Bad Salzuflen. Wer von Flucht und Vertreibung zum Ende des Zweiten Weltkriegs hört, denkt meist an Gebiete wie Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, vielleicht auch die Ostzone. Christel Kracht aber floh mit ihrer Familie aus Holland. Im Herbst 1944, als der Krieg für Nazideutschland faktisch verloren war, brachte der Vater seine Familie über die Grenze nach Deutschland. Was Christel Kracht zu dem Zeitpunkt nicht wissen konnte: Der Niederländer Fred Gubbels hatte mit den Nazis kollaboriert. Jahrzehntelang dachte die heute 87-Jährige, die einen Teil ihrer Kindheit in Dörentrup verbrachte und jetzt in Bad Salzuflen lebt, ihr Vater habe nach dem Krieg nichts mehr von seiner Familie wissen wollen. Erst 2006, nach dem Tod ihrer älteren Schwester, bekam sie seine alten Briefe zu sehen – adressiert an die Mutter, die Geschwister und auch an sie selbst. Während sie die Briefe las, durchlebte sie ein Wechselbad der Gefühle. Warum hatte ihre Mutter nie etwas gesagt? Warum hatte sie ihr keine Chance gegeben, zu antworten? Später schrieb sie ein Buch über ihre Kindheitserlebnisse. „Und trotzdem blühen die Dahlien“ ist auch ein Zwiegespräch mit ihrem Papa, der zu jenem Zeitpunkt bereits verstorben war. Schuld auf sich geladen Es sind kleine Puzzleteile, die in Christel Kracht die Gewissheit wachsen ließen, dass ihr Vater Schuld auf sich geladen hatte. Was er genau gemacht hat, weiß die Wahl-Salzuflerin bis heute nicht – die jüdischen Nachbarn, die Familie ihrer Schulfreundin, verraten? Wie viele Menschen denunziert, verletzt oder getötet? Sie könnte es inzwischen leicht erfahren, denn die Niederlande haben Anfang des Jahres die Namen der rund 425.000 mutmaßlichen Kollaborateure mit den Nazi-Besatzern und dazugehörige Akten öffentlich zugänglich gemacht – darunter ist auch der Eintrag von Ferdinand Hubert Gubbels, geboren am 21. Juni 1894 in Schinnen. Christel Kracht schüttelt den Kopf: „Ich möchte das gar nicht mehr wissen. Er hat es in seinen Briefen nicht geschrieben – aber es muss etwas gewesen sein.“ Schließlich saß er, wie sie später erfuhr, dreieinhalb Jahre im Gefängnis. Aus Gubbels wurde Göbbels: Wie zum Beweis für seine Nazi-Nähe deutet Christel Kracht auf ein Foto, das die Eltern im Jahre 1941 vor ihrem Textilien-Geschäft in Zutphen zeigt. Eine junge Frau und ein älterer Herr - der Altersunterschied betrug fast 20 Jahre - im Hauseingang, rechts und links die Schaufensterscheiben, auf denen der neue Name deutlich zu lesen ist: „Göbbels“. Christel Kracht, die zum Zeitpunkt der Flucht erst sechseinhalb Jahre alt war, versteht erst viel später, warum der Papa Frau und Kinder nach Gladbeck brachte - „in Sicherheit“. Denn der damals 50-Jährige wusste, was ihm drohte. Und so kam es – bei einem Grenzübertritt bei Aachen wurde er verhaftet, wie er in seinen Briefen erzählt. Das Geschenk des Schnauzbartmannes Christel war die Drittälteste, ein „Papa-Kind“. Und, so erzählte die Mutter später, sie sei auch sein Liebling gewesen. Wenn Uniformierte an seinem Geschäft vorbeimarschierten und zackig grüßten, bewunderte das kleine Mädchen, wie viele Freunde der Papa hatte. Er nahm sie gerne mit. Auch einmal zu einer großen Versammlung: „Viele Menschen, vor allem Männer in braunen Uniformen, waren dort. Ihre langen Beine steckten in schwarzen Stiefeln und ihre Jacken zierten bunte ,Broschen’.