Die Bergrennen über die Gauseköte waren bis Mitte der 70er ein wahrer Publikumsmagnet. - © Dieter Hans Paul

Zeitreise
Flotte Flitzer und ein Piratensender: Das waren die 70er Jahre

Die Bergrennen über die Gauseköte waren bis Mitte der 70er ein wahrer Publikumsmagnet. (© Dieter Hans Paul)

Kreis Lippe. In den 70ern ist das Auto auch für Normalverdiener bezahlbar. Das führt dazu, dass der Verkehr in den Innenstädten zunimmt. Schließlich sind Fußgängerzonen noch alles andere als üblich. Im November 1973 wird etwa die Lange Straße in Detmold autofrei. „Ein besonderer Tag in der Geschichte der Stadt", wird der damalige Bürgermeister in der LZ vom 1. Dezember zitiert.

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Der Einzelhandel stellt sich derweil immer breiter auf und bietet, was das Herz begehrt. Mit Karstadt gibt es ab Ende des Jahrzehntes in Detmold und Lemgo einen wahren Konsummagneten. 1972 wird in Deutschland dann die erste Folge einer bis dahin unvorstellbaren Fernseh-Kultur ausgestrahlt. Am 27. Mai flackert "Raumschiff Enterprise" über die Bildschirme und fasziniert Jung und Alt gleichermaßen.

Entenrennen durch Lippe

Der Freiheitsgeist der Hippie-Bewegung kommt nach und nach auch in Lippe an. Die Jugend findet hier ihre eigenen Wege des Protests – etwa mit Hilfe des Hörster Spargelsenders, einem Piratensender, der manchem Nachbarn Kopfschmerzen bescherte. Mit einem alten Radio, das als Verstärker diente, zwei Bandgeräten und einem Mikrofon erreichte der Hörster „Spargelsender" sein Publikum.

Vom Dachboden des elterlichen Hauses sendete Dieter Hagemeister damals den Sound der Jugend – und rief zu irrwitzigen Aktionen auf. Mehrmals gab es etwa von ihm koordinierte Entenrennen – Rundfahrten mit dem beliebten Auto der 70er – durch Lippe. Der Spaß ging solange gut, bis ein Nachbar den Hörster anschwärzte.

Hier lesen Sie noch einmal unseren Text über Dieter Hagemeister, Piratensendermoderator, Zitadellen-Wirt und Kunstmarkt-Mitbegründer.

Der Hörster Spargelsender lieferte in den 70ern den Sound der Jugend. Das Equipment war dabei aber eher spartanisch. - © Archivfoto: Thorsten Engelhardt
Der Hörster Spargelsender lieferte in den 70ern den Sound der Jugend. Das Equipment war dabei aber eher spartanisch. (© Archivfoto: Thorsten Engelhardt)

„Der Erfüller und Vollender lippischer Geschichte schloss für immer die Augen" – Der Nachruf auf Heinrich Drake in der LZ vom 13. Juni 1970 zeugt von tiefer Verbundenheit. Einen Tag zuvor war der Politiker im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war der letzte lippische Landespräsident, ein Amt, das er seit 1919 bekleidete. Bis 1933 und wieder seit 1945 stand er an der Spitze des Landtags. Zumindest solange, bis sich Lippe Ende der 40er dem Bundesland Nordrhein-Westfalen anschloss.

Später nahm er für einige Jahre das Amt des Regierungspräsidenten ein. „Heinrich Drake ist tot. In seinem Werk aber wird er fortleben wie in den Herzen seiner Mitbürger", heißt es in der LZ. Mit Drake sei ein Landesvater, ein heimlicher Fürst, der lippische Adenauer von uns gegangen.

Heinrich Drake stirbt am 12. Juni 1970. - © Landesverband Lippe/LZ
Heinrich Drake stirbt am 12. Juni 1970. (© Landesverband Lippe/LZ)

Rasende Autos auf der Gauseköte

Von 1965 bis 1975 wollten sich die schnellsten Fahrer der Region beweisen. Die Bergrennen über die Gauseköte waren legendär. Sie standen in der Tradition des ADAC-Teutoburgerwald-Bergrennens, das seit 1924 zunächst bei Bielefeld veranstaltet wurde. Doch der Wechsel auf das Verbindungsstück zwischen Detmold und Schlangen funktionierte besser als gedacht.

Tausende Zuschauer verfolgten jedes Jahr die Veranstaltung von den Hängen, die die Strecke umsäumen. So waren es 1971 laut einem LZ-Bericht vom 26. April 25.000 Menschen, die die Fahrer anfeuerten. Gewinner in dem Jahr war Karl-Heinz Schrei aus Heiligenkirchen. Doch die gefährlichen Kurven hatten ihre Tücken. Mehrere Verletzte gab es über die Dauer von zehn Jahren.

