Seit dem "Aus" der Baumschutzsatzung wird mehr gefällt

Sven Koch

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Arbeiten gestern an der Orbker Straße: Die Pappeln werden zur Sicherung des Straßenverkehrs gefällt. Der Eigentümer von angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen war von der Behörde Straßen.NRW angeschrieben worden und fällt jetzt die Bäume. - © Foto: Gerstendorf-Welle
Arbeiten gestern an der Orbker Straße: Die Pappeln werden zur Sicherung des Straßenverkehrs gefällt. Der Eigentümer von angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen war von der Behörde Straßen.NRW angeschrieben worden und fällt jetzt die Bäume. (© Foto: Gerstendorf-Welle)

Detmold. Im Februar 2016 hatte der Rat die Baumschutzsatzung in Detmold abgeschafft. 20 Jahre lang hatte sie gegolten und Bäume ab einem Meter Stammumfang geschützt. Werden nun mehr Bäume gefällt? Die Spitze der Detmolder Verwaltung glaubt das nicht – professionelle Baumpflegebetriebe aus Detmold hingegen schon.

Fäll-Anträge sind jetzt unnötig:

Bis vor einem Jahr musste eine Fällung beantragt werden, wenn ein Baum einen Umfang von mehr als einem Meter hatte. Sie wurde geprüft. Gab es einen positiven Bescheid, musste für Ersatz des Baumes gesorgt werden.

Seit einem Jahr gilt das nicht mehr: Wer als Privatmann einen Baum fällen will, der fällt ihn. Der Verwaltungsaufwand, sagt Technischer Beigeordneter Thomas Lammering, sei früher sehr hoch gewesen gewesen. Bürgermeister Rainer Heller erklärt: „Wir hatten eine halbe Stelle in der Stadtverwaltung für die Einhaltung der Satzung vorgehalten. Das sparen wir jetzt. Auf der anderen Seite erhalten wir keine Ausgleichszahlungen mehr."

Mit dem Geld hatte die Stadt die Aktion „Neue Bäume für Detmold" finanziert und jedes Jahr rund 100 „Bäume des Jahres" verschenkt. Um „Problembäume" habe er sich teils persönlich gekümmert, berichtet Heller. Wenn es Probleme gab, habe er sich bei Ortsterminen die Sache angesehen und bisweilen auch vermittelt.

Deal zwischen CDU und SPD:

Die Detmolder CDU hatte sich seit Jahren gegen die Baumschutzsatzung gewendet, weil sie die Kosten in der Verwaltung und den Aufwand für unnötig hielt und in der Satzung eine Bevormundung von Bürgern sah. Im Zuge der Haushaltsplanverabschiedung für 2016 hatte sich die SPD schließlich bereit erklärt, die Abschaffung mit in ein Sparpaket aufzunehmen, obwohl sie sich Jahre lang dagegen gesperrt hatte.

Den Deal der beiden großen Parteien zum Haushalt beurteilt der Bürgermeister rückblickend als sinnvoll: „Die Baumschutzsatzung war auch ein Stück weit Monstranz – in dem Sinne: Wir haben eine Baumschutzsatzung, wir sind die Guten. Aber es gibt auch in der Verwaltung unterschiedliche Meinungen dazu."

Die Detmolder sind verantwortungsvoll:

Laut Technischem Beigeordneten Thomas Lammering ist nach seiner persönlichen Einschätzung kein Anstieg von Baumfällungen zu verzeichnen. „Es gibt aber keine Studie", so Lammering, „die darüber Aufschluss gibt."

Die meisten Fällungen seien sowieso genehmigt worden. Die Bilanz von 2015 zeigt: Es gab 450 Beratungen und 200 Ortstermine mit dem Ergebnis, dass nach der Beratung 51 zur Fällung anstehende Bäume erhalten blieben. Genehmigungen zur Fällung gab es 135, Ablehnungen 21.

Nach Angaben der Verwaltungs-Chefs sei in Detmold vor allem sichtbar, dass die Bürger verantwortungsvoll mit ihren Bäumen umgehen. Bürgermeister Rainer Heller: „Wir erhalten oft Anrufe von Bürgern, die sich fragen, ob sie einen Baum fällen sollten oder nicht. Die Leute fragen dann auch, was sie als Ersatz pflanzen könnten."

Politiker wollen Ausgleich:

Die Grünen, die Freien Wähler, die Linken, Aufbruch C und die Detmolder Alternative sprachen sich gegen das Absägen der Satzung aus. Auch ein Jahr später sehen zum Beispiel die Freien Wähler die Dinge nicht anders.

