Verschickungskinder: Salzuflerin lebt Tür an Tür mit ihrer Vergangenheit

Alexandra Schaller

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Christel Dunsche hält ein Foto, das sie selbst mit ihrem Bruder an den Externsteinen zeigt. Aus ihrer Zeit als Verschickungskind hat sie keine Fotos oder Karten mehr. - © Alexandra Schaller
Christel Dunsche hält ein Foto, das sie selbst mit ihrem Bruder an den Externsteinen zeigt. Aus ihrer Zeit als Verschickungskind hat sie keine Fotos oder Karten mehr. (© Alexandra Schaller)

Bad Salzuflen. Der Blick vom Balkon ist für Christel Dunsche (82) jedes Mal auch eine kleine Reise in die Vergangenheit: Denn nur einen Steinwurf von ihrer heutigen Wohnung entfernt steht das Altenzentrum Bethesda, man kann einen Teil der Balkone sehen. Und wo heute die Einrichtung, die zum Evangelischen Johanneswerk gehört, steht, stand bis in die 1970er Jahre die Kinderheilanstalt Bethesda. Und genau hier, an der Moltkestraße, hat Christel Dunsche im Frühjahr vor ziemlich exakt 70 Jahren eine vierwöchige Kinderkur verbracht.

Schneeweißes Haar, Perlenkette, man sieht Christel Dunsche ihre 82 Jahre nicht an. Seit das Thema Kinderkuren in den Medien kritisch beleuchtet wird, denkt auch sie wieder öfter daran. Sie hat sich entschieden, ihre Erinnerungen zu teilen und lädt dazu in ihre gemütliche Neubauwohnung: Korbstühle, Kronleuchter, Fotos an der Wand.

Am liebsten sitzt Christel Dunsche auf den Barhockern in der offenen Küche mit Blick über den Balkon, vorbei an den Neubauten rechter Hand und den hohen Bäumen linker Hand. Dahinter liegt das Altenzentrum. Manchmal sitzt sie hier mit ihren Freundinnen und sie trinken Piccolo. „Da unten war ich zu Kur“, sagt sie dann und zeigt in die Richtung.

Wegen eines Herzfehlers wird sie zur Kur geschickt

Christel Dunsche wird 1939 in Bielefeld-Brackwede geboren, wächst mit ihren Eltern und dem zwei Jahre älteren Bruder in Senne auf. Sie ist etwa elf Jahre alt als ein Herzfehler diagnostiziert wird – kurzerhand wird sie zur Kur nach Bad Salzuflen geschickt.

Sie erinnert sich an die Zugfahrt, begleitet von einer Helferin. „Wir kamen mittags hier an und es gab Möhren-Bohnen-Eintopf. Das weiß ich wie heute“, sagt sie. Gemeinsam mit ihr sei noch eine Handvoll Mädchen angekommen, die meisten aus Duisburg. Auch, wenn sie sich selbst von Haus aus nicht als empfindlich bezeichnen würde. „Die waren ganz anders, viel forscher, selbstsicherer“, sagt Dunsche.

Im Keller des Kinderkurheims wurden Jacken, Schuhe und Mäntel deponiert, erzählt sie. In Puschen ging es dann nach oben. Gut 30 Mädchen kamen in großen Schlafsälen und auf Feldbetten unter. Nachts durfte man nicht zur Toilette, erinnert sich Dunsche. Stattdessen standen zwei Eimer bereit – einer schon ohne Rand, einer aus Keramik. Alle wollten letzteren nutzen, lief der am Morgen über, war der Krawall der Angestellten groß, erinnert sie sich. Zwei- bis dreimal pro Woche ging es in die Stadt ins Badehaus – dort erhielten die Kinder ihre Anwendungen in Holzwannen.

Heimweh? Habe sie schon gehabt, ein-, zweimal auch geweint, erinnert sie sich. Bei anderen Kindern sei das aber viel schlimmer gewesen. Um das Heimweh nicht noch zu verstärken, seien auch keine Besuche der Eltern erlaubt gewesen. Aber Päckchen durften die Mädchen empfangen. Waren Süßigkeiten darin, wurden die unter allen aufgeteilt, sagt Dunsche.

