Bad Salzuflen
Verschickungskinder zur Kur in Bad Salzuflen: Von belastenden Erinnerungen
| von Alexandra Schaller

Ein Erinnerungsfoto an die III. Kur in der Kinderheilanstalt 1911. Links ist die Leiterin der Anstalt, die Diakonisse Pauline Hilburg, abgebildet. - © Repro: Stadtarchiv
Ein Erinnerungsfoto an die III. Kur in der Kinderheilanstalt 1911. Links ist die Leiterin der Anstalt, die Diakonisse Pauline Hilburg, abgebildet. (© Repro: Stadtarchiv)

Bad Salzuflen. Rita Conradi (62) kann sich an den großen Speisesaal erinnern, als wäre es gestern gewesen. An die zwei Teller Suppe, die die Kinder jeden Abend essen mussten. An das Mädchen neben ihr, das die Suppe immer wieder erbrach. Und ihr eigenes Erbrochenes essen musste, bis der Teller leer war. Sie erinnert sich an die Maden in den Äpfeln, die sie schälen mussten. An die Drohung, sonst Weihnachten nicht nach Hause zu dürfen. An die Taschenlampe, mit der man ihr nachts ins Gesicht geleuchtet hatte. An ein Abendessen allein auf dem Flur, weil sie eine Vase umgeworfen hatte.Sie ist eines von zwei Millionen Verschickungskindern, die allein in NRW zwischen 1949 und 1990 zur Kur in Heime im ganzen Land geschickt wurden.

Dass auch Bad Salzuflen über fast ein Jahrhundert ein bekannter Kinderkurort war, ist laut Historiker Dr. Stefan Wiesekopsieker heute fast vergessen. Dabei kamen ab 1870 jedes Jahr Tausende Kinder in die Salzestadt, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg boomte das Geschäft, das sich hier bis in die 1970er Jahre hielt.Conradi, die damals noch Rita Wien hieß, hat ab November 1968 sechs Wochen in der Kinderheilanstalt Bethesda verbracht. An der Moltkestraße, wo heute das Altenheim steht.

Postkarte weckt Erinnerungen

Die 62-Jährige kam aus Dortmund, lebt noch heute dort. Sie arbeitet im Einzelhandel, ist verheiratet und hat eine Tochter.Die Erinnerungen kamen zurück, als Rita Conradi vor gut einem halben Jahr eine alte Postkarte fand, geschrieben von ihr selbst als kleines Mädchen in der Kur an ihre Eltern. „Ich weiß noch, dass ich nicht das schreiben durfte, was ich wollte", erzählt sie. Eine Diakonisse habe hinter ihr gestanden und den Text vorgegeben.

Nach dem Fund taucht sie ins Thema ein, sieht Fernsehbeiträge über Verschickungskinder, vernetzt sich in Facebook-Gruppen mit anderen Betroffenen. Plötzlich ist das Erlebte präsenter denn je. Manche Erinnerungen sind gestochen scharf, anderes will einfach nicht zurückkehren, so sehr sie es auch versucht. Die Fahrt nach Bad Salzuflen mit dem Zug, der übrige Alltag während der Kur, ob sie mal mit anderen gespielt hat. „Es ist fast alles weg", sagt sie. Und genau das ist eigentlich die größte Belastung. Nicht zu wissen, was da noch passiert ist. Ob man auch Experimente an den Kindern vorgenommen hat, vielleicht mit Tabletten? Auch das soll es gegeben haben, sie hat davon gelesen. Die Ungewissheit zehrt an ihren Nerven. Manchmal, wenn wieder alles hochkommt, zittern ihr die Beine. Einmal hatte Rita Conradi einen Nervenzusammenbruch.

Finanziert durch Spenden

Die Kinderheilanstalt, deren Beiname „Bethesda" erst ab den 1920er Jahren genutzt wurde, wurde 1875 auf Initiative eines Vereins für Innere Mission in Westfalen und Lippe mit Sitz in Bielefeld gegründet. Sie sollte „schwächlichen und erholungsbedürftigen Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren gegen ein geringes und an den Vermögensverhältnissen der Eltern orientiertes Entgelt die Möglichkeit zur Erholung bieten", schreibt Wiesekopsieker in einem Heft der Reihe „Heimatland Lippe". Vor allem in den ersten Jahren wurde das Haus von den städtischen Behörden und der Salinenverwaltung unterstützt und finanzierte sich vor allem durch Spenden.

