Lemgo. Es wäre ein Leichtes, hier festzustellen, dass Dieter Nuhr einen brillanten Spürsinn für Absurdität und Zeitgeist hat. Ihn auch nachweisen kann, liefern kann. Natürlich bot der Intellektuelle unter den Comedians in Lemgo die scharfe und provokante Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft. Nach „Nuhr ein Traum“ oder „Nuhr hier, nur heute“ hatte der 65-Jährige in der Phoenix-Contact-Arena allerdings einen latent anderen Zungenschlag - eine Art Altersmilde. Etwas mehr von „Nuhr die Ruhe“, gemischt mit Momenten der Eskalation. Momente, wo sich ein Dieter Nuhr noch einmal kurz aufregen kann: Wenn es um verwöhnte Kinder geht. Aber das gehört dazu: wer Geld für eine Eintrittskarte zahlt, der erwirbt eben auch das Recht auf alle Facetten des Hofnarren. 3000 hatten gezahlt, Männer und Frauen, oft in den besten Jahren. Und sie bekamen nur eine Show, denn Nuhr macht keine Pausen mehr. 20 Uhr Anfang, 22 Uhr Ende. Wer Pipi muss, muss halt zusehen, ob er was verpassen will. Nuhr ist zwar in der Show milder und lakonischer geworden als vielleicht vor zehn oder 20 Jahren. Indes: Im Kern beißt er weiter zu. Nostalgie weckt Erinnerungen Bisweilen taucht er in seinem aktuellen Programm in nostalgische Themen ein, weckt Erinnerungen an weit zurückliegende Errungenschaften wie ein Telefon mit Wählscheibe und Brokathaube. So ein Gag wirkt schon ein wenig wie ein durchgerittener Damensattel, funktioniert aber noch. Das gilt selbstverständlich gleichermaßen für Diddl-Mäuse oder Flipper. Sie erinnern sich, werte Leserschaft, der Delfin, den es heute nur aus Tofu gäbe. Warum funktioniert der Humor eines Dieter Nuhr? Nuhrs Ansatz ist vergleichbar mit Torsten Sträter. Sträter erzählt bekanntlich Geschichten aus seinem Alltag, und das auf eine Weise, die einfach unterhaltsam ist. Sträter und Nuhr kennen sich gut. Sträter ist mal mit der Bahn zum Auftritt von Dieter Nuhr nach Berlin gefahren. Sträter: „Dann nehme ich immer zwei Züge früher, um auch einigermaßen pünktlich in der Hauptstadt anzukommen.“ Diese stille Kritik an der Bahn, ja, das könnte auch von Nuhr kommen. Der Ansatz, eine Pointe anzumoderieren, die Grundidee, nicht sofort mit dem Lacher zur Tür rein zu kommen, das eint diese Kategorie von Humoristen. Show ohne Schnickschnack Im Gegensatz zu Atze Schröder oder Markus Krebs erzählen sie auch kaum Witze. Ausnahmen sind erlaubt - und gehen bei Nuhr auch schon mal unter die Gürtellinie. Warum funktioniert seine Show aber so gut? Vielleicht, weil er auf Schnickschnack verzichtet: Keine Pyrotechnik, keine 40 Tänzerinnen, keine billigen Effekte. Ein Mann, ein Mikrofon. Nuhr mit Worten. Die entspannte Pointe, 3000 Menschen, der Wechsel von der Beiläufigkeit zur heiteren Ekstase. Nuhr nur. Eben.