Detmold. Mit einer lockeren „Sekt oder Selters“-Runde mit Aussagen wie „Die Innenstadt gehört auf jeden Fall autofrei“ oder „Ich hätte gerne mehr Tempo-30-Zonen“ ist das Wahlforum von LZ und Radio Lippe am Dienstagabend in der Aula der Alten Schule am Wall gestartet. Die Bürgermeisterkandidaten Frank Hilker (SPD), Dr. Marika Thiersch (CDU), Dr. Elmar Thyzel (FDP), Viktor Hübner (AfD) und Nadine Anita Eschen (Die Partei) mussten sich mit Schildern mit grünen und roten Daumen dazu positionieren. Danach stellten LZ-Redakteurin Janet König und Radio-Lippe-Moderatorin Judith Brentrup Fragen aus diversen Themenblöcken, die die knapp 200 Besucher interessiert verfolgten. Hier die wichtigsten Aussagen im Überblick. Stärkung der Innenstadt Was soll die Innenstadt voranbringen? „Zum Beispiel ein Händlerhaus“, sagte Dr. Marika Thiersch. Darin könnten sich lokale Anbieter zusammentun, die sich sonst keine Räume in der Innenstadt leisten könnten. Sie will mit Gamification, also spielerischen Elementen, die Jugend ansprechen und die Gastronomie beleben. Handy-Routen könnten Touristen in die Innenstadt locken, ein Bringservice zu einem entspannteren Einkaufen beitragen. Frank Hilker verwies auf den aktuellen Kurs zur Belebung der Innenstadt, der erst kürzlich von Experten gelobt worden sei: „Das Detmolder Modell ist ein Muster-Modell in OWL. Detmold hat den geringsten Leerstand in NRW, im Vergleich zu gleichgroßen und größeren Städten“, betonte der Bürgermeister. Saturn und Media-Markt kämen nicht, weil ihnen der Umsatz nicht reiche. Dass sich das Modehaus Klingemann am Hornschen Tor ansiedele, sei ein Riesenerfolg. Dr. Elmar Thyzel, selbst Mitglied in der Werbegemeinschaft „Die Händler“, möchte an die Ursachen ran: „Wenn Handel da sein soll, müssen die Menschen kommen. Aktuell stünden dem unter anderem die vielen Baustellen und die „Vernichtung von Parkplätzen“ entgegen. Er wolle mehr gesunden Menschenverstand walten lassen. „Detmold ist schön, Warum sollte man es schnell wieder verlassen?“, fragte Nadine Anita Eschen. Die Satirepartei „Die Partei“ setze deshalb auf Tempo-20-Zonen, am Museum „Hellerlecht“ solle das Mausoleum in eine Tiefgarage mit angeschlossener Geisterbahn verwandelt und die Straßenbahn zwischen Detmold und den Externsteinen reaktiviert werden. Viktor Hübner möchte keine Windkraftanlagen, damit weiterhin Touristen kommen, das Hornsche Tor ausbauen und überlegen, wie der Jugend eine attraktive Innenstadt geboten werden kann. Sicherheit „Lippe ist der drittsicherste Kreis in NRW“, sagte Nadine Anita Eschen. Dass das Sicherheitsgefühl bei einigen anders ausfalle, sei oft das Ergebnis von Hetze und Schlagzeilen. „Ich fühle mich in Detmold gut aufgehoben. Es gibt keinen Grund, sich nicht sicher zu fühlen.“ Dr. Marika Thiersch konnte sich einen kleinen Seitenhieb auf den Baseballschläger, mit dem Eschen auf Plakaten posiert, nicht verkneifen. Sie möchte Amtsträger näher zusammenholen und das Gefühl der Menschen ernst nehmen. Das möchte auch Dr. Elmar Thyzel, unter anderem mit Blick auf den Hasselter Platz, wo man an der Trinkerszene vorbei müsse. Lesen Sie auch: Diese besonders fiesen Fragen gingen an die Detmolder Bürgermeisterkandidaten Wahlforum in Detmold: Mit diesen 5 Fragen löchern die Besucher die Bürgermeisterkandidaten Frank Hilker verwies darauf, dass es sich oftmals um ein subjektives Gefühl handele, aber auch auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, nach der sich viele Menschen schwieriger und egoistischer verhielten. Um Angsträume abzubauen, sei beim Umbau des Kaiser-Wilhelm- und des Schloßplatzes auf klare Wege und Sichtbeziehungen gesetzt worden. Ein etwas dramatischeres Bild zeichnet Viktor Hübner, der eigener Aussage zufolge auch an Wahlkampfständen viele Sorgen von Bürgern wahrnimmt. „Kinder werden begleitet, die Leute erleben einen Verlust des öffentlichen Raums.“ Nadine Anita Eschen rief ihn daraufhin dazu auf, einmal nachzufragen, was genau die Menschen beunruhigt und angeführte Statistiken zu belegen. Und in Bezug auf den Baseballschläger: „Die Keule ist ein Stilmittel der Satire. Sie unterstreicht meine Person.“ ÖPNV Frank Hilker verweist auf die 701, die einmal pro Stunde quer durch die Stadt fährt, und eine Erhöhung der Takte auf den Stadtbuslinien. Dies sei aber auch eine finanzielle Frage. „Wir müssen an den Strukturen arbeiten, um in Lippe einen einheitlichen Verkehrsverbund mit Synergien zu schaffen.“ Marika Thiersch möchte sich auch um die Bahn noch einmal bemühen und nicht nur Fahrradstraßen und ähnliches schaffen. Viktor Hübner sieht Probleme in den Außenbezirken, die schlechter angebunden seien. Er möchte sich für eine höhere Frequenz der Busse und mehr Parkplätze einsetzen. Bezahlbarer Wohnraum Viktor Hübner möchte die Migration begrenzen und Leute wegschicken. „Die meisten, die kommen, sind Singles. Dann hätte man Wohnraum für andere, zum Beispiel für Studenten“, erklärte der Kandidat. Nadine Anita Eschen erhielt für ihre Gegenfrage, ob er als Eingewanderter dann auch Platz für andere mache, Applaus aus dem Publikum. Hübner verwies darauf, dass er vorab eine Erlaubnis erhalten habe, um nach Deutschland zu kommen. Dr. Elmar Thyzel möchte mehr bauen und mehr Bauland ausweisen. Das Bauamt müsse ein „Bauermöglichungsamt“ sein. Natürlich gebe es Regularien von Bund und Land, man müsse in Detmold aber nicht auch noch eine Schüppe drauflegen. Marika Thiersch bemängelte, dass in den vergangenen Jahren zu wenig Wohnungen geschaffen worden seien. Sie möchte sich für Neubauten mit einer Quote für Familien und Menschen mit wenig Geld einsetzen. Frank Hilker verstand sich als Faktenchecker: Durch die beiden kommunalen Wohnungsgenossenschaften seien neue Wohneinheiten entstanden. In verschiedenen Ortsteilen werde Bauland ausgewiesen und durch das Projekt „Urban Pulse“ solle ungenutzter Wohnraum aktiviert werden. Zudem sei die Grundsteuer nicht erhöht worden. Nadine Anita Eschen kam erneut mit einem satirischen Vorschlag: Die Adlerwarte mit Windrädern vollstellen und darin Wohneinheiten mit besonderen Features schaffen. Schulen Viele Kandidaten sehen bei den Schulen Luft nach oben - ob das nun die Toilettensituation ist oder andere Dinge. Dr. Marika Thiersch wünscht sich Gewaltprävention und weitere Förderung, Nadine Anita Eschen möchte die Infrastruktur verbessern und den Eltern das Gefühl geben, dass die Kinder auch ohne Elterntaxis sicher ankommen. Ausführliche Kandidaten-Interviews gibt es auf unserer Schwerpunkt-Seite Viktor Hübner findet, dass viel in die Schulen investiert werden muss, damit die Kinder gerne hingehen. Er will gehört haben, dass sich Kinder neben der Toilette erleichtern, und ordnet diese einem bestimmten Kreis zu. „Als wir nach Deutschland kamen, wussten wir, wie man die Toilette benutzt“, sagte er und erntete dafür bei manch einem ein Stirnrunzeln. Frank Hilker berichtete davon, dass in den vergangenen Jahren Millionenbeträge in die Schulen investiert worden seien. Gleichwohl seien diese der Inbegriff struktureller Probleme, verursacht von Bund und Land. Ein Beispiel sei der Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz. Allein für die Schaffung der Räume sei ein zweistelliger Millionenbetrag erforderlich. Städtischer Haushalt Viktor Hübner möchte bei den Ausgaben ansetzen und Kosten für Geflüchtete sparen, etwa bei Sozialarbeitern und „sonstigen Bespaßungsvereinen“. Nadine Anita Eschen möchte nicht denen, die ohnehin nichts haben, die Butter vom Brot nehmen. Dr. Marika Thiersch sieht Einsparpotenzial in der Stadtverwaltung, zum Beispiel in der Pressestelle, beim Standesamt oder persönlichen Referenten. Dr. Elmar Thyzel möchte keine teuren Prestige-Projekte. Dass die Stadt beim Hornschen Tor als Entwickler und Betreiber auftrete, halte er für einen Sündenfall - wenn doch Investoren sagten, das funktioniere nicht. Frank Hilker entgegnete, dass die Stadt es für eine schwarze Null machen könne und keinen Gewinn erwirtschaften müsse. „Die Alternative ist, dass nichts passiert“, sagte er. Nach vielen Einsparrunden seien die Möglichkeiten der Stadt mittlerweile limitiert. Er sehe nun Kreis und Land in der Pflicht.