Bad Salzuflen. Anna Hertel reiste als Schülerin zum ersten Mal nach Millau – eine Erfahrung, die sie bis heute prägt. Nach einem Jahr als Au-pair in der südfranzösischen Partnerstadt unterrichtet sie inzwischen Französisch an der Realschule Aspe, ihrer ehemaligen Schule. Seit Mai ist die 36-Jährige Vorsitzende des „Fördervereins Bad Salzuflen–Millau Partnerschaft“ mit rund 80 Mitgliedern. Am Donnerstag, 23. Oktober, lädt der Verein um 19 Uhr in die Konzerthalle ein, um das 50-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zu feiern. Der Eintritt ist frei. Im Interview spricht Anna Hertel über ihre Pläne für den Verein und darüber, wie sie junge Menschen für Frankreich begeistern möchte. Frau Hertel, Sie sind schon als Schülerin zum ersten Mal nach Millau gereist. Was hat Sie damals am meisten beeindruckt? Anna Hertel: Mich hat vor allem die Atmosphäre in Millau fasziniert – die Landschaft, der historische Stadtkern, aber vor allem die Menschen. Sie wirkten sehr gelassen, zufrieden und offen. Diese Gastfreundschaft hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich habe mich in ihrer Kultur auf Anhieb wohlgefühlt. Sie haben später ein Jahr als Au-pair in Millau verbracht. Wie hat diese Zeit Ihre Sicht auf Frankreich verändert? Anna Hertel: Das Jahr war für mich eine Entdeckungsreise – sprachlich wie kulturell. Ich habe erlebt, wie vielfältig Frankreich ist: von der Landschaft bis zur Küche. Über die Sprache bekam ich einen Schlüssel zur Kultur. Ich konnte verstehen, vergleichen und mich einfühlen. Das hat meine Perspektive auf Europa und auf mich selbst stark geprägt. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich wirklich fließend verständigen konnten? Anna Hertel: Ich hatte ja schon in der Schule Französisch gelernt. Aber bis ich wirklich in der Sprache „gedacht“ habe, dauerte es rund drei Wochen. Dann habe ich sogar auf Französisch geträumt. Das kam sicher auch daher, dass ich mit kleinen Kindern gearbeitet habe – da lernt man automatisch mit. In was für einer Familie waren Sie als Au-pair tätig? Anna Hertel: Ich habe bei einer Rechtsanwaltsfamilie gewohnt, die zwei kleine Töchter hatte. Die Eltern arbeiteten ganztags, und ich habe mich um die Mädchen gekümmert. Das war eine intensive Zeit – man lernt das französische Familienleben von innen kennen. Frankreich spielt in Ihrem Leben eine konstante Rolle – als Schülerin, Au-pair und heute als Lehrerin. Was bedeutet die Sprache heute für Sie persönlich? Anna Hertel: Französisch ist für mich eine Tür zu neuen Welten. Ich lese zwar nicht ständig französische Literatur, aber ich schaue viele Filme und liebe den Klang der Sprache. Sie ermöglicht mir Begegnungen, die zu Freundschaften werden – und das ist etwas sehr Wertvolles. Sie unterrichten heute Französisch an Ihrer ehemaligen Schule. Wie wecken Sie Begeisterung bei Ihren Schülerinnen und Schülern? Anna Hertel: Das ist nicht immer leicht, weil Englisch natürlich dominiert. Aber Sprache ist nie etwas Isoliertes. Französisch lebt – durch Menschen, Kultur, Austausch. Ich unterrichte deshalb immer im interkulturellen Kontext, erzähle von meinen eigenen Erfahrungen und zeige Fotos. So wird das Land greifbar. Und das funktioniert: Unser neuer Französischkurs zählt 31 Schülerinnen und Schüler. Das ist Rekord. Viele Jugendliche verbringen ihre Freizeit lieber online als auf Austauschreisen. Wie wollen Sie sie trotzdem für die Partnerschaft mit Millau gewinnen? Anna Hertel: Das ist eine Herausforderung, aber ich bin optimistisch. Die meisten unserer Vereinsmitglieder sind bereits im Rentenalter. Wir müssen die Brücke schlagen – Angebote schaffen, die Jugendliche ansprechen. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Schule und Verein. Wenn wir Begegnungen organisieren, erwähne ich immer, dass der Verein uns unterstützt – auch finanziell. So wird er sichtbar. Gleichzeitig wollen wir neue Projekte aufbauen, um den Austausch lebendig zu halten. Sie möchten den Partnerschaftsverein fit für die Zukunft machen. Wie sieht das konkret aus? Anna Hertel: Wir sind jetzt endlich auch auf Instagram aktiv. Das war mir wichtig, weil wir online bisher kaum präsent waren. Natürlich ersetzt das keine persönlichen Kontakte, aber es ergänzt sie. Mundpropaganda funktioniert weiterhin gut, doch heute reicht das nicht mehr aus. Wir müssen analog und digital denken. Was wünschen Sie sich, dass Jugendliche auf einer Reise nach Millau erleben? Anna Hertel: Ich wünsche mir, dass sie offener werden – dass sie Vorurteile beiseitelassen und Neues zulassen. Wer mit Offenheit reist, wird immer bereichert. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern oft: Nehmt den inneren „Koffer“ voller Erlebnisse und Eindrücke mit nach Hause. Das bleibt fürs Leben. Was fehlt Ihnen hier manchmal aus dem französischen Alltag – und was würden Sie gerne nach Bad Salzuflen mitbringen? Anna Hertel: Mir fehlt die Unbeschwertheit, dieses zufriedene Lebensgefühl. In Frankreich nehmen sich die Menschen bewusst Zeit – zum Beispiel für den Aperitif am Freitagabend, um den Feierabend zu feiern. Ich finde, das könnten wir uns ruhig abschauen. Und ich wünsche mir, dass wir hier noch stärker das Bewusstsein für regionale und saisonale Angebote entwickeln. Ich liebe Bad Salzuflen, aber ein bisschen französische Gelassenheit würde uns guttun. Persönlich Anna Hertel (36) ist Lehrerin mit Leib und Seele. An der Realschule Aspe unterrichtet sie Französisch, Englisch und Textilgestaltung. In ihrer Freizeit ist sie am liebsten draußen in der Natur unterwegs oder unternimmt etwas mit ihren Nichten und Neffen. Wenn sie abschalten will, schaut sie gerne französische Komödien – „die sind echt gut.“ Aber auch englischsprachige Filme stehen auf ihrer Liste. Kontakt zum Förderverein Bad Salzuflen–Millau: Partnerschaft.bads.millau@gmx.de