Detmold. Was auf der Bühne für das Publikum zu sehen ist, stellt höchstens die Spitze des Eisberges dar. Das „Dahinter“ beleuchtet die LZ zum Jubiläum „200 Jahre Landestheater Detmold“ in der Serie „Vorhang auf!“ Die Verwaltung ist der Motor des Landestheaters. Mit einem Etat von rund 28 Millionen Euro werden hinter den Kulissen hohe Summen bewegt. Rund 15 bis 20 Prozent davon erwirtschaftet das Theater selbst, der Rest sind Beiträge der öffentlichen Hand, von Gesellschaftern, dem Land und weiteren. Bezuschusst wurde das Theater auch schon zu Fürstens Zeiten - aber: Warum ist das eigentlich so und Kultur immer ein Zuschussgeschäft? Stefan Dörr, Kaufmännischer Direktor des Landestheaters, ist jedenfalls glücklich, dass die Bühne als GmbH aufgestellt ist - anders als viele andere Theater und Orchester, die das Land NRW derzeit unter die Lupe nimmt. Was ist der Unterschied zwischen einem Landestheater und einem „normalen“ Theater? Stefan Dörr: Es gibt Staatstheater, die vom jeweiligen Bundesland mitfinanziert werden. Es gibt die privaten Theater, die meistens ebenfalls Zuschüsse bekommen, sowie Stadttheater, die nur dort spielen, wo man halt gerade ist. Dann gibt es die Landestheater, die vom Land mitfinanziert werden - wie bei uns. Wir haben den Auftrag, kulturelle Bildung zu fördern, nicht nur in Detmold, sondern auch in Städten und Gemeinden, die zwar eine Spielstätte vorhalten, aber kein eigenes Ensemble. Wir gehen also in die Fläche, und das ist bei uns eine Besonderheit. Wir haben das Große Haus und weitere Spielorte sowie die Gastspielorte und gehen mit allen Stücken auf Tour in andere Städte. Die Produktionen kann man bei uns buchen - wenn man zum Beispiel eine Aufführung von einem Staatstheater möchte, ist das sehr, sehr teuer. Bei uns bekommt man eine Oper zwischen 18.000 und 20.000 Euro, manchmal auch schon für 14.000 Euro. Schon der Fürst musste das Theater mal aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Warum ist Kultur immer ein Zuschussgeschäft? Stefan Dörr: Wir sind es in der öffentlich geförderten Kultur zunächst gewohnt, stets auf die Kosten und die Erlöse zu schauen. Das müssen private Theater natürlich auch - und auch die erhalten Förderungen, manchmal indirekt darüber, dass man ihnen Gebäude zur Verfügung stellt. Wir haben als Landesbühne einen hoheitlichen Bildungsauftrag. Aus Bildung zieht man wiederum selten Erlöse, und es wäre ja im Kinder- und Jugendtheater zum Beispiel gar nicht machbar, Karten für 30 bis 40 Euro zu verkaufen. Wir setzen die Beiträge unserer Förderer ein, um die Preise moderat zu halten. Sie sind seit 2009 Kaufmännischer Direktor des Landestheaters. Wie hat sich die wirtschaftliche Situation in den vergangenen 16 Jahren verändert? Stefan Dörr: Wir sind eine GmbH und in der Situation, dass wir einerseits vom Land gefördert werden, andererseits von den Gesellschaftern. Manchmal schwächelt die eine, manchmal die andere Seite. Wir haben das Glück, dass in diesen Fällen der jeweils nicht schwächelnde Partner sich stärker einbringt. Im NRW-Kulturgesetzbuch steht: Das Land gewährleistet durch Landestheater und Landesorchester einen angemessenen Zugang zu den darstellenden und musikalischen Künsten. Logisch, dass man das bezahlen muss. Wenn das Land aber - wie derzeit - sagt, dass es 2025 und 2026 seinen Anteil an den tariflichen Steigerungen der Personalkosten nicht tragen kann - was kann das im Ernstfall für Detmold bedeuten? Stefan Dörr: Wir haben 320 Mitarbeiter, und 85 Prozent unseres Etats von 28 Millionen Euro sind Personalkosten. 15 bis 20 Prozent der Einnahmen erzielen wir aus Erlösen. Im Augenblick sagt das Land in der Tat: Wir haben kein Geld. Dafür haben sich wiederum die Gesellschafter aktuell sehr stark eingebracht, wofür wir sehr dankbar sind. Natürlich befinden wir uns dadurch immer in einer unsicheren Planung. Aber zum Glück sind wir eine GmbH und können finanzielle Unwuchten auch mal auffangen, weil wir zum Beispiel Rückstellungen und im Ernstfall auch ein Stammkapital haben. Vereine haben das nicht, und andere Landestheater oder Orchester sind als Vereine aufgestellt. Die bekommen erhebliche Probleme, wenn plötzlich mal 100.000 Euro fehlen. Deswegen untersucht derzeit eine Unternehmensberatung sämtliche kulturellen Landeseinrichtungen, um zu sehen, wie es weitergeht. Ich sehe es aber als meine Aufgabe an, derlei Themen vom künstlerischen Bereich