Missbrauch in Lügde: Behördenversagen durch Systemmängel

Carolin Nieder-Entgelmeier

  • 2
- © dpa
Missbrauchsfall Lügde (© dpa)

Paderborn/Bochum. Die Ermittlungen zu den Missbrauchsfällen in Lügde und Bad Oeynhausen machen immer neue Missstände öffentlich, die vor allem die Arbeit der Polizei und Jugendämter in Frage stellen. Doch was steckt hinter den Fehlern in den Behörden, die bei Betroffenen und Beobachtern für Fassungslosigkeit sorgen? Wissenschaftler sehen in dem Behördenversagen nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern Systemmängel.

Polizisten, die trotz Durchsuchungsbeschluss monatelang auf eine Durchsuchung verzichten. Dienststellen, in denen Beweismaterial verschwindet. Behördenleiter, die Kriminalkommissariats-Anwärter mit der Sichtung von Beweismaterial beauftragen. Strukturen, die einschlägig vorbestraften Polizisten Ermittlungen an Missbrauchsfällen erlauben. Das sind Details aus der Polizeiarbeit zu den Missbrauchsfällen in Lügde und Bad Oeynhausen, die viele Fragen aufwerfen.

Information
Alle Artikel zum Missbrauchskandal von Lügde finden Sie hier.

Kriminologe Tobias Singelnstein setzt sich in seiner Forschung an der Ruhr-Universität Bochum mit der Polizeiarbeit in Deutschland auseinander. „Problematisch ist, dass Politik und Polizeiführung häufig den Eindruck vermitteln, dass die Polizei keine Fehler macht. Kommt es dann doch mal zu Versäumnissen, handelt es sich um persönliches Fehlverhalten von wenigen schwarzen Schafen, aber nicht um strukturelle Probleme", erklärt Singelnstein.

Problematisch ist nach Angaben des Kriminologen zudem, dass Politik und Polizeiführung der Bevölkerung suggerieren, dass die Polizei jedem Hinweis auf ein Verbrechen mit gleicher Intensität nachgehen kann. „Das ist ein Irrglaube, denn auch Polizisten müssen priorisieren und können nicht jedem Hinweis so intensiv nachgehen, wie sie gerne würden." Die Folge: „In der Bevölkerung wird eine unrealistische Erwartung absoluter Sicherheit geweckt, die nicht zu erfüllen ist."

Singelnstein beobachtet zudem einen gewissen Korpsgeist unter Polizisten. „Es kommt sehr selten vor, dass Beamte gegen ihre Kollegen aussagen. So entsteht innerhalb von Polizeibehörden eine Mauer des Schweigens." Unter Polizisten sei der Zusammenhalt besonders groß. „Weil sich die Beamten in Gefahrensituationen aufeinander verlassen müssen. Vertrauen ist ein hohes Gut."

Zudem neige die Polizei dazu, Konflikte intern zu klären. „Die Polizei hat keine ausreichende Fehlerkultur. Es fehlt an der konstruktiven Auseinandersetzung mit Missständen", sagt Singelnstein. „Das ist zwar auch in anderen Institutionen der Fall, doch bei der Polizei ist das mit Blick auf ihre Befugnisse besonders problematisch. Transparenz ist hier wichtig, doch die fehlt." Diese Entwicklungen begünstigen laut Singelnstein Fehler in der Polizeiarbeit. „Dabei spielen strukturelle Probleme immer mit persönlichem Fehlverhalten zusammen."

Singelnstein fordert einen Kulturwandel innerhalb der Polizei und eine externe Fachaufsicht, um das rein interne Aufarbeiten von Missständen zu verhindern. „In der Polizeiausbildung wird schon viel dafür getan, aber wenn die Absolventen in die Praxis starten, bestimmen die erfahrenen Kollegen in der Dienststelle, wie es läuft."

Die Ermittlungen zu den Missbrauchsfällen in der Region haben auch Missstände in der Arbeit der Jugendämter offenbart. Sozialarbeiter, die einer rheinischen Frohnatur Kindesmissbrauch nicht zutrauen. Behördenleiter, die nachträglich Akten verändern. Jugendämter, die Informationen nicht austauschen. Strukturen, die das Versanden von Hinweisen auf Kindesmissbrauch ermöglichen. „Das, was die Öffentlichkeit bislang über die Arbeit der Jugendämter im Fall Lügde erfahren hat, sind eklatante Fehler", erklärt Kinderschutzforscher Michael Böwer, der sich in seiner Forschung an der Katholischen Hochschule NRW in Paderborn mit der Arbeit der deutschen Jugendämter auseinandersetzt.

„Was wir nach dem Skandal in Lügde wirklich brauchen, ist eine achtsame Fachkultur der Kooperation miteinander", sagt Böwer. „Es mangelt vor allem an einem ganzheitlichen Blick auf Kinderschutzfälle. Informationen werden häufig nur solitär betrachtet und ohne Rückkopplung weitergegeben." Die Folge: „Hinweise werden nicht in Zusammenhänge gesetzt und versanden, sodass Missbrauch erst spät oder mitunter gar nicht auffällt."

