Verschickungskinder: Von verlorenem Vertrauen und totaler Verlassenheit

Alexandra Schaller

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Eine Gruppenaufnahme einer der ersten Kinderkurgruppen aus den 1940er Jahren. - © Wiesekopsieker
Eine Gruppenaufnahme einer der ersten Kinderkurgruppen aus den 1940er Jahren. (© Wiesekopsieker)

Bad Salzuflen. Wenn sich Sonja (53) an ihre Zeit als Verschickungskind erinnert, dann hat sie sofort wieder einen Kloß im Hals. Da ist dieses Gefühl von Einsamkeit, von totaler Verlassenheit. „Die Trennung von den Eltern, das ist das Schlimmste, was einem Kind passieren kann“, sagt sie. Noch vor ihrer Einschulung, im Alter von sechs Jahren, wurde Sonja 1974 von Neunkirchen im Saarland aus nach Bad Salzuflen geschickt, sie kommt für sechs Wochen im „Haus Roseneck“ unter – in der Villa Dürkopp. Was sie erlebte, hat Auswirkungen auf ihr gesamtes Leben, sagt sie. Heute wohnt Sonja in Köln, ist Frührentnerin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Bruchstücke ihrer Erinnerung waren immer da, richtig zuordnen konnte sie die nie, Sonja misst ihnen auch lange Zeit kein Gewicht bei. Erst als das Thema Verschickungskinder durch die Medien geht, beginnt sie zu recherchieren. Und plötzlich ist klar: Auch sie ist betroffen. Es ist wie ein fehlendes Puzzlestück ihres Lebens, das sie da auf einmal in den Händen hält.

Die Villa Dürkopp aus der Vogelperspektive. Heute ist das frühere Unternehmerdomizil ein Hotel. Archivfoto: Torben Gocke - © Torben Gocke +4916096641176
Die Villa Dürkopp aus der Vogelperspektive. Heute ist das frühere Unternehmerdomizil ein Hotel. Archivfoto: Torben Gocke (© Torben Gocke +4916096641176)

Von Grießbrei und Bonbons

Das Gefühl, als sie von ihren Eltern in Saarbrücken in den Zug gesetzt wird, ist noch immer präsent. „Sie haben mich quasi in die Hölle geschickt.“ Sie denkt an die Poststelle im Keller, die Wannen für Gesundheitsbäder. Sie denkt an Grießbrei und Pudding. An eine Postkarte mit Mainzelmännchen von ihren Eltern, an ein Abschiedslied im Garten. An Bonbons, die den Kindern nach dem Zähneputzen im Bett verabreicht wurden. Waren es Bonbons? Sonja weiß es nicht.

Als sie nach Hause kommt ist sie wund im Intimbereich. Sie hat sich scheinbar öfter eingenässt, durfte nachts nicht auf die Toilette, hat auch ihre Kleidung nicht gewechselt. Immer wieder sei ihr während der Kur eingeredet worden, ihre Eltern wollten sie nicht, hätten sie deshalb weggeschickt. Nach den sechs Wochen ist sie völlig verstört und verängstigt, hat das Vertrauen in ihre Eltern verloren. Ihr Vater merkt damals, dass etwas nicht stimmt. Doch er unternimmt nichts. „Ich wurde einfach nicht gesehen“, sagt Sonja. Das schmerzt bis heute am meisten.

Die Erlebnisse der Kur haben rückblickend alles überschattet, sagt sie. Sie habe kein Vertrauen in Menschen, immer Angst, weggeschickt oder verlassen zu werden. Sie hat seelische und daraus resultierende körperliche Beschwerden. Seit vergangenem Jahr macht sie eine Therapie, will alles aufarbeiten. Da ist so viel unterdrückter Schmerz, so viel Trauer. Sie findet jetzt deutliche Worte für ihre Zeit im „Haus Roseneck“: „Man hat uns gefoltert und erwartet, dass wir zurückkehren und ein normales Leben führen.“

Michael Stein hat weniger Schreckliches erlebt

Nur zwei Jahre nach Sonja kommt Michael Stein ins Heim. 1976 war das, Stein ist gerade sechs Jahre alt und stammt aus Limburg an der Lahn in Hessen. Heute ist er 52 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt im Breisgau. Wenn er Berichte wie den von Sonja liest oder hört, dann hat er das Gefühl, dass er gar nicht so viel Schreckliches erlebt hat. Aber er ist sich auch nicht ganz sicher. „Ich weiß nicht, was in der Kur noch gelaufen ist. Da ist irgendwas, aber ich kann es nicht richtig greifen.“

Was hängen geblieben ist, sind Runden um die Gradierwerke. Er erzählt von Heimweh. Davon, dass im Haus immer eine angespannte und ängstliche Atmosphäre geherrscht habe. Dass beim Essen niemand reden durfte. Dass er seitdem keine Erbsen mehr essen könne. Dass er fünf, sechs Kilo zugenommen habe.Michael Stein hat einiges durchgemacht in seinem Leben. Atemwegserkrankungen, Operationen, Quarantäne, Selbstmordgedanken als Kind. Irgendwo dazwischen liegt die Zeit in Bad Salzuflen. Und irgendwo ist in ihm etwas kaputt gegangen. Auch er hat verlernt, anderen zu vertrauen.

Zweite Kur als Zehnjähriger

Als Zehnjähriger fährt er erneut zur Kur, diesmal an den Chiemsee. Wie seine Mutter das zulassen konnte? Er kann es bis heute nicht verstehen.Stein ist inzwischen Kinder- und Jugendpsychotherapeut, das hilft ihm beim Verstehen. Ein großer Redner sei er nie gewesen, als Kind habe ihm körperliche Aktivität beim Verarbeiten geholfen. Trotzdem hat er unzählige Therapiesitzungen hinter sich. Immer dann, wenn das Thema wieder hochkocht. Und er setzt sich jetzt mehr damit auseinander, seit das Ganze in den Medien präsenter ist.

Auch Sonja tut das. In Köln gibt es inzwischen eine Selbsthilfegruppe für Verschickungskinder, erzählt sie. Aber sie ist noch nicht soweit, braucht noch Zeit. Die öffentliche Aufarbeitung tue ihr trotzdem gut. „Jetzt verstehe nicht nur ich, sondern auch andere besser, was wir erlebt haben.“

Ein "Jugendparadies" für 120 Kinder

1941 erwarb das Reichsbahn-Kameradschaftswerk, das spätere Bahn-Sozialwerk (BSW), die Villa Dürkopp: Man suchte laut Historiker Dr. Stefan Wiesekopsieker ein geeignetes Objekt zur Erweiterung des Kurangebots für Kinder von Reichsbahnbediensteten aus dem Ruhrgebiet.

Der Kurbetrieb wurde nach kurzer Umbau- und Renovierungsphase im Juni 1941 aufgenommen. In der „Lippischen Staatszeitung“ wurde das Haus damals als „Jugendparadies“ beschrieben. Jeweils 120 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren sollten hier für je sechs Wochen Erholung finden. „Wir sind überzeugt, dass die Jugend (...) hier in diesem Heime an Leib und Seele Kraft und Lebensfreude gewinnen wird“, hieß es. Die Voraussetzungen dafür sollen ideal gewesen sein: ein großzügiges Haus, ein parkähnlicher Garten, der nahe Wald und alle Kureinrichtungen vor der Tür. Die Heimleitung hielt mit einem Hausmeister und zeitweise fast 20 Mitarbeiterinnen den Betrieb aufrecht.

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges folgte die Besatzung Bad Salzuflens durch die Briten – der Kurbetrieb kam zum Erliegen, das „Roseneck“ musste 1945 geräumt werden, bis 1955 blieb es beschlagnahmt.

1947 nahm man den Kinderkurbetrieb zwischenzeitlich in kleinerem Umfang wieder auf und verlegte ihn dazu in die Ausflugsgaststätte an der Loose. 50 Kinder konnten aufgenommen werden.Ab 1955 renovierte und modernisierte das Bahn-Sozialwerk das „Haus Roseneck“, Ende 1956 wurde es wieder in Betrieb genommen. 52 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren aus allen Bundesbahndirektionen konnten nun gleichzeitig zur Erholung in die Kurstadt kommen.

1961 erweiterte man das Gebäude um ein Bettenhaus, das heutige „Extersche Haus“, das Platz für weitere 48 Kinder bot. Neben Schulkindern wurden ab sofort auch Kleinkinder und bei Bedarf sogar Säuglinge aufgenommen.

Damit die Kinder die Bad Salzufler Sole in den eigenen vier Wänden genießen konnten, wurde 1967 im Keller eine Solbadestation mit sechs Wannen eingerichtet. Ab den 1970er Jahren nahm die Nachfrage nach Kuren ab. 1984 wurde das Bettenhaus umgebaut, und es wurden Räume für zwölf Müttern mit Kindern geschaffen. Die übrigen Zimmer wurden für Erwachsene eingerichtet.

Ab 1986/87 gab es gar keine reinen Kindererholungskuren mehr. Noch bis 1997 wurden aber Mutter-Kind-Kuren angeboten. Heute ist die frühere Unternehmervilla ein Tagungshotel der BSW-Stiftung.

Neue Reihe

In der Reihe „Verschickungskinder in Bad Salzuflen“ erzählen wir Geschichten von Menschen, die als Kinder zur Kur in Bad Salzuflen waren. Zudem gehen wir der Geschichte der Einrichtungen und den Hintergründen der Verschickung nach. Infos auch im Stadtarchiv an archiv@bad-salzuflen.de.

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