Auf dem Dörenberg stand einst ein riesiger Stahlkoloss

Alexandra Schaller

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Ein Foto, das es nicht geben dürfte: Hans Böhm hat die Luftaufnahme verbotenerweise während der Stationierung der Amerikaner gemacht. Sie zeigt den ehemaligen Radarturm und die Gebäude, die heute von den Mennoniten genutzt werden. - © Foto: Hans Böhm
Ein Foto, das es nicht geben dürfte: Hans Böhm hat die Luftaufnahme verbotenerweise während der Stationierung der Amerikaner gemacht. Sie zeigt den ehemaligen Radarturm und die Gebäude, die heute von den Mennoniten genutzt werden. (© Foto: Hans Böhm)

Extertal-Linderhofe. Ein 60 Meter hoher Stahlturm, errichtet auf dem höchsten Berg Extertals – dem Dörenberg. Als „Wahrzeichen" Nordlippes wird er in der Historie oft bezeichnet. Vor 20 Jahren ist der ehemalige Stützpunkt der amerikanischen Truppen aufgelöst worden, 1998 wurde der Radarturm dem Erdboden gleich gemacht. Gibt es heute noch Spuren? Nicht viel mehr als die fünf Meter hohe Erhebung, auf der er einst errichtet wurde.

Der Extertaler Hobbyhistoriker Friedhelm Nolting kennt nicht nur die Geschichte der Radarstation, sondern auch die der Jahre zuvor. Über Recherche in privaten Archiven habe er herausgefunden, dass sich im 19. Jahrhundert auf dem Berg eine „parkähnliche Anlage" befunden habe – mit einem „Luisenplatz" im Westen und einem „Elisabethplatz" im Osten.

Dazwischen: Lauben, Bänke, ein Aussichtsturm aus Fichtenstämmen und ein Tanzboden, berichtet Nolting im LZ-Gespräch. Und sogar eine „Verlobungsecke" soll es gegeben haben: „Da haben sich immer junge Verliebte getroffen", erzählt der 71-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Nachdem der Park über die folgenden Jahre verwilderte, kam mit der amerikanischen Militärbehörde ab 1957 neues Leben auf den Dörenberg. Als höchste Erhebung der Umgebung erkor sie ihn für die Errichtung einer Radar- und Nachrichtenstation aus. So entstand – nur wenige Kilometer von der Raketenabschussbasis auf dem Steinberg – auf 392 Metern ein 220 Tonnen schwerer Koloss auf einer Grundfläche von 18 mal 18 Metern. Weithin sichtbar sei er gewesen, erinnert sich Nolting: „Noch von Bielefeld aus konnte man die rot leuchtende Lampe an der Spitze erkennen."

Bis 1993 diente die Radarstation als Nachrichtenanlage sowie der Luftraumüberwachung. Etwa 35 amerikanische Soldaten sollen im Schnitt dort gedient – und den Kontakt zur heimischen Bevölkerung gesucht haben. Hans Böhm erinnert sich an die Zeit als Jugendlicher: „Wir freundeten uns schnell mit den Amerikanern an und machten gemeinsam Musik. Und wir haben auch auf dem Berg bei den Amerikanern gefeiert", erzählt der 66-Jährige heute lachend.

Viele junge Mädchen hätten dann Soldaten geheiratet und seien mit ihnen ausgewandert. Und auch einen weiteren Vorteil hatte die enge Freundschaft zu den Amerikanern, sagt Böhm: „Von Musikanlagen bis Whiskey konnten wir von ihnen alles Mögliche kaufen. Und: Sie hatten immer die neuesten Filme – Jahre bevor wir sie hier in Deutschland kaufen konnten. Das war unglaublich toll."

Nach dem Ende des Kalten Kriegs gaben die Amerikaner die Anlage 1993 auf – derzeit gehört das Gelände samt den Gebäuden der Mennonitischen Brüdergemeinde Lemgo. Auf dem „Sternberger Rundweg" lässt sich das Areal auch heute noch zu Fuß erkunden.
Vom Radarturm ist allerdings nichts mehr zu sehen: Friedhelm Nolting vermutet, dass die verwendete Farbe giftig gewesen sei. Bevor diese sich zersetzen konnte, habe man die Notbremse gezogen.

Klar ist aber auch: Die Wartungskosten und die Sanierung des Turms hätten immense Kosten verursacht. 1998 wurde die Stahlkonstruktion daher abgetragen. Heute steht an seiner Stelle ein kleiner Sendeturm. „Toll wäre natürlich auch gewesen, wenn man dort wieder einen richtigen Aussichtsturm errichtet hätte", meint Nolting. Er muss es wissen. Denn als ehemaliger Feuerwehrmann stand er einst freihändig ganz oben auf dem stählernen Radarturm und genoss die Aussicht über Nordlippe.

Stützpunkt wird Ferienlager
Seit 1996 gehört das Gelände der Mennonitischen Brüdergemeinde Lemgo. Diese hat die Gebäude vollständig renoviert. Gemeindeleiter Nicolai Reimer erklärt, dass man das Gelände für die Kinder- und Jugendarbeit erworben habe. Dort fänden heute Ferien- und Sommerlager statt. „Die Natur und die Stille dort sind einmalig", erzählt er von Wanderungen – und dass man auf dem Dörenberg rundum auch niemanden störe. Fast 600 Kinder und Jugendliche zählt die Mennoniten-Gemeinde in ihren Reihen. Auch für Hochzeiten werden die Räume nach Reimers Angeben genutzt.

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