Schieder-Schwalenberg. Borkenkäfer und Trockenheit haben das geschafft, worüber sich die Schieder-Schwalenberger viele Jahre lang die Köpfe heißredeten: Freie Sicht vom knapp 25 Meter hohen Kahlenbergturm auf die Umgebung. Doch die Natur holt sich das Areal zurück. Neun Jahre nach dem Versprechen, eine durch die Natur geschaffene Sichtachse zu verbreitern, ist das Gelände rund um den mystischen Rapunzelturm auf dem Mörth in Teilen wieder zugewachsen. Und nun? Der Landesverband Lippe als Eigentümer der Fläche macht klar: Einen Kahlschlag um der Aussicht willen kann und darf es nicht geben. Blick ins Land Arne Brand, Allgemeiner Vertreter des Landesverbandsvorsitzenden und für die Infrastruktur des Verbands zuständig, kann sich noch genau erinnern, wie er im Dezember 2016 unter anderem mit Bürgermeister Jörg Bierwirth und dem Leiter der Forstabteilung, Hans-Ulrich Braun, am Fuße des Kahlentbergturms stand: „Kahlenbergturm soll künftig Blick ins Land bieten“, lautete die Schlagzeile. Alte Fichten waren krank und starben oder mussten von den Forstarbeitern entnommen werden. Schon damals hatte Braun betont, dass es eine Sichtachse in Richtung Schieder nicht geben könne. Die Forstabteilung des Landesverbandes, dem der Wald gehört, sicherte seinerzeit jedoch zumindest zu, die durch das Baumsterben im Ansatz vorhandene Sichtachse stärker herauszuarbeiten, um die Attraktivität des Turms zu steigern. Je nach Jahreszeit und Standort war der Turm eine Zeit lang von unten zu sehen. Doch der Wald verändert sich. Und damit auch der Blick auf und vom Turm. Der Kahlenbergturm steht auf rund 300 Metern. Erbauen lassen hatte ihn im Jahre 1840 Fürst Leopold II. in Ergänzung zu seiner Sommerresidenz in Schieder. Auf ganz alten Bildern ragt der 80 Fuß hohe Turm empor, denn der Berg war einst baumfrei, der Kahlenbergturm machte seinem Namen alle Ehre. Das ist heute anders. Wer die gut 100 Stufen erklimmt und heute aus dem Spitzbogenfenster schaut, kann die Sichtachse in Richtung Billerbeck jedoch noch erkennen: Im Vordergrund der untere Teil des Sehlbergs, weiter hinten das Amazon-Gebäude, Wöbbel und Belle. Und auch daneben kann der Besucher den Weitblick genießen: In Richtung der ehemaligen Schiedermöbel-Gebäude und Blomberg. In der FFH-Schutzzone Mit dem Wachstum der Bäume wird sich auch die Aussicht immer weiter verändern, und daran, betonen Arne Brand und Christopher Kroos, stellvertretender Leiter der Forstabteilung, könne und werde der Landesverband auch nichts ändern: „Wir befinden uns hier im Naturschutzgebiet, weite Teile sind FFH-Gebiet“, erläutert Brand, warum das Areal einen besonderen Schutz genießt. Ein Kahlschlag sei nicht erlaubt - und ökologisch auch nicht sinnvoll. Ganz davon abgesehen, dass der Wald auch den Hang vor Erosion sichere. „Der Blick in Richtung Schieder und Schiedersee ist sowieso nicht möglich, dafür müssten große Flächen abgeholzt werden“, erläutert Kroos. Seiner Verkehrssicherungspflicht komme der Landesverband selbstverständlich nach, sollten Bäume rund um den Turm, der an der Route des „Lipperlandweg“ steht, eine Gefahr darstellen, betont Kroos. „Allerdings wachsen die Bäume am Turm nicht so schnell wie weiter unten, denn hier oben ist die Wasser- und Nährstoffversorgung schlechter.“ Der Idee, das Denkmal bekannter und attraktiver zu machen, können die beiden Vertreter des Landesverbandes zwar verstehen, ihr aber nicht besonders viel abgewinnen: „Die Ruhe und Abgeschiedenheit machen den Turm doch gerade interessant“, findet Kroos. Und auch Brand warnt davor, ihn als großes Ausflugsziel zu bewerben, denn das würde möglicherweise zusätzliche Infrastruktur erfordern. Gute Pflege Um den Erhalt des Kahlenbergturms kümmert sich der Landesverband aber sehr wohl: Jüngst hat er ein neues Dach bekommen, demnächst soll es einen frischen Innenanstrich geben, um die unschönen Graffitis und zahlreichen Liebesschwüre zu übertünchen. Insgesamt, betont Brand, sei der Turm aber in einem sehr guten Zustand. Immerhin ist er ja auch nicht mehr der jüngste - seit inzwischen 185 Jahren schmückt er das Mörth.