Kreis Lippe
Lippe bereitet sich auf Flüchtlinge aus der Ukraine vor
| von Astrid Sewing, Silke Buhrmester und Thomas Reineke

Cindy Bögel (links im Bild) und ihre Kollegin Monika Obecna sortieren erste Spenden für die Ukraine. - © Cindy Bögel
Cindy Bögel (links im Bild) und ihre Kollegin Monika Obecna sortieren erste Spenden für die Ukraine. (© Cindy Bögel)

Kreis Lippe. In Lage sind am Montag 15 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine angekommen – eine Angehörige hatte die Stadt informiert, weil sie sie selbst nicht unterbringen konnte. „Erste Flüchtlinge aus der Ukraine sind auch bei Flüchtlingsberatungsstellen in Lippe angekommen, allerdings noch in kleinerer Zahl", bestätigt der Landespfarrer für Flüchtlinge und Migration der Lippischen Landeskirche, Dieter Bökemeier.

In einem Schreiben an den Kreis Lippe habe er signalisiert, dass die Landeskirche bereit sei, Kontakt mit den einzelnen Kirchengemeinden aufzunehmen, um Unterbringungen in Gemeindehäusern zu organisieren, sollten in großer Zahl Flüchtlinge aus der Ukraine im Kreis Lippe ankommen.

Die evangelische Stiftung Diakonis ist der größte Anbieter im Bereich Altenhilfe in Lippe. In ihrer Zuständigkeit stehen gerade zwei ehemalige Pflegeheime leer: das Haus Birke und das Haus Morgensonne. „Das Haus Birke ist vermietet; das Haus Morgensonne ist leergeräumt und wird für den anstehenden Umbau vorbereitet. Eine kurze Nutzung des Hauses Morgensonne ist im Notfall denkbar", sagte der kaufmännische Diakonis-Vorstand Axel Schulz auf Anfrage. Jedoch müsste zunächst die Bewohnbarkeit (Heizung, Sanitär ...) wieder hergestellt werden.

In Lage hat man für die ersten Ankömmlinge unterdessen die Unterkunft für die erste Nacht geregelt, aber die Gespräche laufen, welche städtischen Einrichtungen genutzt werden können. Eine Option sei ebenfalls, mit Eigentümern größerer Liegenschaften zu verhandeln, zum Beispiel auch mit dem Fleischverarbeiter Tönnies, der das Heinrich-Hansen-Haus gekauft hat. Auch private Unterbringungen seien möglich, wenn die Voraussetzungen gegeben seien. Letztlich müssten die Bezirksregierung und das Land klären, wie die Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt werden, sagt Lages Bürgermeister Matthias Kalkreuter weiter.

Fragen zu Familiennachzug und Visa

Beim Kreis Lippe schlagen derweil einige Anfragen und Hilfsangebote der Bürger auf. In der Ausländerbehörde der Kreisverwaltung erkundigten sich Ukrainer zum Thema Familiennachzug und zu Visa-Angelegenheiten, um insbesondere die Ausreise in Kriegsgebiete zu vermeiden, teilt Pressesprecher Steffen Adams auf Nachfrage mit. Asylanträge könnten Personen erst nach einer Flucht persönlich stellen.

Die Unterbringung von Flüchtlinge sei derweil Aufgabe der 16 Städte und Gemeinden. Allerorten seien dafür bereits die grundsätzlichen Strukturen geschaffen worden, um Menschen das Ankommen zu erleichtern. „Dafür hat die Servicestelle Einwanderungsmanagement sogenannte Case Manager für alle 16 lippischen Kommunen etabliert", sagt Adams. Der Landrat werde im Austausch mit Dirk Becker, dem Sprecher der Bürgermeisterkonferenz, das Zusammenspiel zwischen Kreis sowie den Kommunen konkretisieren.

In ihren Unterkünften sind noch keine Kriegsflüchtlinge angekommen, teilt die Stadt Bad Salzuflen mit. „Wir wissen aber, dass Privatpersonen Angehörige auf der Flucht abgeholt und vorerst bei sich untergebracht haben. Zugleich gehen zahlreiche Unterstützungsangebote ein", sagt Christian Meinardus vom Büro des Bürgermeisters.

Für diese große Hilfsbereitschaft seien Bürgermeister, Rat und Verwaltung sehr dankbar. „Wir versuchen, aktuell Kontakte – wie beispielsweise zum Verein ,Brückenschlag Ukraine‘ – herzustellen. Auf der Homepage der Stadt stellen wir voraussichtlich ab Dienstag eine Übersicht für die Fragen der Bürger aber auch von Betroffenen zur Verfügung."

Konkret bereite sich die Stadt Bad Salzuflen auf die kurzfristige Unterbringung von Ukrainern vor. „Es gibt eine kurzfristig verfügbare ,freie Spitze‘. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, weitere Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen zu können", so Meinardus.

Humanitäre Hilfe steht im Vordergrund

Die Nachricht, dass der russische Präsident Wladimir Putin am Sonntag sogenannte „Abschreckungskräfte" in Alarmbereitschaft versetzt, wozu auch Atomwaffen gehören, hat zunächst große Besorgnis ausgelöst. Allerdings haben Militärexperten das Ganze bereits relativiert. Im Kreis Lippe fokussiert sich der Bevölkerungs- und Katastrophenschützer im Moment darauf, inwiefern aus Lippe die Menschen in der Ukraine unterstützt werden können. Beispielsweise werden die Lagerbestände dahingehend geprüft, ob Sachspenden an Hilfsorganisationen übergeben werden können.

„Auch wenn die Nachrichtenlage besorgniserregend ist, so lässt der Krieg in der Ukraine im Moment nicht erwarten, dass es zu einem Verteidigungsfall der Bundesrepublik auf deutschem Gebiet kommt", sagt Kreis-Pressesprecher Steffen Adams. Eine militärische Bedrohung Lippes sei akut nicht gegeben, aber ganz allgemein gebe es einen Notfallplan – bereits seit vielen Jahren.
In der Bundesrepublik Deutschland sei im Verteidigungsfall alleinig der Bund für die äußere Sicherheit und die Verteidigung einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung (Zivilschutz) zuständig. Flankiert werde dieses System durch den Bevölkerungsschutz eines jeden Bundeslandes, so auch in Nordrhein-Westfalen.

Die Aufgaben sind umfangreich: Der Bevölkerungsschutz ist für extreme Wetterlagen, Terroranschläge, Großunfälle und industrielle Havarien, großflächige und lang andauernde Stromausfälle, Pandemien sowie militärische Konflikte im Rahmen der öffentlichen Sicherheit und der Gefahrenabwehr zuständig. Die gesetzlichen Grundlagen für Nordrhein-Westfalen finden sich im Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz (BHKG) wieder.

Das Warnsystem ist erprobt

Wichtige Säulen für den Zivilschutz sind unter anderem auch der Selbstschutz, die Selbsthilfe und die Warnung der Bevölkerung. „Auch die Warnung vor militärischen Angriffen liegt in der Verantwortung des Bundes", erklärt Adams. Dafür stehe auch das flächendeckende Sirenennetz in Lippe bereit, es werde unterstützt von Rundfunkdurchsagen, Lautsprecherdurchsagen sowie zunehmend auch Warnungen durch internetbasierte Medien wie Apps. Bekannte Apps sind Nina oder Katwarn.

„In besonderen Lagen kann die Bevölkerung angewiesen werden, den jeweiligen Aufenthaltsort nur mit Erlaubnis zu verlassen beziehungsweise ein bestimmtes Gebiet nicht zu betreten oder aus besonders gefährdeten Gebieten vorübergehend evakuiert werden." Das sei alles in Szenarien bereits durchgespielt – auch, weil Lippe im Umkreis des Atomkraftwerks Grohnde liegt. „Sollte ein besonderer Krisenfall eintreten, so werden die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig über diese Maßnahme unter anderem über Möglichkeiten wie Sirenen, Rundfunkdurchsagen sowie Apps informiert und aufgefordert sich entsprechend zu verhalten."

Spenden an der Teststation

Cindy Bögel  und ihre Kollegin Monika Obecna sortieren erste Spenden für die Ukraine in einer ehemaligen Autowerkstatt an der Hoffmannstraße in Bad Salzuflen. Die beiden Frauen leiten die dortige Corona-Teststation und wollen unbedingt den Menschen in der Ukraine helfen. „Wir haben Lagerkapazitäten und Kontakt zu einer polnischen Hilfsorganisation, die die gesammelten Sachen an die ukrainische Grenze bringt", sagt Cindy Bögel. Zunächst einmal bis Samstag, 5. März, wird an der Hoffmannstraße 32 täglich von 8 bis 20 Uhr gesammelt. Besonders gefragt sind laut Bögel Speisen in Konservendosen, Babynahrung, Windeln, Bettwäsche, Verbandsmaterial und Tierfutter. Am ersten Sammeltag am Montag kamen in den ersten Stunden schon rund 20 Spender.

Kirchen nehmen Menschen auf

Die Lippische Landeskirche hält nach Angaben von Dieter Bökemeier, Landespfarrer für Flucht und Migration, Kontakt zu den Partnerkirchen  in den Nachbarländern Rumänien, Ungarn und Polen. Für deren Flüchtlingsarbeit werden jetzt Geldspenden gesammelt. Von Sachspenden rät Bökemeier ab.

Vor allem die kleinere evangelisch-reformierte Kirche in Polen habe bereits einige Flüchtlinge aufgenommen - zum Beispiel in ihren Gemeindehäusern in Lodsch und Warschau. Die Kirche habe zwar in ganz Polen nur etwa 1500 Gemeindemitglieder, aber bereits 15 Menschen bei sich untergebracht. In der deutlich größeren evangelisch-reformierten Kirche in Siebenbürgen (Rumänien) bieten die Gemeinden gerade hunderte von Unterbringungsplätzen an, sagt Bökemeier. Und das Hilfswerk der reformierten Kirche in Ungarn kümmere sich zum einen um die in Budapest ankommenden Menschen, sende aber auch Hilfsgüter direkt zu Gemeinden in der Ukraine.

Die Spenden, die die Lippische Landeskirche auf ihrem Spendenkonto unter dem Stichwort „Ukraine" einsammele, würden für diese Aktivitäten der Partnerkirchen weitergeleitet. „Auch eigene Mittel der Landeskirche für internationale Flüchtlingsarbeit sind vorgesehen", sagt Bökemeier.

Neben diesen lippischen Verbindungen können auch Spenden an die Diakonie-Katastrophenhilfe gegeben werden, die mit Partnern vor Ort – auch in der Ukraine – arbeitet. Von Sachspenden allerdings bitten sie abzusehen. Sie können derzeit nicht verwendet werden.

Die Lippische Landeskirche sammelt derzeit keine Sachspenden für die Ukraine: „Von unseren Partnerkirchen wissen wir, dass sich die Spenden an der Grenze zur Ukraine schon stapeln", sagt der Pfarrer.

Die Bankdaten sowie weiterführende Informationen zu den Hilfsprojekten gibt es unter anderem im Internet auf www.lippische-landeskirche.de

Auch der Kreis listet Hilfsangebote

Die Kreistagskooperation aus CDU, FDP und Freie Wähler/Aufbruch C will aus Lippe schnelle Hilfe für die Partnerregion Lutsk in der Westukraine koordiniert wissen. Der Landrat hat bereits einiges in die Wege geleitet. Die Situation in Lutsk sei differenzierter zu betrachten, denn die Stadt sei aktuell von Kampfhandlungen nicht betroffen. „Im Moment stellt sich die Stadt jedoch auf die Versorgung von Verwundeten ein", teilt der Kreis Lippe mit.

Verschiedene Einzelpersonen und Organisationen aus dem Kreisgebiet und Ostwestfalen-Lippe organisierten bereits Hilfen für die Ukraine. Der Kreis Lippe bietet an, diese Angebote auf der Webseite der Kreisverwaltung zu listen, dadurch zu vernetzen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ansprechpartnerin ist Sarah Laukamp (s.laukamp@kreis-lippe.de), die als Partnerschaftsbeauftragte beim Kreis Lippe auch den Kontakt in die Partnerstadt Lutsk hält. Weiterführende Infos: www.kreis-lippe.de

Adam Olechowski und seine Frau Marta wollen Flüchtlinge in ihrem Haus in Knetterheide aufnehmen. - © Adam Olechowski
Adam Olechowski und seine Frau Marta wollen Flüchtlinge in ihrem Haus in Knetterheide aufnehmen. (© Adam Olechowski)

Junge Familie will ihr Haus mit Kriegsflüchtlingen teilen

„Es ist eine Entscheidung, die von Herzen kommt." Adam Olechowski (32) aus Knetterheide hat sich angesichts der Kriegsbilder aus der Ukraine mit seiner Frau Marta (29) besprochen. „Wir haben uns gefragt, was wir uns wünschen würden, wenn wir jetzt in dem Land wären. Und das wäre sicher auch, eine Fluchtmöglichkeit für die Familie zu haben." So haben die jungen Eltern von einem Baby und einem Kleinkind entschieden, ihr Haus in Knetterheide mit Flüchtlingen aus der Ukraine zu teilen. „Es ist groß genug", sagt Adam Olechowski.

Der 32-Jährige ist in der Chemiebranche tätig und hat väterlicherseits polnische Wurzeln. Und er hat auch schonen einen Kontakt geknüpft: „Ich habe einen Bekannten in Heiligenkirchen, der wiederum Kontakt zu einem ehemaligen Arbeitskollegen aus der Ukraine hat. Im konkreten Fall geht es um eine Frau und ein Kind, die bei uns vorübergehend unterkommen könnten." Falls dies nicht zustande käme, will sich Olechowski an eine Stelle in Herford-Hiddenhausen wenden, wo Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen werden. „Für ein, zwei Monate können wir sicher zwei bis drei 
Menschen mit bei uns 
unterbringen. Man kann ja nicht absehen, wie sich alles weiter 
entwickelt."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2022
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare