Lippe ist mittendrin in Deutschlands Buchengürtel

Till Brand

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Hans-Ulrich Braun, Leiter der Forstabteilung des Landesverbandes Lippe, zeigt kahle Flächen unterhalb der Velmerstot. Hier will der Landesverband der Natur ein paar Jahre freies Spiel lassen und sehen, was sich entwickelt. - © Till Brand
Hans-Ulrich Braun, Leiter der Forstabteilung des Landesverbandes Lippe, zeigt kahle Flächen unterhalb der Velmerstot. Hier will der Landesverband der Natur ein paar Jahre freies Spiel lassen und sehen, was sich entwickelt. (© Till Brand)

Horn-Bad Meinberg. Out war er nie, doch in der Corona-Zeit kam der Wald so richtig in Mode. Ausgerechnet. Denn gut geht’s ihm stellenweise nicht. Dürre, Borkenkäfer, Orkanböen: Die drei Feinde des Waldes, wie wir ihn kennen, haben hier und da eine Kerbe geschlagen, von der sich Lippes Grün erst erholen muss. Doch was zeichnet es aus? Eine Bestandsaufnahme mit Hans-Ulrich Braun, Leiter der lippischen Forstabteilung mit dem meisten Holz vor der Hütte. Er kann für 40 Prozent der lippischen Waldfläche sprechen: 15.600 Hektar. Damit ist der Landesverband, Brauns Arbeitgeber, zweitgrößter Waldbesitzer in NRW nach dem Staat.

Ein Drittel der Gesamtfläche ist Forst

Bei flüchtigem Blick auf eine Zahl erscheint der lippische Wald typisch deutsch, weiß Hans-Ulrich Braun: Sowohl im Bund als auch im Kreis Lippe ist etwa ein Drittel der Gesamtfläche Forst. Und doch ist Lippes Wald ein ganz besonderes Fleckchen Erde mit seinen Schwerpunkten Teuto und Egge sowie dem Schwalenberger Wald. Dazu noch Nordlippe – vor allem Kalletal und Extertal –, wo die Flächen aber nicht mehr stark zusammenhängen.

Zufall ist all das nicht. Historisch gesehen findet man Gründe: Überall dort, wo früh Menschen lebten, Landschaft kultivierten, Städte bauten, ging es dem Wald schon früh an den Kragen. Ausnahmen bestätigen die Regeln beziehungsweise den Wandel: Das Beller Holz, als Weidefläche sowie Feuerholz zum Opfer gefallen, ist heute ein stattliches Waldgebiet. Der organisierten und geregelten Forstwirtschaft sei Dank.

Überhaupt: Ohne die Mitarbeiter der Forstbetriebe wäre in den lippischen Wälder vielerorts ganz schön viel Monotonie angesagt. Im Kampf um Licht und Wasser stellt sich laut Hans-Ulrich Braun stets die Frage: „Welcher Baum ist am schnellsten oben am Licht?"

Buche stiehlt Eiche die Schau

Und genau hier hat ein Einwanderer aus den Apenninen und Südosteuropa, der nach zwei-, dreitausend Jahren vielleicht schon eher als heimisch bezeichnet werden muss, einen Vorteil: die Buche. Begünstigt vom normalerweise feucht-kühlen, aber nicht zu kalten Klima, stiehlt sie der deutschen Eiche langsam aber sicher die Schau.

So gehört Lippe zum typischen Buchengürtel, den Deutschland in diesen Breitengraden hat. Jeder zweite Waldbaum in Lippe ist eine Buche. Ein Anteil, der sonst fast nirgends erreicht wird. Zum Vergleich: NRW kommt auf 20 Prozent, in ganz Deutschland sind es sogar lediglich 15 Prozent.

Mancherorts wurde die Buche auch ausgerottet, weil der Holzhunger von Glas- und Eisenhütten einfach zu gewaltig war. Dann wuchs die Fichte schlichtweg schneller nach. Im Lipperland, das die Industrialisierung vielleicht nicht verschlafen hat, sie aber doch gemächlicher angehen ließ als andere Bereiche, konnte die Buche überleben. Ein Glück, sagt Hans-Ulrich Braun aus heutiger Sicht. Denn sie auf Kahlflächen wieder anzusiedeln, ist schwer.

Anteil der Eiche soll gesteigert werden

Darum müssen sich Waldbauern in Lippe allerdings, wie gesagt, meist keine Sorgen machen. Eher, wie sie der dominant empor strebenden Buche Einhalt gebieten. Das Ziel des Landesverbandes, den Anteil der Eiche von 10 auf 13 Prozent zu steigern, ist auch ein Kraftakt. Apropos Prozente: Vor Dürre und Borkenkäfer kam die Fichte in Lippe auf etwa 20 Prozent. „Im Umkehrschluss ist der Laubholzanteil wirklich extrem hoch, das kam uns jetzt zugute", sagt Forstchef Hans-Ulrich Braun mit Blick auf die Trockenheit.

Dort, wo die Fichte tot und noch nicht verkauft ist, erzielt sie inzwischen selbst im Zustand als „Käferholz" Spitzenpreise. Die Chinesen kaufen, was der Markt hergibt. Mag mancher Bauherr auch an fehlenden oder sündhaft teuren Sparren und Dachlatten verzweifeln, für den lippischen Wald sind die Preise eine gute Nachricht: Denn die Erlöse streben nach ungeahnten Höhen.

Geld, das die Forstbetriebe gut gebrauchen können, um Wiederaufforstung nach den Borkenkäfer-Jahren zu betreiben. Auf kargen Böden kann die auch mal daraus bestehen, die Natur Natur sein zu lassen und zu beobachten, was sich entwickelt. Naturverjüngung ist das Stichwort, wo der Wald mit seinen Samen für kostenlosen Nachwuchs sorgt. Wo dagegen die Brombeeren sonst schnell Überhand über das Ödland gewinnen, pflanzen Förster neu an.

An der Velmerstot oberhalb von Leopoldstal ist das auf kargen und sturmumtosten Berghängen nicht der Fall, weiß Förster Braun. Selbst die Brombeere hat hier kaum eine Chance, es regiert eher niedriger Wuchs in Form von endlos scheinenden Blaubeerbüschen. Auf entwaldeten Flächen unterhalb der Velmerstot kann es sich der Landesverband deshalb leisten, die Natur Natur sein zu lassen. Abwarten, was sich entwickelt. Zusehen, aus welchen Samen ein stattlicher Baum wird und aus welchen nichts wird.

Bei all dem kommt Natur und Förstern auch das Wetter 2021 zugute. „Dank der Nässe der vergangenen vier bis sechs Wochen wäre jetzt auch Trockenheit kein Problem mehr", betont Braun. Der Sommer kann also kommen, auch ohne schlechtes Gewissen dem Wald gegenüber: Lippes Kapital, grüner Lunge und Corona-Erholungsraum Nummer eins.


Deutsche Wälder für den Klimaschutz

  • Bäume wandeln bei der Fotosynthese CO2 in Kohlenstoff um und binden so das klimaschädliche Gas. Etwa 15 bis 30 Prozent des Kohlenstoffs wird so langfristig in Bäumen gespeichert.
  • Werden Tothölzer zersetzt oder Wälder abgebrannt, wird dagegen CO2 frei – ob ein Wald also Kohlenstoffsenke oder -quelle ist, entscheidet sich gemäß seiner Nutzung. Auch durch Holznutzung, etwa in Möbeln, wird CO2 dauerhaft gebunden.
  • Etwa 95 Prozent der Wälder in Deutschland werden von der Forstwirtschaft bewirtschaft. Je mehr Holzprodukte dabei entstehen, desto größer die Klimaschutzwirkung. Auch wenn Holz andere Werkstoffe wie Stahl, Beton und Ziegel ersetzt, hat das positive Wirkung.
  • Unterm Strich kommt der Deutsche Verband Forstlicher Forschungsanstalten zu dem Ergebnis: Die deutschen Wälder binden jährlich 62 Millionen Tonnen CO2 – das sind etwa 7 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Bundesrepublik. Rechnet man den Ersatz anderer Werkstoffe ein, kommen die deutschen Wälder gar auf einen Klimaschutzbeitrag von 11 Prozent der Emissionen.?(tib)
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