Professionell gemachte Anti-Impf-Flyer landen beim Staatsschutz

Jost Wolf

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Der auf dem Coronavirus-verharmlosenden Flyer verwendete Link-Verkürzungsdienst „kurzelinks.de" hat reagiert und blendet Nutzern vor Aufruf der entsprechenden Seiten Warnhinweise ein. „Die Ziel-URL enthält eventuell kritische Inhalte!", heißt es dort. „Dieser Kurzlink verweist auf eine Seite, die in der Vergangenheit mehrfach von unseren Nutzern als fragwürdig gemeldet wurde." - © Jost Wolf
Der auf dem Coronavirus-verharmlosenden Flyer verwendete Link-Verkürzungsdienst „kurzelinks.de" hat reagiert und blendet Nutzern vor Aufruf der entsprechenden Seiten Warnhinweise ein. „Die Ziel-URL enthält eventuell kritische Inhalte!", heißt es dort. „Dieser Kurzlink verweist auf eine Seite, die in der Vergangenheit mehrfach von unseren Nutzern als fragwürdig gemeldet wurde." (© Jost Wolf)

Detmold. Flyer, die das Coronavirus verharmlosen, hat eine LZ-Leserin im Detmolder Norden in ihrem Briefkasten gefunden. Einer davon ist als hochwertiges, farbiges Flugblatt ausgeführt. „Ich halte diese Flyer auch wegen ihrer professionellen Aufmachung für gefährlich, zumal sie vor allem die Impfwilligkeit beeinträchtigen könnten", schreibt sie. Die Polizei hat die Schriftstücke an den Staatsschutz zur Prüfung weiter geleitet.

Das Sterberisiko am Coronavirus sei nicht größer als an einer Autofahrt, wird auf dem Flugblatt beispielsweise behauptet. Auch sei es besser, das Immunsystem zu trainieren, anstatt es durch einen Lockdown zu schwächen. Als Belege für die diversen Behauptungen des Flyers werden jeweils Internetadressen genannt, unter denen sich der Leser selbst informieren soll. Der für alle Internetadressen auf dem Flugblatt verwendete Link-Verkürzungsdienst „kurzelinks.de" blendet vor dem Aufruf aller angegeben Seiten einen Warnhinweis ein: „Die Ziel-URL enthält eventuell kritische Inhalte!" Der Kurzlink verweise auf eine Seite, die in der Vergangenheit mehrfach als fragwürdig gemeldet worden sei, heißt es erklärend.

Überwiegend sind es Seiten des Schweizer Portals „Swiss Policy Research", einer Website ohne Impressum, die sich selbst als „Forschungs- und Informationsprojekt zu geopolitischer Propaganda in Schweizer und internationalen Medien" bezeichnet. Das Portal, das bis Mai 2020 noch „Swiss Propaganda Research" hieß, bietet Coronavirus-Leugnern reichlich Futter in Form von meist englischsprachigen Studien. Eine der Studien, auf die das Flugblatt verweist, versieht die Internetseite, auf der sie zu finden ist, selbst mit einem Hinweis: Es handele sich um eine Vorab-Veröffentlichung, die noch nicht durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet geprüft worden sei und deshalb nicht als Stand der Forschung betrachtet werden könne.

Als Impressum ist Dr. Bodo Schiffmann genannt

Sie selbst und ihre Nachbarn hätten die Flyer im Briefkasten gehabt, eine Freundin in der Innenstadt aber nicht, schreibt die LZ-Leserin und zieht deshalb eine Freikirche in der Nachbarschaft als Verteiler in Betracht. „Wir haben uns immer von jeglichen Querdenkern fern gehalten", widerspricht Rudolf Dück, Pastor der Evangelischen Freikirche „Schöne Aussicht" entschieden. Man sei im ständigen Kontakt mit der Stadtverwaltung, um sich den Coronavirus-Regeln entsprechend zu verhalten. „Seit November ist bei uns alles dicht und wir machen nur noch Aufnahmen mit einem kleinen Team, um sie auf Youtube auszustrahlen." Dabei habe man 500 Gemeindemitglieder, und vor der Pandemie seien sonntags immer 600 bis 700 Gläubige zum Gottesdienst gekommen, berichtet Dück.

Dr. Bodo Schiffmann, der auf dem Flyer als Impressum genannt ist, ist bundesweit bekannt und tritt gerne auf Demonstrationen gegen die Coronavirus-Maßnahmen auf. Der Arzt hat in Sinsheim eine Schwindelambulanz betrieben und sich über deren Youtube-Kanal an das Thema Coronavirus herangetastet. So scheint er Geschmack an der öffentlichen Aufmerksamkeit gefunden zu haben. Vielleicht ist es auch die Flucht nach vorn, denn inzwischen hat ihm die Sinsheimer GRN-Klinik die Praxisräume gekündigt. Sein Verhalten sei für das Krankenhaus geschäfts- und rufschädigend. Außerdem habe er mit dem Krankenhaus nicht, wie bei seinem Einzug in die Praxisräume zugesagt, kooperiert. Die Approbationsbehörde des baden-württembergischen Landesgesundheitsamtes hat ihm ein Anhörungsschreiben geschickt. Sie wirft ihm vor, Falschaussagen zu verbreiten.

Für das zweite, weniger professionell gemachte Flugblatt, das für die Vereinigung „Grundrechte Paderborn" wirbt, zeichnet Raphael Schlaff verantwortlich. Der Altenbekener betreibt einen Buchhandel und Antiquariat und wird als Paderborner Kontakt zu den Querdenkern der Domstadt gelistet.

Dass die Flyer noch in anderen Bereichen von Detmold verteilt worden wären, ist der Polizei laut Pressesprecher Lars Ridderbusch nicht zu Ohren gekommen.

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