Missbrauchsfall Lügde: Das Detmolder Landgericht ist bereit

Erol Kamisli und Janet König

  • 0
Viel los an der Paulinenstraße: Zum Prozessstart am Donnerstag werden sich Medienvertreter und Besucher am Eingang des Detmolder Landgerichts tummeln. - © Torben Gocke
Viel los an der Paulinenstraße: Zum Prozessstart am Donnerstag werden sich Medienvertreter und Besucher am Eingang des Detmolder Landgerichts tummeln. (© Torben Gocke)

Kreis Lippe. Am Donnerstag startet vor dem Detmolder Landgericht der Prozess wegen hundertfachen Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz „Eichwald" in Elbrinxen. Der organisatorische Aufwand für das größte Verfahren, das je in Saal 165 verhandelt wurde, ist immens, das öffentliche Interesse gewaltig: Zuschauer, Journalisten und mehr als 30 Prozessbeteiligte werden im Sitzungssaal Platz nehmen. Hier ein Überblick über die letzten Vorbereitungen:

Sicherheitskonzept: Personelle Verstärkung holt sich das Detmolder Landgericht von umliegenden Amtsgerichten. „Wir werden zusätzliche Wachtmeister im Einsatz haben, die die Sicherheitsschleusen am Eingang des Gebäudes und Gerichtssaals überwachen", sagt Landgerichtssprecherin Dr. Melanie Rüter. Die genaue Anzahl wolle sie aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Um Ordnung im Gerichtssaal zu schaffen, seien auch die rund 20 Tische, an denen die Nebenklagevertreter sitzen werden, angekommen und aufgebaut worden – Mehrkosten rund 1000 Euro.

Vorbereitung abgeschlossen: Im Saal 165 sind für die Opferanwälte neun extra Tische aufgestellt worden. - © Torben Gocke
Vorbereitung abgeschlossen: Im Saal 165 sind für die Opferanwälte neun extra Tische aufgestellt worden. (© Torben Gocke)

Vor dem Gebäude halten Polizei und das Detmolder Ordnungsamt die Augen und Ohren offen. Die Stadt hat die Gerichtsstraße für die Übertragungswagen der verschiedenen TV-Sender reserviert. „Wir rechnen nicht mit Verkehrsbehinderungen wegen des Prozesses", sagte Stadtsprecherin Petra Schröder-Heidrich. Gespannte Gelassenheit auch bei der Polizei: „Wir haben keine Demoanmeldungen oder Hinweise auf Störungen", sagt Polizeisprecher Lars Ridderbusch. Die Polizei habe das Gericht im Rahmen des Streifendienstes im Auge. „Wenn etwas unvorhergesehenes passieren sollten, sind die Kollegen der Innenstadtwache direkt gegenüber an der Paulinenstraße und können reagieren ", so Ridderbusch.

Vernehmungen: Die Richter der Jugendschutzkammer haben für das Verfahren viele Kinder als Zeugen geladen. „Ihr Auftritt vor Gericht soll so leicht wie möglich gemacht werden", sagt Rüter. Die Richterinnen müssten genau wissen, was auf dem Campingplatz passiert sei, die Aussagen der Kinder seien daher sehr wichtig. Deshalb werden einige Erleichterungen gewährt: So konnten sich der Nachwuchs vor dem Prozess den Gerichtssaal ansehen. Dieses Angebot hätten schon einige wahrgenommen. Auf Antrag könne die Kammer außerdem die Zuschauer vor die Tür schicken und im Verhandlungssaal eine Trennwand zwischen Angeklagten und Zeugen aufstellen lassen. „Es ist auch möglich, dass Richter und Anwälte ihre Roben ausziehen, um nicht einschüchternd zu wirken", sagt Rüter. Zudem gebe es die Möglichkeiten einer Videovernehmungen in einem gesonderten Raum. „Die Technik dafür ist geschaffen worden", erklärt Melanie Rüter.

Geständnisse: Mit Spannung wird von allen Prozessbeobachtern das Aussageverhalten der Angeklagten erwartet. Während Heiko V. schon in U-Haft die Teilnahme an Livechats und den Besitz von Kinderpornografie gestanden hat, haben Andreas V., und Mario S. bisher keine Missbrauchsvorwürfe eingeräumt. Der 56-jährige Dauercamper hatte Mittäter belastet. Die Rechtsanwälte des Duos haben ihren Mandanten jedoch nahegelegt, ihre Taten einzuräumen, um den Opfern einen Gang in den Zeugenstand zu ersparen. Rechtsanwalt Jürgen Bogner, der den 34-jährigen Mario S. vertritt, zeigt sich nach einem weiteren Treffen mit dem Steinheimer zuversichtlich, dass diese Strategie aufgehen könnte: „Ich glaube, dass die Botschaft angekommen ist." Auch Johannes Salmen hatte mehrfach betont, dass der Opferschutz an erster Stelle stehe.

Ablauf: Bisher hat die Kammer zehn Termine angesetzt und 53 Zeugen geladen. Der erste Tag ist laut Opferanwalt Steffen Hörning aus Göttingen für die Anklageverlesung und Aussagen der Angeklagten vorgesehen. Schon am Freitag könnten Kinder im Zeugenstand Platz nehmen.

„Den Termin halte ich für sehr ambitioniert. Sollte sich noch etwas verschieben, ist das für die Kinder eine erneute Belastung. Die müssen sich schließlich darauf einstellen", sagt Hörning, der zwei Opfer vertritt. Allein die Verlesung der drei Anklagen könne sich über mehrere Stunden hinziehen. Laut Landgerichtssprecherin Melanie Rüter sei der Ablauf nicht in Stein gemeißelt. „Wir stehen aber auch unter zeitlichem Druck, denn schließlich ist dies ein Haftverfahren", sagt Rüter. Sollte es keine Geständnisse geben, müsse demnach direkt nach Anklageverlesung mit der Beweisaufnahme begonnen werden. Da sich Polizisten bei der ihrer Aussage auch auf Vernehmungssituationen beziehen, würden diese in der Regel erst zum Schluss gehört.

Alle Artikel zum Missbrauchsfall Lügde finden Sie in unserem LZ-Spezial.

Information

Kantine stockt Personal auf


Mehr Personal nicht nur für die Sicherheit im Landgericht, sondern auch für die Kantine, die das Lemgoer Café Vielfalt betreibt. „Wir müssen uns auf einen Ansturm und die Wetterbedingungen einstellen", sagt Leiterin Ina Meise-Laukamp. Am Donnerstag – zum Start der Verhandlung – soll mehr Personal in der Küche und im Service eingesetzt werden, die auch eine Stunde früher anfangen müssten. „Wegen der hohen Temperaturen bieten wir zusätzlich Salat- und Obstplatten an", erklärt Meise-Laukamp. Zusätzlich gebe es mehr Kaffee, Tee und Kaltgetränke.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!