Ein besonders tragisches Unglück ereignete sich im April 1972. In nur 58 Sekunden legte Heinz-Jürgen Rüller, der aus Drensteinfurt angereist war, die 2.250 Meter lange Strecke zurück und stellte damit einen Rekord auf. Doch auf den letzten Metern überschlug sich der Formel-3-Rennwagen des Gesamtsiegers. Der Unfall endete tödlich. Noch für weitere drei Jahre fand das Rennen auf der Gauseköte statt, bis das Ende der Veranstaltung kam. Seit Anfang 2019 ist die Straße auch für den Durchgangsverkehr gesperrt. Ein Teil des Hangs war nach einem Unwetter abgerutscht muss nun gesichert werden.

Vom Hermann (rechts) über Oerlinghausen (links) verläuft die Hermannslauf-Strecke bis zur Sparrenburg nach Bielefeld. - © LZ-Archiv
Vom Hermann (rechts) über Oerlinghausen (links) verläuft die Hermannslauf-Strecke bis zur Sparrenburg nach Bielefeld. (© LZ-Archiv)

Hermann Marsch!

Ein anderes sportliches Ereignis fand in den 70ern seinen Anfang: Der letzte Sonntag im April ist seitdem für Laufsportler ein gesetzter Termin. Seit 1972 wird an diesem Datum der Hermannslauf ausgetragen. Vom Denkmal auf der Grotenburg geht es über die 31,1 Kilometer lange Strecke zur Sparrenburg nach Bielefeld. Begonnen hatte alles mit einem Ski-Club.

Ausgerechnet die Bielefelder Wintersportler hatten im Jahr zuvor bei einem Skilanglauf in Schweden teilgenommen und die Idee mit nach Ostwestfalen gebracht. Beim ersten Hermannslauf gingen 600 Läufer an den Start. Damals kam Helmut Bode als schnellster ins Ziel. Im sechsten Jahr waren es bereits mehr als 2000. Eine Verantwortung, die der Ski-Club nicht mehr stemmen konnte. Schließlich übernahm der TSVE Bielefeld die Organisation, der auch heute noch verantwortlich zeichnet. Das Foto rechts, fotografiert von Karin Walle, zeigt eine Gruppe von Läufern 1975. Unter dem Titel „Hermannslauf" gewann es den LZ-Fotowettbewerb in dem Jahr.

Den Rekord hält seit 2011 übrigens Ezekiel Jafari Ngimba, der die Strecke in 1:40:58 zurücklegte. Den Rekord für die häufigsten Siege hält allerdings der Detmolder Elias Sansar. Zwölf Mal ist er bislang als schnellster Läufer im Ziel angekommen.

Ecken, Kanten und harte Gitarren

Der Sound der 70er gewinnt deutlich an Profil. Die Musikgenre fächern auseinander: Disco, Hair-Metal, Hardrock und die Anfänge der Neuen Deutschen Welle und des Krautrock schallen aus den Radios. In den 70ern werden Legenden geschaffen, die bis heute vorhalten: The Rolling Stones, Tom Waits, Eric Clapton, aber auch Marius Müller Westernhagen und Herbert Groenemeyer veröffentlichen ihre ersten Alben. Ikonen wie Abba und Queen bringen legendäre Hits heraus.

Die Gitarrenriffs werden härter, die Musik bekommt Ecken und Kanten und traut sich, andere Genre miteinander zu verbinden. Sie wird lauter, elektronischer und losgelöster von dem, was bislang als Massengeschmack galt. Auch ein Blick auf die deutschen Charts aus der Zeit (Quelle: chartsurfer.de) zeigt: Die Hits aus den USA kommen jetzt in Deutschland an und stoßen nach und nach den Schlager von den ersten Plätzen.

1 "Schöne Maid" - Tony Marshall

2 "Das Lied der Schlümpfe" - Vater Abraham

3 " Butterfly" - Danyel Gerard

4 "One Way Wind" - The Cats

5 "Goodbye. My Love, Goodbye" - Dennis Roussos

6 "A Song of Joy" - Miguel Rios

7 "Hiroshima" - Wishful Thinking

8 "Lady in Black" - Uriah Heep

9 "Rivers of Babylon" - Boney M.

10 "Paloma Blanca" - George Baker Selection

Diese und weitere Hits der 70er sowie die Lieblingssongs der LZ-Redaktion gibt es zum Nachhören bei Spotify:

https://spoti.fi/2MfeQST

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von Yvonne Glandien

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