorbehalte bei den Nachbarn. Ich habe damals beim Verein awb gearbeitet und zum gemeinsamen Kochen eingeladen, das hat sehr geholfen. Karacan: Zusammen mit der Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katrin Klei, haben wir ein Deutsch-Café veranstaltet, wo wir Flüchtlingen spielerisch Deutsch beigebracht haben, beispielsweise beim Memory-Spielen. Daran haben sich Deutsche beteiligt, die gut Englisch sprechen und auch eine Frau – eine Deutsche – die Arabisch kann. Frau Karacan, Ihre Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, Sie sind in Detmold geboren und in Blomberg aufgewachsen. Haben Sie sich als Kind als Migrantin empfunden? Karacan: Als Ausländerin? Nein, das habe ich nicht. Ich habe mich nie als Migrantin gefühlt. In Blomberg hat es viele Menschen aus anderen Ländern gegeben. Erst jetzt fängt es bei mir an, dass ich Angst um mein Kind haben muss, aufgrund der ganzen Geschichten, die jetzt passieren. Auch durch meine Arbeit im Integrationsrat bekomme ich mit, wie schwer es für manche Menschen ist, sich zu integrieren. Sie machen und tun und gehen arbeiten, trotzdem bekommen sie zu hören, dass sie Ausländer sind. Zu meiner Zeit war das kein Thema, in den letzten Jahren hat sich die Stimmung geändert. In Bad Salzuflen spüre ich das Gott sei Dank noch nicht, aber sicher fühle ich mich in Deutschland nicht mehr. Sie sprechen den Anschlag in Hanau an, bei dem ein Rassist insgesamt zehn Menschen ermordete. Karacan: Nicht nur den, es gibt auch Anschläge auf Moscheen in Frankreich, aber es kommt immer näher. Natürlich mache ich mir da Gedanken. In Hanau waren die Opfer vor allem junge Menschen, die nach dem Feierabend in Shisha-Bars chillen wollten. Das hat mich betroffen gemacht, ich habe ja auch ein Kind.Shamoo:Die Jugendlichen machen sich Sorgen. Ich höre ja, was sie sich erzählen. Sie sagen, dass sie sich nicht sicher fühlen. Ich kenne eine Mutter, die ihrem Sohn sagt: „Steh nicht da, wo die Dunkelhaarigen stehen, sondern da, wo die Deutschen stehen." Alle machen sich Sorgen: Mütter, Väter und Kinder. Man denkt zwar, Hanau ist weit weg von uns, aber es kann überall passieren. Herr Shamoo, was bedeutet Heimat für Sie? Shamoo: Ich bin Kurde und habe nie ein Gefühl von Heimat gehabt, da wir überall verfolgt worden sind. Meine Kinder sind hier geboren, für sie ist Deutschland Heimat. Ich fühle mich aufgrund meines deutschen Passes frei, ich kann mich frei bewegen. Für das Zusammenleben sollte es keine Rolle spielen, woher jemand kommt, welche Hautfarbe er hat oder welcher Religion er angehört, solange man sich gegenseitig respektiert. Es ist gut möglich, dass die AfD nach den Kommunalwahlen im September im Stadtrat vertreten ist. Wie beurteilen Sie die Erfolge der Partei? Shamoo: Ich finde das schrecklich. Karacan: Das liegt aber auch an der falschen Politik von Frau Merkel und anderen Politikern. Wie meinen Sie das? Karacan: Ich will nicht falsch verstanden werden, aber es gibt Flüchtlinge, die vor Krieg und Vergewaltigung flüchten. Diesen Menschen muss man helfen. Für Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, müsste es andere Regelungen geben. Ich finde, dass sie nicht unbedingt im selben Maß unterstützt werden sollten wie Kriegsflüchtlinge. Denn es gibt auch viele Deutsche, die dringend Unterstützung bräuchten. Was würden Sie sich für Ihre künftige Arbeit in Bad Salzuflen wünschen? Shamoo: Ich würde mir wünschen, dass auch Deutsche zu uns kommen, wenn sie Fragen haben zu Flüchtlingen oder zur Integration. Viele Menschen fürchten sich ja auch, weil sie einfach nicht genügend Informationen haben. Persönlich Perwer Shamoo und Selma Karacan engagieren sich seit mehr als fünf Jahren im Integrationsrat. Die Eltern von Selma Karacan stammen aus der Türkei. Die heute 46-Jährige wurde in Detmold geboren und wuchs in Blomberg auf. Die Friseurin und Visagistin ist Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Perwer Shamoo ist 54 Jahre alt, wurde in Syrien geboren und wuchs im Irak auf. Der Familienvater lebte einige Jahre in Schweden, bevor er nach Bad Salzuflen kam. Der Integrationsrat besteht laut Stadt aus 15 Mitgliedern. Davon sind zehn direkt gewählt (im Regelfall Migranten), und fünf sind vom Rat bestellte Mitglieder. Rat und Integrationsrat sollen sich über Themen und Aufgaben der Integration abstimmen. Erstmalig fand am 14. September 2014 die Wahl zum Integrationsrat statt.