Detmold. „Sie fahren zu schnell, Sie hupen, Sie schimpfen, Sie steigen aus und bedrohen den Autofahrer, der wartet, um den Gegenverkehr durchzulassen.“ Mit diesen Worten beschreiben Anwohner in einem Leserbrief die Verkehrssituation in der Woldemarstraße. Sie richten sich damit direkt an die Verursacher. Der Ton ist deutlich, der Ärger groß. „Sie mögen die Straße, weil Sie annehmen, ein paar Sekunden schneller an Ihr Ziel zu kommen? Wir wohnen in dieser Straße, weil wir sie als ruhig, kinderfreundlich und lebenswert erachtet haben. Doch das hat sich leider sehr verändert.“ Gabriele Bunse wohnt seit 1991 in der Woldemarstraße und ist eine der Unterzeichnerinnen. „Es gab mal vor einigen Jahren eine Baustelle, da wurde die Blomberger Straße instand gesetzt. Der Verkehr wurde deshalb durch unsere Straße umgeleitet“, erinnert sie sich. 2024 habe die Woldemarstraße erneut als Umleitungsstrecke gedient, als auf der Blomberger Straße neue Radfahrstreifen markiert wurden. Seitdem, meint Bunse, habe sich die Route in den Köpfen vieler Autofahrer als Abkürzung eingebrannt. Jetzt werde sie vor allem genutzt, um den Ampeln am Hasselter Platz zu entgehen. Bis zu 200 Autos pro Stunde zählten Bunse und ihre Nachbarn zuletzt in der engen Anliegerstraße. „Wir haben uns einmal hingesetzt und die Fahrzeuge gezählt.“ Auch Tempo 30, das eigentlich in der Straße gilt, scheint aus Sicht der Betroffenen für viele nur noch grobe Richtlinie denn echte Verkehrsregel zu sein. „Meine Nachbarn und ich haben das Gefühl, dass viele deutlich schneller unterwegs sind.“ Dabei ist die Straße eng. Autos parken an beiden Seiten, was die Straße unübersichtlich macht und nicht gerade zum Schnellfahren einlädt. Stadt teilt Einschätzung nicht Anwohner Johannes Reitz sorgt sich vor allem um seine drei kleinen Kinder. „Die Älteste kommt nächstes Jahr in die Schule. Ich habe schon Bammel angesichts der vielen schnell fahrenden Autos.“ Die Woldemarstraße sei Schulweg für eine ganze Reihe Kinder und Jugendlicher. Reitz selbst wohnt seit 20 Jahren dort und beobachte ebenfalls, dass Menge und Tempo der Fahrzeuge in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hätten. Bereits 2021 suchten Anwohner deshalb das Gespräch mit der Stadt Detmold. „Wir haben einen Ortstermin gemacht, es war ein toller Termin. Unsere Idee war ein digitales Schild zur Tempomessung“, erinnert sich Bunse. Damit sollte ein Bewusstsein bei den Autofahrern für die eigene Geschwindigkeit geschaffen werden. Die Stadt lehnte ab: Zwar sei es möglich, temporär solch ein Gerät zu installieren. Für die dauerhafte Anschaffung, wie es sich die Anwohner wünschten, hätte jedoch „eine besondere geschwindigkeitsbedingte Gefährdung der Verkehrssicherheit vorliegen“ müssen, heißt es dazu aus der Pressestelle der Stadt. Erst dann könnte der Rat der Stadt über eine Anschaffung beschließen. Die Verantwortlichen aus dem Fachbereich Verkehr sahen damals solch eine Gefährdung jedoch nicht. Auch aktuell teilt die Stadt die Einschätzung der Anwohner nicht. „Aus keinem unserer Fachbereiche liegen uns bis dato Hinweise darauf vor, dass in dieser Straße regelmäßig mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren würde“, heißt es. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen habe es während der Sperrung der Blomberger Straße durchaus gegeben. Hohe Geschwindigkeiten ließen die örtlichen Begebenheiten nach Einschätzung der städtischen Fachleute jedoch ohnehin nicht zu. Nach Abschluss der gerade laufenden Fernwärmearbeiten werde die Verkehrsüberwachung das Fahrverhalten vor Ort jedoch erneut messen, „um ganz aktuelle Daten zu haben“. Betroffene wünschen häufigere Kontrollen Die Polizei Lippe sieht die Lage ähnlich. Laut Pressestelle sind in der Woldemarstraße keine Auffälligkeiten wegen zu schnellem Fahren registriert worden. In der Datenbank finden sich lediglich einige kleine Blech- und Lackschäden, die meist beim Ein- und Ausparken entstanden - etwa im Zusammenhang mit dem Hol- und Bringverkehr für das Grabbe-Gymnasium oder die Musikschule. Für die Anwohner der Woldemarstraße ist das Thema damit nicht erledigt. „Dass sich mehrere Anwohner in ihrer Wahrnehmung irren, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Bunse. Ideen, wie in der Straße wieder Ruhe einkehren könnte, gibt es einige: „Wir wünschen uns eine größere Tempo-30-Markierung und wir wünschen uns, dass mehr kontrolliert wird – nicht nur mit dem riesigen Blitzerkasten und dem Caddy. Die kennen mittlerweile alle.“ Auch die Anschaffung einer digitalen Warntafel bleibt eine Option. Dafür müssten die Anwohner jedoch selbst aufkommen. Laut Stadt darf solch eine Tafel auf Privatgrund aufgehängt werden, muss dann aber auch privat unterhalten werden. Zudem darf sie nicht zu Verkehrsbeeinträchtigungen führen. So effektiv sind digitale Warntafeln wirklich Privat installierte, digitale Anzeigetafeln gegen zu schnelles Fahren gibt es in Detmold bereits in der Mittelstraße in Klüt oder in der Hornoldendorfer Straße in Hornoldendorf. Wie die Polizei Lippe mitteilt, haben die Anzeigen im Straßenverkehr durchaus ihre Berechtigung. „Lob- und Tadeldisplays ohne konkrete Tempoanzeige sind am sinnvollsten“, verrät Polizeioberkommissar und Pressesprecher Yannick Thelaner und verweist auf eine Reihe von Untersuchungen der Unfallforschung der Versicherer (UDV) aus dem Jahr 2010. Dabei wurde festgestellt, dass Autofahrer sich in der Stadt eher an eine Geschwindigkeitsbegrenzung halten, wenn ein sogenanntes Dialog-Display sie mit einem freundlichen „Danke“ belohnt oder einem dezenten „Langsam“ ermahnt. „Je nach Einsatzort verringerte sich in der Untersuchungsphase die Durchschnittsgeschwindigkeit um 1,8 bis sechs Kilometer pro Stunde“, schreibt die UDV. Eine weitere Erkenntnis war allerdings auch: „Dialog-Displays wirken nur, solange sie aktiv sind. Nach Abbau der Geräte kehren die Verkehrsteilnehmer wieder zu ihrem ursprünglichen Verhalten zurück.“ Lesen Sie auch: „Rennstrecke“: Anwohner wünschen sich noch mehr Tempo 30 in Detmold Fahrradstraßen in Detmold: Bürger kritisieren mangelnde Sicherheit Deshalb muss auf der Blomberger Straße in Detmold Slalom gefahren werden