Detmold. 150 Jahre. Imposante Gestalt. Astralkörper. Hoch oben auf der Grotenburg thront unser Hermann. Knapp 27 Meter martialische Männlichkeit. Dennoch: Dass er es ausgerechnet im Jubiläumsjahr zu derartigem Ruhm bringen würde, hätte er wohl selbst nicht gedacht. Ist aber so: Der Cheruskerfürst erreichte als Arminia-Symbolfigur im blauen XXXL-Schüco-Trikot eine Medienpräsenz wie nie zuvor. Inzwischen ist er wieder nackig - und was hat die (beinahe) einzigartige Aktion gebracht? Eine Bilanz. Lipper teilen gerne Eins vorweg: Wir Lipper teilen gerne. Denn Hermann ist und bleibt ein Lipper. Aber er ist eben auch Arminius, der Cheruskerfürst, der im Jahre 9 die drei römischen Legionen unter dem Feldherrn Publius Quinctilius Varus niederschlug. Da war es für den lippischen Recken selbstverständlich, sich zum DFB-Pokalfinale in ein XXXL-Trikot von Armina Bielefeld zu hüllen. Der Medienrummel war groß, als das Hermannsdenkmal - mit einer Gesamthöhe von 53,46 Meter immer noch Deutschlands höchste Statue - am 14. Mai das Trikot übergestreift bekam. Lesen Sie auch: So wird Hermann in luftiger Höhe eingekleidet 13 Tage dauerte die Aktion. Hermann avancierte zur Werbefigur für eine ganze Region. Im Internet, im Fernsehen, in den Zeitungen sowieso, überall war sein Foto zu bestaunen. Hermann im blauen Trikot. Das weckte Sympathien und lockte Fußballfans und Nicht-Fußballfans auf Arminias Seite - und zahlreiche Besucher nach Detmold. Was Finalgegner VfB Stuttgart dem entgegenzusetzen hatte? Denkmaltechnisch nichts, fußballerisch... 2:4 - Nun ja, Schwamm drüber. Bielefeld ist Ostwestfalen und Ostwestfalen ist nicht Lippe. Aber am Ende muss man konstatieren: Wir Lipper haben von Hermann, dem Trikotträger, profitiert. „Wir haben unglaublich viel positive Resonanz erfahren und wir sind überzeugt, dass wir viele Arminia-Fans, vor allem aber auch viele Bielefelder, neu für das Hermannsdenkmal begeistern konnten“, sagt Peggy Pfaff, Sprecherin des Landesverbands Lippe, der für das Denkmal zuständig ist. Die Zugriffszahlen auf die Hermannsdenkmal-Homepage stiegen laut Pfaff merklich an: Vom 14. bis 24. Mai verzeichnete der Landesverband rund 6950 neue Nutzer. In den elf Tagen davor waren es lediglich 2650. Trikot-Aktion löst Hype aus Lob, Begeisterung, Zustimmung - Hermann im Trikot löste einen echten Hype aus. Die Menschen pilgerten zum Denkmal, so lange es ging: Jeder wollte ein Selfie mit dem gigantischen Trikot-Träger. Ausgerechnet zum Pokal-Wochenende - vom 23. bis 25. Mai - mussten das Denkmal und das Areal drumherum aber gesperrt werden: Die Windböen waren so heftig, dass die Verantwortlichen beim Landesverband fürchten mussten, dass Material abbrechen und in die Tiefe stürzen könnte - das Trikot vergrößerte die Gefahr. Die Besucherzahlen waren zu dem Zeitpunkt aber bereits bemerkenswert hoch: Vom 17. bis 23 Mai wurden laut Pfaff 2652 Tickets für die Besteigung des Hermannsdenkmals verkauft, etwa 50 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres mit 1803 Tickets. Und auch die Zahl der Kurzzeitparker stieg kräftig an: Vom 30. April bis 9. Mai wurden laut Stadtverkehr Detmold, SVD, der Betreiberin des Parkautomaten, 3325 Tickets gezogen, vom 14. bis 23. Mai dagegen 8166 - eine Steigerung um rund 150 Prozent. Ein Lipper wäre kein Lipper, wenn er nicht nach den Kosten auf der anderen Seite fragen würde. Hauptsponsor Schüco mache dazu keine Angaben, sagt Pfaff, aber: „Der Landesverband hat für die gesamte Maßnahme keine Kostenbelastungen gehabt“, betont die Sprecherin. Alle Kosten seien durch Schüco übernommen worden. Und überhaupt stehe ja das Miteinander bei der Aktion im Vordergrund. Was natürlich richtig ist. Aber es freut ja doch, zu hören, dass sich, so Pfaff, „am Ende wahrscheinlich trotzdem ein kleines Plus für den Landesverband Lippe“ ergibt. Hermann ist wieder frei Seit Montag, 26. Mai, ist Hermann wieder frei, im doppelten Wortsinn: Die Sperrung ist aufgehoben, das Trikot ist ausgezogen. Still und heimlich wurde das durch die stürmischen letzten Tage reichlich ramponierte XXXL-Shirt entfernt. Jetzt ist Hermann also wieder nackig. Gäste der großen Feierlichkeiten im Sommer anlässlich seines 150. Geburtstags werden einen unverhüllten Blick auf seinen stählernen grünen Körper haben. Wobei das nicht so ganz stimmt: Der Hype ist noch nicht vorbei, und so wechselt er in diesen Tagen sogar immer noch häufig das Oberteil: Mal ein rotes T-Shirt mit „DLRG Augustdorf“-Werbung, dann ein blauer Schlumpf mit „Lothe“-Aufdruck. Die Bekleidungsindustrie würde sich an dem Cheruskerfürsten eine goldene Nase verdienen, wenn die künstliche Intelligenz ihr keinen Strich durch die Rechnung machen würde. Denn all die angezogenen Hermänner, die durchs Internet schwirren, sind nicht real. Dass so ein Denkmal angezogen wird, kommt im echten Leben eher selten vor, und das ist gut so. Zuletzt 1999, als Arminia Bielefeld (lediglich für eine Saison) in die erste Bundesliga aufstieg. Aktuell zum DFB-Finale. Und das nächste Mal vielleicht 2052, wenn Arminia im Finale der Champions League steht. In dem Fall würden wir Lipper unseren Hermann nochmals ostwestfälisch einkleiden lassen. Aller guten Dinge sind drei. Und vielleicht könnte dann das böse Omen besiegt werden - und Arminia siegen.