Zunächst wurden die Kinder in einem „abbruchreifen und nur notdürftig hergerichteten Haus im Garten des Badehauses I am Salzhof untergebracht", heißt es. 1876 entstand an der heutigen Sophienstraße ein Neubau mit 50 Betten – es markiert den Anfang der Bebauung des späteren Kurgebietes, schreibt Sonja Beinlich vom Salzufler Stadtarchiv in einem anderen Heft von „Heimatland Lippe". Getragen wurde die Einrichtung von Beginn an vom evangelischen Diakonissenmutterhaus Bethel, Leitung und Betreuung oblag den Sarepta-Diakonissen.

Die Bedingungen zur Aufnahme in die Kinderheilanstalt von 1883. - © Repro: Stadtarchiv
Die Bedingungen zur Aufnahme in die Kinderheilanstalt von 1883. (© Repro: Stadtarchiv)

Druckluft und Sole

Durch den Neubau konnte die Zahl der Kinder von 65 im Jahr 1875 auf 463 im Jahr 1885 gesteigert werden, im Herbst 1879 wurde zudem eine Winterkur eingeführt – damit entwickelte sich die Kinderheilanstalt laut Wiesekopsieker 1884 zur größten derartigen Einrichtung in ganz Deutschland.Der Bedarf an Kuren wurde immer größer, die Kinder kamen aus Bremen, dem Ruhrgebiet oder dem Mindener Land. Und so wurde das Haus stetig erweitert. 1903 wurde ein neues „Knabenhaus" gebaut, das Platz für 100 Jungen bot und sich oberhalb der Bismarckstraße befand, 1909 kam ein Jugendheim dazu.

Ein Jahr später wurde das alte Gebäude an der heutigen Sophienstraße verkauft und die gesamte Einrichtung in die Nähe des „Knabenhauses" verlegt. Dort entstand 1913 ein neues Haupthaus, das „Mädchenhaus" mit mehr als 200 Plätzen. 1926 kam ein Gartenhaus dazu, das als Isolierstation bei ansteckenden Krankheiten diente. Rund um die Gebäude soll es laut Beinlich Spielplätze und Gärten für die Kinder gegeben haben. Als Kurmittel setzte man auf Sole- und Thermalbäder, Brunnentrinken und Inhalation. Rita Conradi erinnert sich bruchstückenhaft an eine Art Druckluftkammer, in die die Kinder gebracht wurden.

Aufarbeitung macht Sinn

Ab den 1960er Jahren ließ die Nachfrage nach Kinderkuren stetig nach, 1970 wurde sie in Bethesda eingestellt. Die Gebäude wichen dem Neubau des Altenheims, das heute unter Trägerschaft des Evangelischen Johanneswerks steht.Ende 2021 hat sich der Landtag NRW entschieden, das Schicksal der Verschickungskinder systematisch aufzuarbeiten. Anfang Februar ist dazu eine erste Studie erschienen.

„Man sollte wissen, was man damals getan und uns Kindern angetan hat", begrüßt Rita Conradi die Aufarbeitung. Sie ist sich sicher, dass ihre Eltern ihr damals einfach etwas Gutes tun wollten, darüber sprechen konnte sie mit ihnen nie. Auch ihr Mann versteht sie nicht, bei ihrer Tochter hat sie das Thema noch nie angeschnitten. Sie selbst spürt die Nachwirkungen teilweise bis heute, ist eine verschlossene Frau, sagt sie. Ihre Hoffnung: Dass sie jemanden ausfindig macht, der zur selben Zeit wie sie in Bethesda war. Der das Erlebte nachvollziehen kann.

Kindekuren bedingen Entwicklung des Bades

Mit dem Thema Kinderkuren befassen sich aktuell viele Kurorte, weiß der Salzufler Stadtarchivar Arnold Beuke. Die Seebäder an Nord- und Ostsee, die voralpinen Regionen – in der näheren Umgebung reiht sich Bad Salzuflen neben Bad Sassendorf und Bad Rothenfelde in den Kreis der Städte ein, in denen die Kinderkur besonders verbreitet war.

