Bad Salzuflen. Die Gefahr rollt auf zwei Rädern, manchmal mit E-Motor, manchmal ohne. Seit zweieinhalb Jahren, solange sie in der Bleichstraße lebe, nehme das rüpelhafte Verhalten vieler Radfahrer im Kurgebiet, in der Altstadt und insbesondere vor ihrer Haustür immer weiter zu, berichtet Renée Claudine Bredt. Der vorläufige Höhepunkt dann am vergangenen Freitag: In der Langen Straße, Ecke Steege, wird sie von einer Radfahrerin an– beziehungsweise besser gesagt: umgefahren. „Ich lag platt auf dem Rücken“, berichtet die ehemalige Schulleiterin, die vor zweieinhalb Jahren mit ihrem Mann aus Herford in die Kurstadt gezogen ist. Im Polizeibericht liest sich das dann so: „Eine 44-jährige Radfahrerin befuhr am Freitag, 30. Mai, gegen 14.45 Uhr verbotswidrig mit ihrem Fahrrad die Fußgängerzone der Bad Salzufler Innenstadt. Dabei übersah sie offensichtlich eine 77-jährige Fußgängerin, mit der sie im Bereich der Langen Straße zusammenstieß.“ Weiter geht aus dem Bericht hervor, dass die Radfahrerin offenbar alkoholisiert war. Auch wenn das ein besonders krasser Fall gewesen sein mag – für Bredt steht er exemplarisch. Denn rücksichtsloses Fahren zieht sich ihrer Beobachtung nach durch alle Altersklassen. „Auch ältere Menschen, die dann oft mit Pedelec oder E-Bike unterwegs sind“, sagt sie. Sobald sie aus dem Haus trete, begebe sie sich praktisch in Lebensgefahr. Für Radverkehr freigegeben Grundsätzlich ist die Fußgängerzone mit Ausnahme der Langen Straße durch Zusatzzeichen für den Radverkehr und für E-Roller freigegeben. In diesen Bereichen gilt: Radfahrende müssen sich an den Fußverkehr anpassen, Schrittgeschwindigkeit einhalten und besondere Rücksicht nehmen. Daran halten sich nicht alle. Zumindest ist der Reporter Zeuge, wie eine Radfahrerin mittleren Alters, aus Richtung Gradierwerke kommend und in Richtung Millaupromenade fahrend, die Kurve am Kurparkcenter in der Bleichstraße so eng und schnell nimmt, dass sie auf der leicht abschüssigen Strecke mit der Schulter fast die Hauswand streift. Wäre aus der entgegengesetzten Richtung ein Fußgänger oder ein Radfahrer um die Ecke gekommen – der Zusammenstoß wäre wohl unausweichlich gewesen. Für Bredt ist die Beobachtung Alltag: „Ich warte nur drauf, dass es hier mal richtig knallt“, sagt sie. Mit einer Ratsfrau stand sie deshalb schon im Austausch. Daraufhin habe sie zwar einen Anruf vom Ordnungsamt bekommen, gefolgt sei aber nichts mehr. Auch von der Polizei, die ein paar Meter weiter ein Büro unterhält, erwartet sie nichts mehr. Was sagt die Polizei? Ebenso wenig wie eine Nachbarin, die aber nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen will. „Die unternehmen nichts“, sagt sie. Und das Ordnungsamt sei offenbar sowieso damit „ausgelastet, jeden Autofahrer aufzuschreiben, der mal fünf Minuten falsch parkt“. „Die sollten mal lieber Radfahrer aufschreiben“, sagt sie. Heinrich Johannhardt wohnt im selben Haus wie Bredt. Seit mehr als 20 Jahren beobachte er, wie das Verhalten der Radfahrer in Bad Salzuflen immer rücksichtsloser werde: „Wenn man nicht sofort zur Seite springt, wenn die Radfahrer klingeln, werden sie auch noch frech“, sagt er. Selbst wenn die Stadt pickepackevoll mit Fußgängern sei, werde auf dem Rad gerast. „Letztens habe ich einen Radfahrer in Rennmontur hier fahren sehen, als ob die Tour de France hier startet“, erzählt Bredt. Und was sagt die Polizei? „Unser Bezirksdienst ist regelmäßig und nahezu täglich im Kurgebiet von Bad Salzuflen präsent, um den insgesamt gestiegenen Rad- und Pedelec-Verkehr zu kontrollieren“, heißt es auf Anfrage der LZ. Im vergangenen Jahr seien dabei rund 600 Verkehrsordnungswidrigkeiten im Bereich der Fußgängerzone und des Kurgebiets dokumentiert worden. In der Zahl enthalten seien aber auch Verstöße von Autofahrern. Mündlich geahndete Verstöße und Verwarngelder seien in der Zahl nicht enthalten. Steigende Unfallzahlen Die Polizei habe angesichts der steigenden Verkehrsunfallzahlen unter Beteiligung von Zweirädern ein Konzept zur Reduzierung von Unfällen entwickelt. Der Schwerpunkt liege auf präventiven Maßnahmen sowie der konsequenten Ahndung von Verkehrsverstößen, heißt es weiter. Bisher habe die Polizei keine Beschwerden über rüpelhaftes Verhalten von Radfahrern erhalten. Aufgrund der entsprechenden Anfrage unserer Redaktion werde man die Situation aber „aufmerksam beobachten und die Maßnahmen bei Bedarf anpassen“. Von der Stadt heißt es: „Die Freigabe des Radverkehrs in der Fußgängerzone war ein zentraler Schritt im Klimaschutzteilkonzept Mobilität. Bei vermehrten Unfällen müsste diese Entscheidung jedoch überprüft und gegebenenfalls neu bewertet werden.“ Eine Überarbeitung der Beschilderung sei möglich. Renée Claudine Bredt und ihre Nachbarn würden sich jedenfalls wünschen, dass die Behörden der von ihnen wahrgenommenen Raserei einen Riegel vorschieben – mit Kontrollen, mit Schildern, wie auch immer. Viel Hoffnung habe sie allerdings nicht, sagt Renée Claudine Bredt und reibt sich die blauen Flecken am Ellenbogen, die sie seit ihrem von der Radfahrerin verursachten Sturz hat.