Kreis Lippe. Egal ob Schmerzmittel, Hustensaft, Schwangerschaftsvitamine oder vegane Gummibärchen: Die Apotheke um die Ecke ist in vielen Lebens- und vor allem Gesundheitslagen und -fragen der richtige Ansprechpartner. Doch Moment - die Apotheke um die Ecke, von denen gibt es gar nicht mehr so viele, mahnt die Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL). Nicht nur bundesweit, auch in Lippe gibt es einen spürbaren Rückgang an Apotheken. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Der Apothekerberuf ist für mich ein Traumberuf - auch in der Selbstständigkeit - nach wie vor“, schwärmt Apothekerin Marleen Windgätter, Vertrauensapothekerin und Sprecherin im Altkreis Detmold. „Es ist ein vielfältiger, sehr interessanter und sozialer Beruf mit hoher Anerkennung und Dankbarkeit in der Gesellschaft.“ Marleen Windgätter und Kathrin Bauerrichter, Vertrauensapothekerin und Sprecherin im Altkreis Lemgo, sind sich einig: „Keine Apotheke wird aus Wohlstand geschlossen.“ Am häufigsten seien wirtschaftliche Gründe. Etwa zehn Prozent der Apotheken bundesweit hätten im Jahr 2023 ein negatives Betriebsergebnis erzielt, also kein Einkommen generiert, und weitere 14 Prozent maximal 50.000 Euro. „Damit sind ein Viertel aller Apotheken wirtschaftlich nicht tragbar und nicht kreditwürdig.“ Daher wundere es nicht, dass Apotheken keinen Nachfolger finden und für immer geschlossen werden, erklären die beiden Frauen. Apothekenschwund geht immer schneller Für Lippe heißt das in Zahlen: Gab es am 1. Januar 2005 noch 99 Apotheken im Kreisgebiet, waren es zehn Jahre später noch 88. Und am 1. Januar dieses Jahres, also noch einmal zehn Jahre weiter, nur noch 68. Insgesamt ein Rückgang von einem Drittel in 20 Jahren, doppelt so viele schlossen in den vergangenen zehn Jahren wie in der Dekade davor. Das zeigt: Der Rückgang der Apotheken nimmt nicht nur zu, er wird auch rasanter. Und auch im ersten Halbjahr dieses Jahres hat nach Auskunft der AKWL eine weitere Apotheke in Lippe ihre Türen geschlossen. Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening hat anlässlich der Frühjahrssitzung des Westfälisch-lippischen Apothekerparlamentes die „Alarmstufe Rot“ ausgerufen: In Westfalen-Lippe sinkt die Zahl der Apotheken im 21. Jahr in Folge. Dabei wachse die Bevölkerungszahl hier ebenso wie die Zahl älterer und an mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig leidenden (multimorbiden) Patienten, erklärt sie in einer Pressemitteilung. Windgätter und Bauerrichter zählen weitere Hürden für Apotheker auf: „Das Honorar wurde seit über zehn Jahren nicht angepasst, unter der Amtszeit von Karl Lauterbach sogar noch zeitweise erniedrigt.“ Auch der rechtlich festgelegte Einkaufsrabatt auf verschreibungspflichtige Medikamente sei im vergangenen Jahr noch einmal erheblich gesenkt worden - und das bei steigenden Löhnen für die Mitarbeiter, höheren Kosten für Miete und Energie sowie der Inflation, die stetig zulegt. Eine Vielzahl an gesetzlichen Anforderungen und eine überbordende Bürokratie, Dokumentations- und Nachweispflichten machen es den Apothekern, die ja ursprünglich ein heilberufliches Studium an der Universität absolviert haben, besonders schwer. Dazu kämen regelmäßige Kontrollen hinsichtlich der ordnungsgemäßen Prüfung und Lagerung wie etwa der Temperatur-Überwachung. „Des Weiteren leiden Apotheken unter Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Die anhaltenden Lieferengpässe erschweren das Tagesgeschäft und die Notdienste ungemein.“ Der Mehraufwand - auch an personellen Kapazitäten und Kosten - sei immens. „Das Team leistet extrem viel“ In Westfalen-Lippe versorgt eine Apotheke durchschnittlich 5000 Patientinnen und Patienten, in Lippe waren es zu Jahresbeginn durchschnittlich 5135 Einwohner. Vor 20 Jahren waren es mit etwa 3500 noch deutlich weniger Patienten pro Apotheke, erklärt die AKWL. Im Kreis Lippe arbeiten (Stand 1. Januar 2025) insgesamt 685 Menschen in den Apotheken, darunter 187 Apothekerinnen und Apotheker, 368 pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA) sowie 106 pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA). Und trotz aller Hürden lohne es sich, einen dieser Berufe zu ergreifen, wissen die lippischen Apotheken-Sprecherinnen. „Sowohl Apothekerinnen und Apotheker, als auch pharmazeutisch-technische Assistenten haben ein hoch qualifiziertes, naturwissenschaftliches Wissen auf ihrem Ausbildungsweg erlangt, welches sie tagtäglich während der Beratung allgemein verständlich transportieren“, sagen Windgätter und Bauerrichter. Gleichzeitig sorge das pharmazeutische Personal für die Arzneimittelsicherheit, decke Wechselwirkungen auf und berate zur korrekten Einnahme. Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte seien „der selbstständige Joker im Backoffice“, sie kümmerten sich um das Lager, das sorgfältig gepflegt werden will, denn es drohe der Verfall der Arzneimittel und ein Lagerwertverlust durch Preisänderungen. Zudem müsse die Einhaltung von Retourenregeln überprüft werden. „Das Team in der Apotheke leistet jeden Tag extrem viel, das Pensum ist hoch, die Verantwortung ist groß.“ Und trotzdem ein Traumberuf für Marleen Windgätter und ihre Kollegen. Wenn Medis knapp werden Immer wieder sind in der Vergangenheit Medikamente knapp gewesen. „Seit Beginn der Corona-Pandemie kämpfen die Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit Lieferengpässen“, erklären die lippischen Apotheken-Sprecherinnen für die Altkreise Detmold, Marleen Windgätter, und Lemgo, Kathrin Bauerrichter. Auch dafür seien die Gründe vielfältig, etwa angespannte Lieferketten oder der Preisdruck von den Krankenkassen. Rabatt- und Festbeträge könnten die Hersteller dazu zwingen, den Vertrieb bestimmter Medikamente in Deutschland einzustellen. „Auch ein kurzfristiger Mehrbedarf bestimmter Antibiotika löst bundesweite Lieferengpässe aus.“ Derzeit fehlten Insuline sowie die sogenannten „Abnehmspritzen“, eigentlich ein Medikament für Diabetiker. Knapp seien auch Antibiotika-haltige Säfte für Kinder sowie Cholesterinsenker für Herzpatienten und die isotonische Kochsalzlösung für Infusionen. Seit vielen Monaten fehlen Salbutamol-haltige Inhalatoren zur Notfalltherapie bei Asthmatikern. „Hier ist der Vertrieb der (deutschen) Hersteller in Deutschland aus Kostengründen eingestellt worden.“ Um den Mangel auszugleichen, werden einzelne Packungen aus EU-Nachbarländern oder den USA, wo das Produkt für einen geringfügig höheren Preis auf dem Markt ist, importiert. „Diese Liste ließe sich beliebig erweitern, es fehlen seit nun mehr als fünf Jahren zeitweise immer unterschiedliche Medikamente“, erklären die Apothekerinnen.