Doch warum schickten die Menschen ihre Kinder überhaupt ganz allein so weit weg? „Es handelte sich um eine Sozialmaßnahme im Zuge der Industrialisierung", sagt Beuke. Im späten 19. Jahrhundert sei es um die Gesundheit vieler Kinder oft nicht gut bestellt gewesen, Beuke spricht von Entwicklungsverzögerungen, Lungenerkrankungen, Hauttuberkulosen. Dazu Tumore, Ausschläge, Rachitis. „Es gab verschiedene Krankheitsbilder", ergänzt seine Kollegin Sonja Beinlich.

Ein Foto des Kurgebietes um 1901. Im Vordergrund ist das 1900 erbaute Kurhaus zu sehen, dahinter die Kinderheilanstalt Bethesda. Die Parkstraße ist zu diesem Zeitpunkt noch weitestgehend unbebaut. - © Stadtarchiv
Ein Foto des Kurgebietes um 1901. Im Vordergrund ist das 1900 erbaute Kurhaus zu sehen, dahinter die Kinderheilanstalt Bethesda. Die Parkstraße ist zu diesem Zeitpunkt noch weitestgehend unbebaut. (© Stadtarchiv)

Die 1875 gegründete Kinderheilanstalt Bethesda dürfte die meisten jungen Kurgäste nach Bad Salzuflen geführt haben, allein im Jahr 1907 wurden dort 1896 Kinder aufgenommen, ergänzt Historiker Dr. Stefan Wiesekopsieker. Daneben entstanden zahlreiche private Kinderkurheime, die mit größerem Komfort aufwarteten und sich eher an betuchteres Publikum richteten. Wie viele Heime es genau in Bad Salzuflen gab, kann heute nicht mehr ganz exakt gesagt werden, sagt Beuke.

Eigenes Kinderbadehaus

War man als Kurstadt bis dato eigentlich nur regional bekannt, änderte sich das mit der Eröffnung der Kinderheilanstalt – man wurde bald Vorreiter in Sachen Kinderkur. „Sie war der Katalysator für die Entwicklung des Bades", sagt Beuke. Auch dessen Verwaltung erkannte die Bedeutung des Kinderkurwesens früh und ließ laut Wiesekopsieker schon 1879 ein Kinderbadehaus, das Badehaus II, an der Sophienstraße errichten.

1896 dann die Wende: Man befürchtete, die übrigen Kurgäste könnten sich von den Kindern gestört fühlen, woraufhin letzteren das Betreten der Gradierwerke verboten wurde. Auch deshalb soll Bethesda später laut Beinlich außerhalb des Kurbezirkes angesiedelt worden sein und die jungen Patienten wurden in eigenen Therapieeinrichtungen untergebracht. Immerhin: Um die Kinder bei Laune zu halten wurden Spielplätze angelegt, es gab Kutschfahrten mit einem Eselgespann oder Bootsfahrten auf dem Kurparksee, so Wiesekopsieker.

Immer wieder Anrufe von Betroffenen

Seit das Thema aufgearbeitet wird, erreichen das Stadtarchiv regelmäßig Anrufe von Betroffenen, die auf der Suche nach Informationen zu ihrem Aufenthalt sind. Dann versuche man so gut es geht zu helfen, sagt Beuke.

Das Problem: Dem Stadtarchiv liegen nur wenig Dokumente aus den Heimen vor. „Die unterschiedlichen Träger hatten oft jeweils ihr eigenes Archiv", sagt Beinlich. Vieles sei zudem nicht aufgehoben worden. „Und wir können nur das wiedergeben, worüber wir auch Informationen vorliegen haben", sagt Beuke. Dennoch wolle man die Aufarbeitung des Themas auch für Bad Salzuflen noch gezielter angehen. „Da wir wenig Geschriebenes haben, werden wir dafür mit Erinnerungen arbeiten müssen", sagt Sonja Beinlich.

Ansprechpartner und Aufarbeitung

In der Reihe „Verschickungskinder in Bad Salzuflen" erzählen wir Geschichten von Menschen, die als Kinder zur Kur in Bad Salzuflen waren. Zudem gehen wir der Geschichte der Einrichtungen und den Hintergründen der Verschickung nach.

Informationen zu den Kinderkuren und den früheren Häusern in Bad Salzuflen gibt es im Salzufler Stadtarchiv per Mail an archiv@bad-salzuflen.de.

Unterstützung bietet auch der Verein „Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW" mit dem Vorsitzenden Detlef Lichtrauter. Er ist unter Tel. (0163) 1328215 oder per Mail an info@akv-nrw.de zu erreichen.

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