Rüdiger Krentz: „Wir können nicht messen, ob mehr Bäume gefällt worden sind. Es ist aber schade, dass die Ausgleichszahlungen weggefallen sind und es nun keine Anreize mehr für Bürger gib, neue Bäume zu pflanzen." Die Freien Wähler hätten daher auch einen Antrag der Grünen zum Haushalt 2017 unterstützt. Die Grünen wollten die Summe von 20.000 Euro bereitstellen, um damit neue Bäume zu pflanzen.

Der Rat, so Kämmerer Frank Hilker, kam dem mehrheitlich nicht nach und habe damit seinen Beschluss zur Abschaffung der Satzung bestätigt. Und Beigeordneter Thomas Lammering pflichtet bei: „Wenn wir 20.000 Euro in das Pflanzen von Bäumen investieren, kommen wir sowieso nicht sehr weit: Ein Straßenbaum kostet im Schnitt 2500 bis 3000 Euro."

Vergangenen Herbst gründete sich das Aktionsbündnis „Baumfreunde Detmold" – ein Zusammenschluss aus BUND, Grünen, Bürgeraktion Stadtsanierung, Klimaforum, Lippische Heimatbund, Nabu und der Urban-Gardening-Gruppe „Querbeet". Es hatte Forderungen zu einer „Baumschutzsatzung light" ausgesprochen – unter anderem, dass die Stadt innerörtlich pro Jahr 250 Bäume setzt.

Das sagen die Detmolder Fachbetriebe

Marian Wroben, Geschäftsführer der „arborex" GmbH, erklärt, dass Baumpflegebetriebe heute vermehrt Beratungen übernehmen. „Das ist ein Resultat aus der Abschaffung der Baumschutzsatzung", sagt er. „Wir versuchen, die Kunden zu sensibilisieren, Bäume nach Möglichkeit zu erhalten", schildert er.

Grundsätzlich sei festzustellen, dass es insbesondere im urbanen Bereich von Detmold mehr Fällungen gebe und damit in seinem Betrieb eine Verschiebung der Schwerpunkte. Wroben: „Das ist nicht extrem, aber es ist schon spürbar."

So sieht es auch Jens Stohlmeyer von Baumpflege Stohlmeyer: „Deutlich mehr ist es nicht, aber man merkt es schon. Es gibt weniger Verwaltungsaufwand: Wir fällen durchaus so manchen Baum, für den ich früher einen Antrag hätte ausfüllen müssen – allerdings für Bäume, für die der Antrag dann der Erfahrung nach wohl genehmigt worden wäre."

Gleichzeitig versuche er verstärkt, Kunden von baumerhaltenden Maßnahmen zu überzeugen. Und er wünscht sich für die Zukunft: „Es wäre eine gute Idee, wenn die Stadt Gartenbesitzern Anreize geben würde, ihr Laub kostenlos zu entsorgen und Sammelstellen schafft."

Kommentar: "Der Nachfrage gerecht werden"

von Sven Koch

D ie Fachleute sagen: Der Wegfall der Baumschutzsatzung ist nicht dramatisch, aber spürbar, und sie selbst übernehmen etwas von dem Beratungs-Job, den vorher die Stadt gemacht hat. Die Verwaltungsspitze bescheinigt, dass weiterhin Detmolder anrufen und um Informationen bitten. Das zeigt, dass die Stadt etwas tun sollte. Der Bedarf an den 450 Beratungen, die sie 2015 geleistet hat, ist mit dem Abschaffen der Satzung nicht gesunken.

Auf der anderen Seite spricht der Bürgermeister davon, dass die Satzung ein Stück bürokratischer „Monstranz" gewesen sei. Man spare sich jetzt eine Menge Verwaltungsaufwand – was eine gute Sache ist. Das macht es auch Bürgern und Baumfällprofis leichter, die nun weniger Papierkram zu erledigen haben.

Sicherlich war klar, dass zunächst einmal mehr Baumfällungen geschehen: Wer immer schon einen Baum fällen wollte, aber bisher nicht durfte, hat schnell gehandelt. Ob das so bleibt – man wird sehen. Da aber der Informationsbedarf bei den Bürgern nach wie vor gegeben ist, wäre eine Art „Baumsprechstunde" der Stadt eine Idee – viele Politiker und Verbände fordern außerdem, dass die Stadt etwas tun müsse.

Zumindest sollte es Infos auf der städtischen Internetseite unter „Baumschutz" geben. Da steht nämlich nur, dass es keine Baumschutzsatzung mehr gibt. Das ist ein bisschen wenig an Infos für eine Stadt mit so hehren Klimaschutzzielen wie Detmold, die zuvor 20 Jahre lang intensiv Baumschutz betrieben hat.

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