Insgesamt seien die Mitarbeiterinnen sehr streng gewesen, es ging sehr diszipliniert zu. Dunsche erinnert sich, Karten an ihre Verwandten geschrieben zu haben – und dass man nicht das schreiben durfte, was man wollte. „Und man musste immer aufessen“, erzählt Dunsche.

Ein gewisser Druck sei stets da gewesen. „Man hatte Angst, etwas falsch zu machen.“ Einmal sei ihr Schnürsenkel gerissen, ein anderes Mal trug sie zum Gottesdienst in der Stadtkirche noch ihre Mütze, die ihr eine Betreuerin dann vor allen Leuten vom Kopf gerissen habe. „Da hatte ich den ganzen Gottesdienst dran zu knabbern. Ich hatte das Gefühl, etwas richtig Schlimmes gemacht zu haben.“

Auch positive Erfahrungen

Aber Christel Dunsche ist auch realistisch: Die Strenge, die sei auch der damaligen Nachkriegszeit geschuldet gewesen, eine gewisse Autorität herrschte ja auch in den Familien vor. Von einem Trauma will sie schon gar nicht sprechen. Stattdessen erinnert sie sich auch an viele schöne Momente: Ausflüge zum Wildgehege, Spaziergänge im Wald, Touren zur Autobahn, wo die Kinder an der Böschung sitzen und die Autos beobachten durften. Und sie habe Freundinnen gefunden. „Ich würde sagen, das Positive überwiegt“, sagt sie rückblickend.

Trotzdem sei da immer dieser Gedanke gewesen: Wann ist die Kur endlich zu Ende? Und dann ist da noch dieser eine Satz, der ihr bis heute hängen geblieben ist: „Wir sollen das Schlechte vergessen und das Gute in Erinnerung behalten“, soll die Betreuerin zum Abschied gesagt haben, erinnert sich Christel Dunsche.

Dass die Erlebnisse der Verschickungskinder jetzt aufgearbeitet werden, wertet sie als durchaus positiv. „Wer etwas Schlimmes erlebt hat, wird damit von dem Druck befreit, dass einem keiner glaubt“, sagt sie. Aber: Ihr tue es auch leid, wenn jetzt per se alle Heime verteufelt würden. „Ich denke, wir müssen auch dankbar sein, dass wir diese Erfahrung als Kinder machen durften, mal von Zuhause raus kamen.“

Von ihrem Balkon aus kann Christel Dunsche das heutige Altenzentrum Bethesda sehen - es ist das letzte Haus hinter den Neubauten. Dort kam sie vor 70 Jahren als Verschickungskind in der früheren Kinderheilanstalt unter. - © Alexandra Schaller
Von ihrem Balkon aus kann Christel Dunsche das heutige Altenzentrum Bethesda sehen - es ist das letzte Haus hinter den Neubauten. Dort kam sie vor 70 Jahren als Verschickungskind in der früheren Kinderheilanstalt unter. (© Alexandra Schaller)

Über Jahre hatte sie gar nicht an die Kur gedacht. Sie heiratete, zog nach Augustdorf, bekam drei Kinder. Bis sie in den 1970er Jahren mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann auf dem Weg nach Vlotho zufällig am Kinderheim vorbeikam und es im Vorbeifahren wiedererkannte.

Vor ein paar Jahren kam sie dann zur Kur nach Bad Salzuflen, und entschied sich kurz darauf, hier ihren Lebensabend zu verbringen. Sie fand ihre jetzige Wohnung – und lebt jetzt zufällig quasi Tür an Tür mit der Vergangenheit. „Wenn mir das damals einer gesagt hätte“, sagt sie und lacht. Inzwischen hat sie drei Enkelkinder, verbringt mit ihrem Lebensgefährten viel Zeit in Spanien. Aber wer weiß, was noch kommt. „Vielleicht lande ich ja sogar irgendwann mal dort im Altenheim“, sagt Christel Dunsche und lacht.

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