weitestgehend fernzuhalten. Ich kann ja als Bäcker nicht plötzlich die Brötchen kleiner backen beziehungsweise in einer Spielzeitplanung nicht ständig sagen: Dies geht nicht, das geht nicht - obwohl man gar nicht weiß, wie es in zwei Jahren dann wirklich aussehen wird. Wir haben zum Beispiel langfristig entschieden, unser Jubiläumsjahr mit Events groß zu feiern, und dann muss man eben sehen, wie man das umsetzt. Sie haben mehrere Intendanten, viele Spartenleiter und zahllose Regisseure erlebt. Wie würden Sie den Spagat zwischen deren künstlerischem Anspruch und der wirtschaftlich nötigen Effizienz beschreiben? Stefan Dörr: Das ist eher eine künstlerische Frage. Aber natürlich sind wir auf dem freien Markt, und man muss sich immer fragen, wie sich ein Stück dort durchsetzen wird. Aktuell bereiten wir schon die Spielzeit 27/28 vor, und bei der Planung müssen eine Intendantin oder ein Intendant das berücksichtigen und überlegen, welches Thema will ich machen beziehungsweise: Was könnte in zwei Jahren ein Thema sein? Aber wir haben die Barockoper „Xerxes“ von Händel dennoch gespielt - und vor Ort lief sie auch ganz gut, stark getragen natürlich von unseren treuen Abonnenten. In den Abstecherorten wurde sie aber nur ein Mal gebucht, weil niemand wirklich eine Barockoper wollte, weil wir an den Gastspielorten in der Regel nur ein einziges Mal mit einer Produktion zu Gast sind. Das Landestheater Detmold hatte in der jüngsten Spielzeit rund 170.000 Besucher. Das lässt sich mit dem Theater Regensburg vergleichen. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt, dass dort 170.434 Besucher in derselben Spielzeit zwischen 45 Euro (Regensburger) und 177 Euro (Auswärtige) in der Stadt ließen. Jeder Euro aus öffentlichen Mitteln generierte 1,60 Euro und damit 25 Millionen Euro an ökonomischen Effekten zusätzlich zum Kartenverkauf. Lässt sich das auch auf Detmold und Lippe umrechnen? Stefan Dörr: Klar kann man das vergleichen. Man muss aber berücksichtigen: Von unseren jährlich 170.000 Zuschauern haben wir 100.000 in Detmold und 70.000 in den Abstecherorten. Selbstverständlich gehen die Besucher vorher auch mal Essen und dann ins Theater oder begeben sich nach der Vorstellung noch die Gastronomie. Das führt zu Rückflüssen. Und selbstverständlich ist das Theater ein weicher Standortfaktor. Wenn ein neuer Chefarzt/eine neue Chefärztin aus einer großen Stadt ans Klinikum kommen möchte, schaut der Partner schon mal nach: Detmold? Und wenn es dort ein großes Theater gibt - und zudem eine Technische Hochschule, die Musikhochschule und vieles mehr -, ist das durchaus ein attraktiver Standort. Sie haben drei Wünsche für das Theater frei – welche? Stefan Dörr: Am wichtigsten sind für mich die Akzeptanz und Zufriedenheit der Besuchenden. Ich wünsche mir die feste Verankerung des Theaters in der Politik und bei allen, die uns mitfinanzieren. Außerdem wünsche ich mir eine kulturelle Strahlkraft über die Region hinaus - damit wir weiterhin weit über die Region hinaus als Reisebühne unterwegs sein dürfen. Mehr zur Serie gibt es hier. Persönlich Stefan Dörr studierte Wirtschaftswissenschaften, Romanistik, Osteuropäische Studien und war Vertriebsleiter bei der Peters Pralinen GmbH. Von 2001 bis 2004 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektleiter Wirtschaftsförderung, an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Anschließend wurde er im Juli 2004 Geschäftsführer der Staatsbad Bad Oeynhausen GmbH und blieb in der Position bis zum September 2009. Seitdem ist er Kaufmännischer Geschäftsführer der Landestheater Detmold GmbH. So ist das Landestheater aufgebaut Vor einigen Jahren wurde das Landestheater aus wirtschaftlichen Gründen in eine GmbH umfunktioniert - die zum Beispiel die Spielstätten mietet, das Gebäude gehört dem Landesverband Lippe. Das Theater hat als GmbH einen Aufsichtsrat unter Vorsitz des Landrates des Kreises Lippe und Gesellschafter, die es finanzieren, sowie eine Gesellschafterversammlung. Die Gesellschafter sind der Kreis Lippe, die Stadt Detmold, der Landesverband Lippe, Stadt und Kreis Paderborn und der Verein zur Förderung des Landestheaters Detmold. Kooperationspartner sind der Kreis und die Stadt Herford, Förderer sind das Land Nordrhein-Westfalen, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der Kreis Gütersloh, die Stadt Hameln sowie die Kreise Höxter und Minden-Lübbecke.