Detmold. Erst haben sie geheiratet, einen Schuhladen eröffnet und danach wurden sie in Auschwitz ermordet: Die Rede ist von dem jüdischen Ehepaar Frieda und Eduard Kauder. Im Rahmen eines Kunstprojektes haben Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Leopoldinum sich mit der Lebensgeschichte der beiden beschäftigt. Zusammen mit der Illustratorin Francis Kaiser und ihrem Religionslehrer Dr. Oliver Arnhold haben sie sechs Plakate gedruckt, in der sie die Geschichte genau beleuchten. Die Schülerinnen und Schüler dokumentierten dabei das Leben des Ehepaars ab 1907, bis zu ihrem Tod 1942. Das Design der Plakate ist angelehnt an Zeitungsartikel der Lippischen Landes-Zeitung und der „Lippischen Staatszeitung“, die während des Nationalsozialismus veröffentlicht wurde. Ein Leben aufbauen Inhaltlich setzten die Schüler sich in Kleingruppen mit den einzelnen Lebensabschnitten der Kauders auseinander. Simon Stricker, Schüler des Leopoldinums erklärt: „Wir haben historische Bilder als Grundlage genommen.“ Die Schüler hatten viele, individuelle Ideen für die Plakate”, sagt Illustratorin Francis Kaiser. Um die einzelnen Elemente miteinander zu verbinden, entschied sich die Gruppe für die Farbe Blau, ergänzt Simon Stricker: „Das Blau ist das verbindende Element, damit alles wie aus einem Guss wirkt.“ Simon Stricker und sein Mitschüler Erik Gerte haben an den ersten Plakaten gearbeitet: Sie zeigen zuerst die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Detmold. Die Synagoge wurde am 17. Mai 1907 in der Nähe des Schlosses und des Hoftheaters in der Lortzing-Straße 3 eingeweiht. Viele Detmolder Bürger seien damals dabei gewesen. Daraufhin eröffnete Frieda Horn 1911 ihr Schuhgeschäft „Teutonia“ in der Langen-Straße 36 und heiratete am 21. März 1923 Eduard Kauder. Erik Gerte sei künstlerisch schwach, sagt er. Darum habe er sich auf die Quellen gestürzt und recherchiert. Die Geschichte vor dem Holocaust sei ihm besonders wichtig gewesen: „Die meiste Arbeit lag auf der Vorvergangenheit, weil es wichtig ist, das Schicksal und das Ausmaß zu verstehen. Das sind Menschen mit Geschichten und Lebenserfahrungen – Menschen, die viel geleistet haben.“ „Wir haben sie nicht vergessen“ Der 30. Januar 1933: Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler in Deutschland ernannt. Auf dem zweiten Plakat zeigen die Schüler die Anfangszeit des Boykotts. Die Nationalsozialisten bekamen mehr Macht – und die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung nahm zu. Die Kauders waren direkt davon betroffen, wie sich auf dem Plakat zeigt. Zu sehen sind zwei Männer in Uniform: Nationalsozialisten, die vor Frieda Kauders Schuhgeschäft “Teutonia” stehen. Adolf Hitler befahl den Truppen der SA (Sturmabteilung) und der SS (Schutzstaffel) sich vor jüdischen Geschäften zu positionieren. Kein Bürger sollte mehr dort einkaufen. Unter dem Foto ist auch ein Bild der Kauders, wie sie auf einer Wiese liegen. Simon Stricker erklärt: „Das sind echte Familien, das sind keine Bilder aus einem Geschichtsroman.“ Und: „Die damalige Regierung wollte, dass wir diese Familie vergessen – sie wollten sie aus der Geschichte verdrängen.“ Ihr Kunstprojekt sei im Grunde die Arbeit dagegen. „Wir haben sie nicht vergessen, sondern zeigen jungen Menschen eine Familie, die es nach den Wünschen der Nazis nicht gegeben haben sollte.“ „Wer beim Juden kauft ...“ Das dritte Plakat zeigt nicht mehr die Lippische Landes-Zeitung, sondern die “Lippische Staatszeitung”. Keine Lippische Rose mehr, stattdessen: Der Reichsadler, der das Hakenkreuz mit seinen Krallen trägt. Es ist die Zeit von 1933-1935. Das Plakat zeigt ein Foto von zwei Frauen, wahrscheinlich eine Mutter und ihre Tochter. Sie seien heimlich fotografiert worden und unter der Überschrift: „Wer beim Juden kauft, der kann sich an dieser Stelle im Bilde wieder sehen“ in der Staatszeitung veröffentlicht. Die beiden Schülerinnen Leni Müller und Lisa Plöger zeichneten eine Karikatur, um zu zeigen, wie Eduard Kauder sich in dieser Zeit gefühlt haben könnte. Was dachte er, als er mit seinen beiden Kundinnen vom gestrigen Tag sprach und sie anschließend in der Staatszeitung wieder gefunden hat? Die beiden Schülerinnen stellen sein mögliches Denken dar. Sie zeichneten einen besorgten Eduard Kauder, der sich fragt: „Was wird nun passieren?