Detmold. Ein Großbagger nähert sich mit seiner riesigen Abbruchzange dem Kirchturm. Langsam durchbricht er die Jahrhunderte alten Wände. Das Dach stürzt ein, die Ziegel fallen – und der Kirchturm ist zerstört. Diese Videofrequenz stammt aus der Ausstellung „Sentiment“ an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) in Detmold. Vier Studentengruppen zeigen darin, dass das so nicht sein muss. Sie finden: Alte Gebäude sollten saniert und modernisiert statt abgerissen und neugebaut werden. Professor Nicolas Rauch, Professorin Stephanie Stratmann und Studentin Livia Giloj führen durch die Ausstellung. Die Idee ist im Rahmen eines Wahlpflichtfachs entstanden und beschäftigt sich mit der Frage: Wie gelingt nachhaltiges Weiterbauen und welche Potenziale liegen darin? „Anybody there?“ An der ersten Station, an der Timon Heisteborg, Maya Krämer und Paula Diehl beteiligt waren, sehen sich die Besucher im Spiegel, während sie im Ausstellungsraum stehen. Hinter dem Spiegel hängen lange Vorhänge und durch eine Öffnung gelangen sie in einen verborgenen Raum. Jetzt wird klar: Der Spiegel ist einseitig verspiegelt, die Gäste sehen die Ausstellung aus einer anderen Perspektive. Auf der Rückseite des Spiegels steht geschrieben: „Anybody there?“, zu Deutsch: „Jemand da?“. Das Ziel ist laut Professor Nicolaus Rauch, dass die Gäste ungeahnt zwei Rollen einnehmen. Eine als Besucher innerhalb der Ausstellung – und eine als Besucher, der die Ausstellung von außen betrachtet. Unter der Rückseite des Spiegels ist ein Fernseher. Dieser spielt rückwärtslaufende Videosequenzen ab, in denen Großbagger unter anderem alte Kirchen einreißen. Mit dem gerade gewonnenen Perspektivwechsel sollen die Szenen zum Nachdenken anregen. „Wenn eine Kirchengemeinde nicht genug Mitglieder hat und keine Förderung bekommt, werden Kirchen abgerissen“, erklärt Professorin Stephanie Stratmann. Es sei oftmals einfacher, ein denkmalgeschütztes Gebäude abzureißen und ein neues zu bauen, anstatt sich mit dem Denkmalamt auseinanderzusetzen – und das Gebäude zu sanieren. „Motion Lab“ Wer eine Familie gründet, braucht ein sicheres Zuhause – ein Gebäude: Das zweite Projekt „Motion Lab“ ist von Livia Giloj und Luca Bartnick. In ihrem Kurzfilm werfen sie die Frage auf, wie die Gesellschaft es schaffen solle, aktuelle Probleme zu lösen, wenn sie es nicht einmal schaffe, alte, vollfunktionsfähige Gebäude zu sanieren. In dem Kurzfilm sind Gebäude zu sehen, die neu gebaut werden. Währenddessen spricht ein Sprecher gesellschaftliche Themen wie den Klimawandel, Wohlstand-Aufbauen oder Familie-Gründen an. „The Case of Reuse“ Die nächste Station ist ein großer Tisch mit vielen Baumaterialien: Ziegelsteine, Dachpfannen, Holzstücke oder Rohre. Die Studenten Sandra Kröger, Lotti Mika, Marieke Sperling und Tessa Korek haben in Detmold Bauschutt gesammelt. Ein paar davon haben sie zu Möbelstücken aufgewertet, wie etwa eine alte Tür, die zum Tisch wurde. Das Projekt zeigt laut Rauch, wie viel Potenzial in bereits vorhandenen Ressourcen steckt. Die Fundstücke der Baustellen sind von den Studenten sorgfältig nummeriert worden. Das Projekt solle den Bauschutt in ein anderes Licht werfen. „Abgerissen, Vergessen“ Beim vierten Projekt zeigen Mia Demand, Sarah Füllenkemper, Ilka Bühren und Sofie Ferreira de Barros den Widerstand des Bürgers Heinz Wortmann aus den 1950er-Jahren. Es handelt sich um die die verschwundene Weinberg-Straße. Damals habe der Gärtner sich geweigert, sein Eckhaus für die Verbreiterung der Straße zu opfern. Die Stadtplaner seien damals der Meinung gewesen, dass sein Fachwerkhaus ruhig dem Verkehr geopfert werden könne. Doch Wortmann habe hier um seine Existenzgrundlage gekämpft. Die Studenten haben im Stadtarchiv recherchiert und alte Briefe gefunden. Wortmann habe einen „absolut gleichwertigen, schuldenfreien Ersatzbau“ gefordert – und das mit Erfolg: Das Haus wurde 1959 zwar abgerissen, dennoch erkämpfte er sich die höchste Entschädigungssumme des Bauprojekts. „Sentiment“ ist noch bis zum 27. Januar im Foyer der TH OWL zu sehen. Zusätzlich ist die Wanderausstellung „Fix it! – Umbau statt Abriss“ aufgebaut. Diese ist Teil der europaweiten Bürgerinitiative „HouseEurope!“, die sich für eine sozial und ökologische Baupraxis einsetzt.