Detmold. Am Anfang war die Musik. Aber eigentlich ist sie noch immer überall, kam noch vor der Sprache, ist Heimat und begleitet nahezu alle großen Ereignisse – das ist zumindest das Ergebnis Jürgen Beckers ausgiebiger Recherche für sein Programm „Deine Disko“, in dessen Genuss am Sonntagnachmittag rund 100 Besucher im „FREILUFT.theater“ auf der Bismarckwiese am Fuße des Hermannsdenkmals gekommen sind. „Geschichte in Scheiben – wie Musik Politik macht“, lautete das Motto der Show, die bei den Zuschauern hervorragend ankam. „Wann waren Sie eigentlich zum letzten Mal in der Disko?“, richtete Kabarettist Jürgen Becker seine Frage ans Publikum und nahm die Antwort gleich vorweg: „Ich kann Ihnen sagen, warum Sie es nicht wissen: Weil es schon sehr lange her ist.“ Dabei sei Musik doch eine kognitive Powerbank, eine Entwicklung, die ihren Ursprung in Kinderliedern habe. Doch auch wenn seine Gäste schon länger keine Diskothek mehr von innen gesehen haben - die alten Klassiker, die kennen sie alle noch. Und wer diesbezüglich einen umfangreichen Fundus besaß, der war bei Jürgen Becker auch genau richtig, denn sein Programm war einfach mal anders. Politik, Platten, Protest und Pointen wurden als mitreißende Radioshow auf der Bühne live gemischt. Er tauchte satirisch tief in die Soundfiles der bewegten Jugend ein und rettet damit am Ende sogar die Zukunft – so seine Ankündigung. Los ging es dann aber doch erst einmal mit einem zeitlosen Klassiker aus den 1840er Jahren, den wirklich alle Zuschauer auch textsicher mitsingen konnten: „Backe, backe Kuchen“. Mit dem gemeinsamen Einstimmen in das Lied machte Becker deutlich: „Musik, die wir in unserer Kindheit verinnerlicht haben, vergessen wir nie wieder.“ Abgelöst wurde dieses, zugegeben, wirklich schöne Lied von einem weiteren Klassiker, „Guten Abend, gute Nacht“, während dessen Darbietung Becker auf die verstörende Passage hinwies, in der das Aufwachen am nächsten Morgen vom guten Willen Gottes abhängt. Alte Schoten ausgegraben Doch das sollte nicht der Anspruch des Nachmittages bleiben, vielmehr spannte Becker den Kosmos weit auf, begab sich unerschrocken in das Spannungsfeld zwischen Heintje und Jimi Hendrix, zwischen Pink Floyd und Fiesta Mexicana und dem ersten Disco-Groove im Mutterleib. Und stellte zügig fest, dass ja eigentlich alle großen Ereignisse unserer Zeitgeschichte mit einem entsprechenden großen Hit belegt seien, nur die deutsche Wiedervereinigung irgendwie nicht. „Augenzeugen berichteten, die West- und Ostdeutschen hätten, als sie sich in den Armen lagen, „Griechischer Wein“ gesungen. Ob Udo Jürgens Lied nun künftig dem Mauerfall zugeordnet wird – fraglich. Vielmehr würde es doch wohl David Hasselhoffs „Looking for Freedom“ werden, auch wenn Hasselhoff aussehe „wie ein Gebrauchtwagen-Händler vorm Puff“. Eines hatte der 65-jährige Kölner perfektioniert: das Ausgraben alter Schoten. Und zwar die, an die sich die Besucher nur zu gern erinnerten, direkt mit einstimmten und die Präsentation mit Blick auf den Hermann regelrecht genossen. Eines haben sie an diesem Nachmittag auf jeden Fall getan: ihre Erinnerungen an die guten alten Zeiten aufgefrischt und zugleich noch viel Hintergrundwissen rund um die Lieder sammeln können.