Lage. Die Werre ist für Martina Hannen der absolute Lieblingsort in Lage, und am Ufer des Flusses haben wir die Bürgermeisterkandidatin zum Interview getroffen. Als Stadtoberhaupt möchte sie die Bürgerbeteiligung in der Zuckerstadt ausbauen und die Wirtschaft fördern. Frau Hannen, wie sind Sie zur Lokalpolitik gekommen? Martina Hannen: Ich war 18 Jahre alt und Schülersprecherin am Gymnasium meiner Heimatstadt in Viersen, und das Gymnasium sollte geschlossen werden. Da habe ich mit den anderen Schülerinnen und Schülern alles versucht, um das zu verhindern, und festgestellt, das nichts an der Politik vorbeigeht. Wir mussten vor dem Schulausschuss sprechen, und von da an war mir klar, dass wenn du in deiner Kommune etwas gestalten möchtest, dann musst du dich im Ehrenamt politisch betätigen. Wieso wollen Sie jetzt Bürgermeisterin werden? Weil ich die richtige Mischung mitbringe. Ich glaube, ich bin totale Pragmatikerin, ich bin sehr sachbezogen und trotzdem sehr emotional. Und ich glaube, diese Kombination ist eigentlich ganz toll, um eine Stadt zu führen. Ich habe das Wissen, die Kompetenz und den klaren Blick auf die Stadt. Aber ich brenne eben ja auch für diese Stadt. Ja, wo sehen Sie denn die größten Schwächen und die größten Stärken von Lage? Lage hat enorm viele Stärken. Aber sie werden als solche nicht wahrgenommen von den Menschen, die hier leben, und das macht gleichzeitig die Schwäche Lages aus. Wir sind in der Mitte Lippes, das ist auf der einen Seite schwierig, siehe Straßenverkehr, aber auf der anderen Seite ist es toll, denn eigentlich geht nichts an Lage vorbei. Und wie würden Sie den Bürgern diese Stärken näherbringen? Indem wir zum Beispiel das, was die Bürger als belastend wahrnehmen, nämlich den Durchgangsverkehr, um die Stadt herumlenken. Es ist meine Überzeugung, dass das ein Mehrwert für die Menschen wäre. Ich würde wirklich im Miteinander diese Stadt weiterentwickeln wollen - im permanenten Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern. Sie würden eine neue Form von Bürgerbeteiligung einführen wollen? Ich würde viel mehr Bürgerbeteiligung einführen wollen. Ich hab vor Jahren schon einmal angeregt, dass man den Haushalt viel transparenter machen sollte. Es gibt Bürgerhaushalte in anderen Kommunen, in anderen Bundesländern. Das heißt, die Bürgerinnen und Bürger können mitentwickeln. Dann kann ein Bürger zum Beispiel sagen, ich würde gerne die Flutlichtanlage haben, und dann kann man ausrechnen, was man dafür einsparen muss oder ob man dafür über eventuelle Erhöhungen nachdenken müsste. Aber das Entscheidende ist, dass wir die Bürgerinnen und Bürger in jedem Bereich mitnehmen. Die finanzielle Lage der Stadt ist ja gerade sehr angespannt. Also ich bin ja in der ganzen Legislatur Finanz- und Personalausschussvorsitzende und habe sehr genauen Einblick in die Finanzen. Wenn Bund und Länder immer mehr Aufgaben an die Kommunen delegieren, dafür aber nicht zahlen, dann haben die Kommunen keine Chance. Da sind wir in bester Gesellschaft. Das ist ein Problem, und da müssen wir Bund und Land auf die Füße treten. Aber einige andere Sachen sind aus meiner Sicht anders darzustellen, indem wir uns Gedanken machen, was uns wichtig ist und wie diese Stadt in den nächsten 20, 30 oder 40 Jahren positioniert sein soll. Dann müssen wir viel konzentrierter das Geld der Bürgerinnen und Bürger so einsetzen, dass es zielführend ist und nicht einfach mal hier etwas saniert oder dort etwas neu gebaut wird. Welche Projekte haben Sie persönlich in Ihrer Zeit im Rat vorangetrieben? Wir haben sehr gekämpft für die ärztliche Versorgung, viele Anträge gestellt bis hin zum Wohnraum für Medizin-Studierende in Bielefeld. Wir haben immer wieder auch den Dialog angeboten zwischen Ärzten und Verwaltung. Was uns auch ganz wichtig ist, ist noch deutlich mehr für die Wirtschaft zu tun. Den Einzelhandel, die Gewerbetreibenden, die brauchen wir händeringend für diese Stadt. Die Wirtschaft zu stärken, bedeutet die Gewerbesteuereinnahmen zu erhöhen, sodass man mehr in die Stadt investieren kann. Ja, wie soll sich die Wirtschaft denn hier stärken? Haben Sie konkrete Beispiele? Wir müssen die Gewerbeflächen, die wir ausweisen können, deutlich schneller ausweisen und attraktive Wirtschaftsunternehmen hierher bringen, die Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir uns bei der Gewerbesteuer von anderen lippischen Kommunen absetzen, dann ist das durchaus spannend, denn da gibt es ja auch sicherlich Unternehmen, die überlegen, wo zahle ich denn wie viel Gewerbesteuer, und wenn das in Lage attraktiv ist, dann kommt man nach Lage. Neben der medizinischen Versorgung haben Sie auch den ÖPNV, die Innenstadtentwicklung und Stärkung der Ortskerne als Schwerpunktthemen auserkoren. Ich würde gerne Taxen und Busse On-Demand stärken und alles miteinander denken. Mir fällt auf, dass wir zum Beispiel immer das Fahrrad und den Pkw gegeneinander ausspielen, und das ist totaler Blödsinn. Wir dürfen keine Denklimits haben, wenn es um Verkehr geht. Der Fußgänger ist genauso wichtig wie der Bus-On-Demand, der normale ÖPNV, der Lkw-Verkehr und der Individualverkehr. Wir sind hier auf das Auto angewiesen. Toll, wenn wir viele Sachen mit dem Fahrrad inzwischen abwickeln können, aber deswegen ist für mich der Schwerpunkt, die gegenseitige Akzeptanz aller Verkehrsteilnehmer. Und bei der Innenstadtentwicklung und den Ortskernen? Also ich glaube, wir werden beneidet um diese Innenstadt, die ist so toll gelagert. Auch dieser sternförmige Zulauf zum Marktplatz und dann dieser Marktplatz mit dieser so dominanten und Atmosphäre stiftenden Kirche. Und wir müssen natürlich auch ganz klar sagen, wir haben noch einen starken Einzelhandel. Wir hätten viel mehr Leerstand, wenn wir nicht so aktive Einzelhändler hätten. Die Ortskerne sind autark, die haben ihre Identifikation, denen muss man helfen, dass sie das behalten können. Das heißt, die Dorfgemeinschaften zu stärken und auch die entsprechenden Räumlichkeiten zu erhalten. Wir sind alle zusammen die Stadt Lage, wir müssen das im Ganzen denken, aber jeden Ortsteil und auch die Kernstadt in ihrer Besonderheit beachten und schützen. Persönlich: Martina Hannen wohnt in Lage, ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Sie engagiert sich seit 1999 in der FDP. Von 2017 bis 2022 war sie Mitglied im NRW-Landtag. Die Juristin ist Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Wittekindsland.