“ Wer wird deportiert? Die nächste Karikatur der beiden Schülerinnen ist auf dem vierten Plakat zu sehen: Eduard Kauder stellte einen Antrag, um mit seiner Frau Frieda Kauder auszuwandern. Am 5. Oktober 1935 verkauften sie ihr Schuhgeschäft an den Schuhmachermeister Hubert Gockel. Eduard Kauder wollte sich zum Fußpfleger umschulen und in Palästina arbeiten. In der Zeichnung vermuten Lisa Plöger und Leni Müller, wie das Ehepaar den Ablehnungsbescheid geöffnet haben könnte – und wie sie möglicherweise darauf reagierten. Es kam noch schlimmer: Am 9. November 1938 wurde Eduard Kauder verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Dort wurde er bis zum 6. Dezember 1938 festgehalten und seine Familie in der Folge des Novemberpogroms streng bewacht. Nachdem er entlassen wurde, habe er zwangsweise mit Moritz Herzberg das Detmolder Büro der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ (RVJD) leiten müssen. Die RVJD war eine 1939 von den Nationalsozialisten gegründete Zwangsorganisation, die alle im Deutschen Reich lebenden Juden zusammenfasste. Eduard Kauder und Moritz Herzberg mussten damals entscheiden, welche ihrer Leute als Nächstes deportiert werden sollten. „Es ist ein schweres Schicksal“, sagt Leni Müller. Lisa Plöger ergänzt: „Wir wollten in die Tiefe gehen und mit den Bildern versuchen darzustellen, was die Personen gedacht haben könnten. Ich finde die Geschichte so traurig, das sollte nicht noch einmal vorkommen.“ „Was tust du?“ Was ging in den beiden Männern vor, die ihre Leute ausliefern mussten – und ihre eigenen Namen auf der Deportationsliste wiederfanden? Auch diese Situation versuchten die Schülerinnen darzustellen. Sie hätten damals geahnt, was ihnen bevorstehe – und so kam es letztlich auch: Im Juni 1942 befinden sich sowohl die Kauders als auch die Familie Herzberg auf der Deportationsliste. Sie sollten in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht werden, wurden vorerst in einem Sammellager in Bielefeld festgehalten. Von dort wurde der Transport am 12. Oktober 1944 nach Auschwitz angeordnet – und 1947 wurden sie für tot erklärt. Das letzte Plakat: Es ist der 4. Oktober 2025, der Tag der Deutschen Einheit. Die LZ schrieb über diesen Tag, weil es in Detmold einen Aufmarsch gab. Der Titel: „Polizei begleitet Rechte“. Die Schülerinnen Lilly Trier, Vivien Jendrzej und Anna Liebhardt fragen auf dem Plakat den Leser direkt. „Was tust du?“, lautet die Überschrift. Die Betrachter der Plakate sehen sich in einem Spiegel und werden zwangsläufig mit der Frage konfrontiert. Die Stolpersteine der Kauders Sie beschreiben außerdem, dass das Leopoldinum die Patenschaft der Stolpersteine der Familie Kauders übernommen und ihre Erinnerung aufrechterhält. Sie werden die Lebensgeschichte im Geschichtsunterricht thematisieren – und sie nie vergessen. Die Stolpersteine sind 2025 in die Lange-Straße 36 verlegt worden. Die Projektgruppe setzte sich aus Jugendlichen verschiedener Klassen des Leopoldinums zusammen. Religionslehrer Dr. Oliver Arnhold ist stolz auf das „gute Gemeinschaftsprojekt“, in das seine Schülerinnen und Schüler viel Herzblut gesteckt haben. Kritisch drüber geschaut hat Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz, erklärt er. Das Projekt hat einige Förderer. Sowohl der Förderverein des Leos, die Stadt Detmold, die Bürgerstiftung Detmold und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Lippe haben das Projekt finanziert. Die LZ hat die aktuellen Berichte zu rechten Bewegungen in Lippe bereitgestellt. Die Ausstellungseröffnung findet am 23. Januar, um 17 Uhr vor dem Raum N231 im Leopoldinum statt. Lesen Sie auch: Holocaust-Gedenken: Ein Abschied in 25 Worten