Diese Probleme gelten nach Einschätzung Böwers sowohl innerhalb der Jugendämter, als auch in der Kooperation zwischen den Behörden und anderen Institutionen wie Polizei oder Schule. „Es gibt gut etablierte Konzepte, die die gemeinsame Facharbeit zwischen Institutionen verbessert. Doch flächendeckend genutzt, werden sie nicht", moniert Böwer. „Dabei ist fachlicher Austausch wichtig, damit Informationen nicht auf der Strecke bleiben."

Personalmangel und daraus resultierende Überlastung spielt laut Böwer auch eine Rolle bei der Bewertung von Fehlern. „Aber Missstände einzig mit einem Mangel an Ressourcen zu begründen, ist zu kurz gedacht." Problematisch sei die schlechte Fachkultur. „Viele Jugendamtsmitarbeiter tauschen sich nicht mit ihren Kollegen aus, weil sie Angst davor haben, Unsicherheiten zuzugeben und Fehler zu machen", sagt Böwer. „Diese Angst muss dringend aufgelöst werden, denn Teamarbeit ist wichtig, um Fehler zu vermeiden."

Als problematisch bewertet Böwer auch die Aussagen von Landräten oder Behördenleitern, „die behaupten, dass es Fälle wie in Lügde oder Bad Oeynhausen in ihrer Stadt nicht gibt". „Das hören wir vor allem in ländlichen Regionen, doch Gewalt gegen Kinder passiert überall. Jugendämter, die glauben, dass perfekte System zu haben, irren." Dieser Irrglaube sorgt laut Böwer dafür, dass sich selbst Jugendamtsmitarbeiter, die regelmäßig mit Missbrauch zu tun haben, Fälle wie in Lügde nicht vorstellen können. „Das ist ein eindeutiges Beispiel dafür, dass Mitarbeiter die Augen vor Fakten verschließen und aus dem Bauch heraus arbeiten. Dort fehlt die Reflexion."

Auch strukturell hakt es laut Böwer in vielen Bereichen. „Neben einer guten Fachkultur fehlt es in Deutschland an einer externen Fachaufsicht für Jugendämter." Zudem fordert Böwer bundeseinheitliche Standards bei der Auswahl und der Betreuung von Pflegestellen. „Jugendämter müssen die richtige Familie für das Kind finden und nicht das passende Kind für die Familie." Wichtig sei zudem eine interprofessionelle Zusammenarbeit in der anonymisierten Fallberatung. „Die Hochschulen können Partner sein, damit Behörden aus Fehlern lernen und sie nicht ständig wiederholen."


Ruf nach Polizeireform in NRW wird lauter

von Martin Hostert

Die Rufe nach einer Polizeireform in NRW werden seit dem Missbrauchsskandal in Lügde lauter. Denn kein anderes Bundesland leistet sich so viele Behörden. Insgesamt gibt es in NRW 18 Polizeipräsidien in Großstädten unter polizeilicher Führung und 29 Polizeibehörden, denen Landräte vorstehen. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg und Bayern gibt es zwölf Polizeipräsidien, in Hessen sieben, in Niedersachsen sechs.

Überraschend kommt der Ruf nach einer Reform der NRW-Polizei nicht: Bereits 2005 hatte eine Expertenkommission im Auftrag des früheren Innenministers Fritz Behrens (SPD) Schwachstellen definiert und Vorschläge erarbeitet. Das Papier verschwand aber mit dem Regierungswechsel 2005 in den Schubladen.

Experten wie Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordern nun eine neue Debatte. „Die Landesregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) verfolgte das Papier nicht weiter, weil zu viele CDU-Landräte ihre Zuständigkeiten für die Polizei verloren hätten", sagt Fiedler. Landräte seien aber keine Sheriffs, das Modell Landrat als Polizeichef sei überholt. Es gebe kein sachliches Argument dafür, dass es in NRW zwei Sorten Polizeichefs gibt. „Sie beraten sich in unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Ich gehe jede Wette ein, dass auch der Innenminister nicht weiß, wer für die Bearbeitung welches Deliktes zuständig ist."

Fiedler moniert zudem Arbeitsbelastung, Personalmangel und Ausbildungsmodell: „Die Kripo in NRW liegt am Boden." Eine Neuorganisation könne nur dann erfolgreich sein, wenn zeitgleich erheblich Personal aufgestockt werde. Der BDK habe deshalb eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

„Die Größe der Polizeibehörden sollte so zugeschnitten sein, dass diese das Spektrum polizeilicher Aufgaben grundsätzlich aus eigenen Kräften bewältigen könnten", hieß es 2005 im sogenannten „Scheu-Papier". Basisstrukturen (Wachen) sollten bleiben, die Polizei bürgernah sein. Behörden sollten aber so groß sein, dass Stellen sachgerecht besetzt werden könnten, mit 1.500 bis 3.000 Mitarbeitern auf je 1 bis 1,5 Millionen Einwohner. Das Papier sah für NRW 16 Präsidien vor, zwei davon in OWL: Ostwestfalen Süd mit Lippe, Paderborn und Höxter sowie Bielefeld mit Bielefeld und den Kreisen Gütersloh, Herford und Minden-Lübbecke.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare