Extertal-Linderhofe/Detmold. Der Tod des Musikers, Dozenten und Instrumentenbauers Walter Waidosch hat in der Musikwelt große Trauer ausgelöst. Waidosch hatte mehr als 20 Jahre auf der Burg Sternberg in Extertal gewirkt. Nun hat sich mit Professor Dr.-Ing. Andreas Kleinefenn ein Weggefährte Waidoschs gemeldet, der aus persönlicher Perspektive auf das Leben und Wirken des gelernten Instrumentenbauers zurückblickt. Waidosch war Anfang August im Alter von 76 Jahren gestorben. Kleinefenn hatte Waidosch vor einigen Jahren auf dem Markt in Detmold kennengelernt. „Ab da trafen wir uns relativ regelmäßig an Markttagen zum Gespräch in irgendeinem Café in Detmold“, so Kleinefenn. Als die Corona-Lockdowns öffentliche Kulturveranstaltungen unmöglich machten, lud Waidosch Kleinefenn und weitere Personen zu sich ein, „ließ uns aus seinem Renaissancemusikrepertoire hören und zeigte einen Film gemeinsamer Wahl. Wir nannten das ,Culture Club’“, erinnert sich Kleinefenn. Waidosch habe sich damit auch „als Cineast entpuppt“. In dieser Zeit und an diesem Ort gründeten die Anwesenden den Verein „Förderverein Akademie für Alte Musik Burg Sternberg“, mit dessen Hilfe Waidosch die Produktion der letzten CD „Maddalena“ finanzierte. Kleinefenn ist Schatzmeister des Vereins. Die letzte Veranstaltung des „Culture Clubs“ fand einen Tag vor dem Ausbruch von Waidoschs kurzer, heftiger Krankheit statt, die zum Tode führte. Im Folgenden Kleinefenns Nachruf. Wertvolles Saiteninstrument In der historischen Instrumentensammlung auf der Burg Sternberg befindet sich ein seltenes, sehr wertvolles Saiteninstrument: ein Lirone. Im Jahr 2004, als Walter Waidosch vom Landesverband an die Burg Sternberg berufen wurde, befand sich diese vom 15. bis ins 17. Jahrhundert als 16-saitiges Basso-Continuo-Instrument vielfach eingesetzte Lira da Gamba in einem äußerst beklagenswerten Zustand, deren Wiederherstellung einen „ganzen Mann“ eine längere Zeit beansprucht hätte. Walter Waidosch wurde am 2. November 1949 in München geboren und studierte dort Geschichte, Musikgeschichte und Literatur. Er spielte seit Schülerzeiten in Streicherensembles. 1978 überraschte er seine Umgebung mit der Aufnahme einer Ausbildung zum Geigenbauer in Heiligenberg bei Schönau (Kreis Rottal-Inn) in der Werkstatt von Hartmut Münzberg. Nach seiner Gesellenprüfung, die der Viola da Gamba gewidmet war, vertiefte er seine Kenntnisse in historischer Aufführungspraxis bei Nikolaus Harnoncourt in Salzburg und absolvierte ein Viola-da-Gamba-Studium bei José Vázquez in Wien. Nach dieser besonderen musikalischen Ausbildung kehrte er nach Heiligenberg zurück und bildete zusammen mit Hartmut Münzberg über viele Jahre zahlreiche Instrumentenbauerinnen und Instrumentenbauer aus. Ebenso tätig war Walter Waidosch als Lehrer, Ensembleleiter, Forscher, Musikberater und Musiker, was sich in seiner Kurstätigkeit im Instrumentenbau und den Musikkursen, den Konzerten, der Notenherausgabe und sechs CDs ablesen lässt. In Heiligenberg hatte er mit Irmgard Tutschek-Waidosch, die „Heiligenberger Abendserenaden“ gegründet, die dieses Jahr zum 40. Mal in der barocken Wallfahrtskirche vom „Verein Kunst und Kultur in Niederbayern“ (Vorsitzender: Walter Waidosch) hätten veranstaltet werden sollen. Verschollene Schriftstücke Auf seinen Reisen zu bedeutenden italienischen Bibliotheken suchte und fand er unentdeckte Noten, historische Dokumente, verschollene Schriftstücke und biografische Notizen, oder er fand sie inzwischen digital gespeichert von seinem Schreibtisch aus. Aus diesem Fundus schöpfte er auch seine Geschichten für die Einführungs- und Begleitworte, Anekdoten und Geschichten, die ein Konzert so sehr beleben und das Musikverständnis erleichtern können. Mit dieser Ausbildung und seiner vielfältigen Praxis war Walter Waidosch ein idealer „Herr“ auf der Burg Sternberg. Er entwickelte die Instrumentenwerkstatt, restaurierte und pflegte die Exponate der Sammlung, die der Landesverband museumstechnisch vervollkommnete. Er veranstaltete Musikkurse, zeigte Schulklassen die Handwerkskunst und ließ sie selbst kleinere Dinge bauen. Er leitete Praktikanten an und beriet und begleitete Instrumentenbauer, die sich ein eigenes Instrument fertigen wollten. Einen Höhepunkt stellte die alljährliche „Italienische Nacht“ auf der Burg Sternberg im Juli oder August dar, wo Walter Waidosch an Viella, Citole, Vihuela, Psalterium und Viola da Gamba mit seinem Ensemble ein besonders Repertoire der Renaissancemusik bieten konnte. Sehr nachgefragt waren stets auch seine Kurse auf der Burg Rothenfels am Main mit Musik und Tanz, die mehrmals im Jahr stattfanden. Jedes Jahr versammelte Walter Waidosch Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger zu einem Musikkurs mit dem Blick auf den Gardasee im Kloster Abbazia di Maguzzano. Das Seminar hatte den Namen „Dolci Canti“, und konzentrierte sich auf Musik und Tanz aus dem späten Mittelalter und der Renaissance in Italien. Dort wurde aus bewährten und neu entdeckten Noten nach Waidoschs Arrangement ernst, heiter oder ausgelassen musiziert. Es wurden Barockopern und Intermezzi einstudiert und aufgeführt, und es wurde versucht, Tänze der Renaissance und des Barock nachzuschreiten und zu -hüpfen. Vortrefflich arrangiert Die Musikstücke, die Walter Waidoschs jeweils auf seinen CDs versammelte, sind nicht nur Wiedergaben von Meisterwerken oder Raritäten der Renaissancemusik, vortrefflich arrangiert und musiziert mit seinen Ensembles, sondern stets eingebunden in einen zeitlichen, regionalen und thematischen Kontext. Dieser wird im von ihm formulierten Booklet – wie kann es bei einem Historiker, Musik- und Literaturwissenschaftler anders sein – höchst einfühlsam, historisch korrekt und poetisch aufgefächert. Von den CDs soll hier „Die Löwin und die Schlange“ genannt werden, weil sie Musik enthält, die in Paris von zwei konkurrierenden „Singer-Songwriterinnen“ geboten wird, die den letzten Herrn und Ritter von Burg Sternberg, Johannes „Ultimus de Sternberg“, anlockt, der 1380 alles in Lippe aufgibt, um nach Paris überzusiedeln. Diese Geschichte ist von Walter Waidosch aufs einfühlsamste und mit Bild- und Quellenmaterial bis zu seinem unvermeidlichen Untergang in den Kriegen der Epoche dargestellt. Als zweite CD sei „Fonte Lataia“ (Die Quellen der Milchstraße) genannt, zu deren venezianischer und toskanischer Musik Walter Waidosch einen ergreifenden gegenwärtigen Liebesroman zweier kluger, zärtlicher, Renaissancemusik- und -lyrikbegeisterter Menschen fügt. Humorvoller Erzähler Am 2. August 2025 ist Walter Waidosch nach kurzer schwerer Krankheit in Detmold gestorben. Maria Dorner-Hofmann vom „Verein Kunst und Kultur in Niederbayern“ wird so in der Passauer Neuen Presse zitiert: „Mit dem Tod von Walter Waidosch verliert die Region einen kulturellen Gestalter, einen humorvollen Erzähler, einen leidenschaftlichen Lehrer und einen Menschen, der durch seine Ideen, seine Neugier und seine Warmherzigkeit viele Leben bereichert hat. Sein musikalisches Vermächtnis bleibt in Konzerten, Instrumenten, Aufnahmen und, vor allem in der Erinnerung all jener, die von ihm gelernt, mit ihm gespielt oder ihm einfach zugehört haben.“ Dem schließen wir uns in stiller Trauer an. In der Zeit der Corona-Einschränkungen hatte Walter Waidosch endlich die Muße, den Lirone auf Burg Sternberg zu renovieren. So ist die Sammlung nun untadelig. In Wien hatte er während seiner Studien das Instrument von Wendelin Tiefenbrucker um 1590 im Kunsthistorischen Museum in der Neuen Burg kennengelernt, von Detmold aus war er nach Kopenhagen gefahren, um in der dortigen Einrichtung „Musikhistorsik Museum and Carl Claudius Samling (Danish Music Museum)“ das angeblich dort befindliche Instrument zu untersuchen. Kurz vor seinem Tode sagte er, er werde nun dieses einzigartige Instrument nachbauen, das Holz habe er beisammen (darunter Weide), er müsse nur beginnen. Es war ihm nicht mehr vergönnt.