“ Alle hätten deutsch gesprochen, ein lautes Stimmengewirr, das plötzlich verstummte, als ein Mann den Saal betrat. Uniform, korrekt gescheitelt, markanter Schnauzbart. Adolf Hitler. Das Stiefelklacken, die ausgestreckten rechten Arme, der einstimmige Begrüßungsruf - Christel war beeindruckt: „Und dann hat mir der Schnauzbartmann eine wunderschöne Puppe geschenkt, die Mama sagen konnte“, erinnert sie sich in ihrem Buch. Jahre später wendet sich das Blatt. Bei Nacht und Nebel muss die Familie fliehen. Vater Fred besitzt ein Auto, er fährt mehrmals und bringt die acht Familienmitglieder über die Grenze zu den Schwiegereltern, einer Bergarbeiterfamilie. Oh weh, die Mama-Puppe ist im Auto geblieben! Christel weiß beim Abschied in Gladbeck noch nicht, dass sie die Hitler-Puppe und vor allem ihren Papa nie wiedersehen wird. Die Zeit in Deutschland erlebt sie als traumatisch. In Gladbeck seien sie zum Schlafen auf die Verwandtschaft verteilt worden - wer hat schon Platz für acht Personen! Ein inniges Verhältnis entwickelt sich zum Opa. Dann treffen die Bomben die Stadt, zusammen mit den Großeltern werden sie verschüttet, im Bombenhagel überlebt die Familie, die Tiere nicht. Es wird zu gefährlich, die Mutter muss mit ihren Kindern erneut fliehen. Die verhassten Fremden Mit der Bahn kommen sie ins Lipperland, wo von Krieg nahezu nichts zu spüren ist. Doch die Einheimischen begegnen den Fremden mit offener Ablehnung – was sind sie auch schon? Fremde, Flüchtlinge, Holländer, Ausländer, Nazis, die Göbbels – sie hätten viele Bezeichnungen gehabt. Auch in der Schule seien sie nicht anerkannt worden: „Schulfreunde habe ich nie gehabt.“ Das nagt am Selbstwertgefühl. Bei der Ankunft in Dörentrup muss die Polizei zur Hilfe kommen, damit die alte Hausbesitzerin die Familie aufnimmt. Und sie drangsaliert sie, wo sie kann: Sperrt die Kinder im Stall ein, wo sie sich an bedrohlichen Ziegen vorbeiquetschen müssen, um zum Plumpsklo zu gelangen; wirft nachts Steinchen ans Fenster und lärmt, um sie zu vertreiben. Schließlich zieht die Familie mithilfe des gutmütigen Bürgermeisters in eine der einfachen, hölzernen Behelfshütten für Flüchtlinge am Sportplatz. Doch es ist eng und regnet rein. Erneut hilft der Bürgermeister – die Familie darf ins Sporthäuschen umziehen. Das hat zwar keine Heizung und ist im Winter bitterkalt, aber dafür hat es eine Toilette mit Wasserspülung. Als jedoch der Fußballspielbetrieb im Dorf wieder aufgenommen wird, muss die Familie erneut fort – nächste Station ist ein Bauernhof, wo die Mutter als Tagelöhnerin arbeitet und die sanitären Anlagen erneut katastrophal sind: „Wir wohnten mit zwei anderen Familien in der heruntergekommenen Leibzucht“, erinnert sich Christel Kracht an ärmlichste Verhältnisse. Harte Arbeit in der Pflegefamilie Sie selbst lebt ab ihrem zehnten Lebensjahr bis zum Ende der Schulzeit bei einer katholischen Familie in Varensell nahe Gütersloh. Ursprünglich habe sie dort nur einige Wochen in den Sommerferien verbringen sollen. Doch daraus werden Jahre - die Familie nimmt sie dauerhaft auf. Das habe auch Vorteile gehabt: Ein eigenes Zimmer statt mit der bettnässenden Schwester in einem Bett zu schlafen, genügend Essen und schöne, selbst genähte Kleider, statt die Kleidung von zwei Schwestern auftragen zu müssen: „Ich habe mich natürlich gefragt, ob meine Mutter und meine Geschwister mich vermissen oder froh sind, einen Esser weniger zu haben.“ Erst später sei ihr klar geworden, dass es der katholischen Familie wohl weniger darum gegangen sei, einem armen Flüchtling zu helfen als jemanden zu haben, der täglich im Haushalt, Stall und auf dem Feld hart arbeiten sollte. Dass der Vater nach seiner Entlassung aus der Haft einmal die Familie in Dörentrup besucht und dabei mit dem neuen Lebensgefährten ihrer Mutter konfrontiert wird, erfährt Christel Kracht 60 Jahre später aus den Briefen. Ebenso, dass er aus dem Internierungslager als gebrochener und schwer kranker Mann kam, der sich nichts sehnlichster wünschte, als seine Kinder noch einmal vor dem Tod zu sehen. Der Wunsch geht nicht in Erfüllung. Die Briefe bleiben lange Jahre unter Verschluss. Ihrer Mutter, sagt Christel Kracht, sei sie im Nachhinein nicht böse darum. Sie habe die Kinder wohl nur schützen wollen, wenn sie sagte, sie wisse nicht, wo der Vater sei. „Und für Fragen war ja letztlich auch keine Zeit.“