Kreis Lippe. Wirtschaftsexperten erwarten einen Anstieg der Firmeninsolvenzen auf das Niveau zu Zeiten der Finanzkrise 2009. Der Kreis Lippe indes präsentiert sich nach Angaben der hiesigen Industrie- und Handelskammer (IHK) bislang ziemlich robust. Auch wenn die Zahl der Pleiten deutlich steigt. Wie steht Lippe da? Tatsächlich steigt sie zwischen Lügde und Leopoldshöhe sogar besonders stark, zumindest den vorläufigen Zahlen zufolge. So gab es von Januar bis September 2024 exakt 66 Unternehmenspleiten in Lippe. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 40 Prozent; die Gesamtzahl für 2024 steht aufgrund des noch nicht ausgewerteten letzten Quartals noch aus. Auf Bundesebene gehen Experten nach IHK-Angaben von 24,3 Prozent mehr Pleiten aus, allerdings hatte das Vorjahr schon mit 22,9 Prozent zugesetzt. NRW lag und liegt wenige Prozentpunkte darunter. Im Klartext: Lippe hat, negativ gesprochen, Nachholbedarf, was die Insolvenzen angeht. „Wir kommen von einer vergleichsweise niedrigen Fallzahl“, stellt IHK-Mann Hinrich Schwarze fest: In den ersten drei Quartalen 2024 gaben in Lippe so viele Firmen auf wie in den beiden Jahren 2011 und 2022 zusammen. Die vergleichsweise robuste Lage überrascht ein wenig, denn die lippischen Unternehmen sind - insbesondere im verarbeitenden Gewerbe - mehr vom schwächelnden Export abhängig als anderswo. 53 Prozent ihres Umsatzes machen die entsprechenden Unternehmen mit dem Ausland. „Die anhaltende Schwächephase trifft die Wirtschaft mit voller Wucht“, betont Hinrich Schwarze. Aufträge gingen verloren, auf der Gegenseite stünden hohe Kosten, die die Gewinnmargen der Unternehmen schmälerten und die Finanzlage verdüsterten. Schwarz malen will die lippische IHK gleichwohl nicht. In den Jahren 2000 bis 2020 lag die Zahl der Insolvenzen in Lippe fast immer nahe der 200er-Marke oder deutlich drüber. Unrühmlich die Jahre 2003, 2007 und 2010 als sogar die 250 gerissen wurde. Davon ist Lippe weit entfernt. „Das relativiert die jetzt hohe Steigerungsrate.“ Die größten Probleme Was die Unternehmen spüren, ist eine gewisse Zurückhaltung beziehungsweise Vorsicht der Geschäftsbanken. Einigen Firmen bleibe nichts anderes übrig, als mit Kurzarbeit auf den drohenden Verlust von Jobs zu reagieren und anschließend vom Eigenkapital zu zehren, um auf eine konjunkturelle Erholung zu warten. Als Probleme benennt die Industrie- und Handelskammer die hohe Steuerlast, Bürokratie-, Energie- und Personalkosten. „Die politische Hängepartie durch die vorgezogenen Bundestagswahlen sorgt ebenfalls für starke Verunsicherung“, betont Hinrich Schwarze. Die neue Bundesregierung müsse unbedingt Deutschland als Wirtschaftsstandort wieder attraktiver machen. Die Unternehmen seien selbst gefragt, indem sie sich unabhängiger machten und sich breiter aufstellten. Wie geht es dem Bau? Ein Sorgenkind ist beispielsweise der Bau: Hier belasten hohe Kreditzinsen, gestiegene Baukosten und Lieferengpässe beim Material sowohl die Immobilien-, als auch die Bauunternehmen. Vor allem im Wohnungsmarkt sei die Nachfrage deutlich schwächer, obwohl Wohnungen fehlten. Detaillierte Informationen über Insolvenzen im Baugewerbe oder im Allgemeinen lägen der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe nicht vor. „Trotzdem nehmen wir wahr, dass es dem Bauhauptgewerbe, insbesondere im Neubaubereich nicht gut geht, sagt Geschäftsführerin Andrea Hegerbekermeier. Ein Drittel der Unternehmen des Baugewerbes erwirtschafteten ihre Umsätze überwiegend im Neubau, ein Drittel im Bestand, der Rest sowohl als auch. „Diejenigen, die auf den Neubau konzentriert sind, bewerten ihre Geschäftslage mit ,schlecht’.“ Die Herbstumfrage des Deutschen Zentralverbands des Baugewerbes hat zudem ergeben, dass sich der überwiegende Teil der Unternehmen einer schwachen Auftragslage gegenüber stehen sehe. Die vorhandenen Kapazitäten könnten nicht ausgelastet werden. Das wiederum führe dazu, dass Firmen nicht bereit seien, zu investieren oder Beschäftigte neu einzustellen. Außerdem werde zunehmend ein Fachkräftemangel gemeldet. Die Umfrage erfolgte zwar bundesweit, die Geschäftsführerin gehe aber davon aus, dass es in Lippe ebenso aussehe. „Die nun schon mehrjährig anhaltende Auftragsschwäche im Bauhauptgewerbe bremst den Kapazitätsausbau bei der Beschäftigung aus“, mahnt sie. War der Beschäftigtenaufbau im vergangenen Jahr zum Erliegen gekommen, schafften es die Unternehmen erstmalig seit 2008 nicht mehr, den Beschäftigtenstand zu halten, 34 Prozent meldeten sogar einen Rückgang. So sieht’s in anderen Branchen aus Ein Blick auf die anderen Branchen: Im Maschinenbau wirkten die geopolitischen Unsicherheiten (US-Wahl, Handelsstreits, Ukraine-Krieg ...), sodass Investitionen in neue Maschinen verschoben würden und den Maschinenbauern Aufträge fehlten. Im Gesundheitswesen und in der Pflege fehlten immer noch Mitarbeiter, die Personalkosten bei denen, die da sind, seien darüber hinaus deutlich gestiegen und wirkten auf die Kosten. Was macht der Handel? Dazu komme, dass sich die Deutschen aufgrund der Konjunkturflaute selbst zurückhaltender zeigten, wenn sie das Portemonnaie öffnen sollten. „Die hohe Inflation führt zu Kaufkraftverlusten. Es ist unklar, ob der Konsum durch die ausgehandelten Gehaltssteigerungen wieder Fahrt aufnehmen kann“, betont Timm Lönneker, Handelsreferent der IHK, mit Blick auf die Lage im Einzelhandel. Wer nicht einkaufe, habe auch weniger Anreize, die Innenstädte zu besuchen. Lönneker: „Wenn die Frequenz weiter sinkt, haben es die Innenstädte schwer. Es droht ein weiteres Ladensterben.“ Eine Besonderheit: Wenn ein Einzelunternehmer schließt, kann er sein Unternehmen einfach abwickeln, ohne Insolvenz zu beantragen. Somit gingen die entsprechenden Schließungen „nicht in die Insolvenzstatistik ein“, mahnt Lönneker, die Lage nicht zu verkennen. Doch was tun? „Die Baupolitik bedarf eines Neustarts“, betont Andrea Hegerbekermeier. Denn Bau- und Finanzierungskosten seien so stark gestiegen, dass es nicht mehr für jeden, der wolle, möglich sei, zu bauen. „Das gilt insbesondere für bezahlbaren und auch sozialen Wohnungsbau.“ Es brauche verlässliche und auskömmliche Förderprogramme, die Regelwerke müssten deutlich reduziert werden. Und auch die Genehmigungsverfahren müssten deutlich schneller zum Abschluss kommen.