Detmold. Wenn Ulrike Eikermann morgens wach wird, braucht sie manchmal eine halbe Stunde, bis die Beine gehorchen und sie aufstehen kann. „Aber MS gewinnt nicht. Ich gewinne“, sagt sie entschlossen über ihre Multiple Sklerose. Dieser Satz ist für sie längst keine Durchhalteparole mehr, sondern ihre Lebenseinstellung. Schon seit der Schwangerschaft mit ihrem Sohn begleitet sie die Nervenkrankheit. Zunächst fing es an, dass sie eine Taubheit in den Beinen spürte und nur sehr unsicher gehen konnte. Erst 15 Jahre später gab es die Diagnose. Heute, viele Jahre danach, ist sie die Vorsitzende des MS-Kontaktkreises. Gemeinsam organisiert sie zusammen mit ihren Mitstreitern Ausflüge, Vorträge oder auch die ganz normalen regelmäßigen Treffen. Die Gemeinschaft und der Austausch sind ihnen sehr wichtig. „Man muss Ziele haben“, betont Ulrike Eikermann. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Mann Ingo ihren großen Traum erfüllte. Einmal in die Karibik. Das Fliegen war für sie nicht möglich, weshalb sie sich mit einer Kreuzfahrt auf den Weg in das Inselparadies gemacht haben. „Wenn etwas nicht geht, dann geht es eben anders“, sagt sie. MS kann isolieren Auch Gisela Erhardt kennt diesen Willen. Sie lebt seit ihrem 30. Lebensjahr mit MS. Früher war sie Kinderpflegerin und wollte Krankenschwester werden. Doch die Krankheit durchkreuzte diesen Plan. Sie braucht Unterstützung, besteht aber darauf, vieles selbst zu machen. Beispielsweise robbt sie im Garten zum Beet, um Blumen zu pflanzen oder zu schneiden. „Ich möchte als Person und nicht nur als krank wahrgenommen werden“, sagt sie. Stürze gehören schon fast zum Alltag. Die können dann neue Schübe auslösen. „Man darf aber keine Angst haben, die Dinge selber erledigen zu wollen“, betont Gisela Erhardt. Auch müsse man an die Angehörigen denken, die einen begleiten und unterstützen. Für ihren Mann sei es teilweise schlimmer als für sie selbst. Gemeinschaft seit 40 Jahren Im Detmolder MS-Kontaktkreis treffen sich seit 40 Jahren Menschen, die mit der Krankheit leben. Selbst Betroffene und auch Angehörige. Die Gruppe bietet ihnen den Rahmen, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig Mut zu machen. Es geht um Gemeinschaft, Lebensfreude und die Gewissheit, dass man zusammen stärker ist. Gegründet wurde der Kontaktkreis 1985 von Heidemarie Korn. Heute zählt die Gruppe rund 18 Mitglieder und trifft sich einmal im Monat in der Mosaikkirche an der Niemeierstraße. Zuvor war der Kreis vier Jahrzehnte lang im Haus des Deutschen Roten Kreuzes an der Hornschen Straße beheimatet – doch fehlende Parkplätze erschwerten zuletzt die Treffen. Unterstützt wird die Gruppe von Karin Dorn, die seit der Gründung dabei ist. Sie organisiert Ausflüge und sammelt Spenden. „Ich gehe oft zu Leuten oder Firmen. Persönlich ist es immer besser, nach Spenden zu fragen“, erzählt sie. Von diesen Spenden lebt der Verein ausschließlich. „Wir lachen und scherzen viel miteinander. Wir sprechen nicht nur über traurige Dinge. Wir haben hier wirklich Lebensfreude“, sagt Karin Dorn. Angehörige sind ausdrücklich willkommen – sie seien ebenso betroffen, ist sich die Gruppe einig. Barrierefreiheit noch ausbaufähig Die medizinische Versorgung in Detmold bewerten die Mitglieder als positiv. „In puncto MS ist Detmold sehr gut aufgestellt“, sagt Ulrike Eikermann. Schwieriger sei es hingegen mit der Barrierefreiheit: Mit ihren Rollstühlen hätten sie oft Probleme an Bordsteinabsenkungen oder Verkehrsinseln. Gisela Ehrhardt wohnt in Remmighausen und erzählt, dass sie teilweise auf der Straße fahren müsse, da Bürgersteige zu schmal oder schief seien. „Das ist dann schon eine gefährliche Nummer. Sehr schade – aber es geht leider nicht anders“, sagt sie. Trotz solcher Hindernisse überwiegt in der Gruppe aber die positive Haltung. Die Mitglieder lassen sich nicht unterkriegen. Was ist Multiple Sklerose? Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei greift das Immunsystem die schützende Hülle der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark an. Die Folge: Nervenreize werden langsamer oder gar nicht weitergeleitet.Typische Symptome sind Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Lähmungen, Gleichgewichtsprobleme oder anhaltende Erschöpfung – sie unterscheiden sich jedoch stark von Mensch zu Mensch. Der Verlauf ist meist schubweise, kann aber auch langsam fortschreiten.MS gilt als nicht heilbar, lässt sich mit modernen Therapien jedoch gut behandeln und verlangsamen. In Deutschland leben etwa 280.000 Menschen mit MS. Die Krankheit tritt häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf – Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.