Lage-Kachtenhausen. Einiges geht am Tag schief, die Laune ist im Keller? Rudolf Stölting hat da ein Gegenmittel: Singen. Und zwar in Gemeinschaft. Im Männergesangverein „Frohsinn“ Kachtenhausen wird seit 120 Jahren das Chorleben gepflegt. Am Sonntag, 7. September, wird der besondere Geburtstag gefeiert. Natürlich mit viel Musik. Für das Foto stellen sich die Männer bei einem privaten Termin auf: Ein Sangesbruder feiert sein Ehejubiläum im Hotel IBerg, mindestens ein Ständchen werden ihm seine Freunde bringen. Das Instrument haben sie immer dabei - ihre Stimme. Der Männerchor ist stolz auf seine Geschichte - und dass es den Chor noch gibt. „Wir haben einige gehen sehen, letztlich fehlt es dann an Stimmen“, sagt Rudolf Stölting, den alle „Rudi“ rufen. Die Zeiten haben sich geändert. Als der Verein im Herbst 1905 gegründet wurde, folgten 15 sangeslustige Männer der Anregung des damaligen Briefträgers Heinrich Schweppe. In den Wintermonaten wollte man sich der Pflege des deutschen Liedes und der Geselligkeit widmen. Der neue Verein wurde „Frohsinn“ getauft und erblickte im Wurstekrug in feuchtfröhlicher Runde das Licht der Welt. Der erste Chorleiter war Lehrer Stolle aus Helpup, der an den winterlichen Samstagabenden aus dem Liederbuch von „Heim“ die Chöre einstudierte, die Ende März bei der Vereinsfeier, dem Stiftungsfest vorgetragen wurden. Auch damals musste die Kasse gefüllt werden. Anspruchvolles Repertoire ist Pflicht Für jeden der fünf Wintermonate mussten 25 Pfennige Beitrag gezahlt werden. Am 16. März 1907 fand die erste Jahreshauptversammlung in der Gastwirtschaft „Niemann“ statt. Als Vorsitzender wurde Heinrich Schweppe gewählt. In der Blütezeit habe es um die 60 Mitglieder im Chor gegeben. „Damals war es eine besondere Abwechslung vom Alltag, sich zu treffen. Das gehörte dazu. Heute ist der Alltag ein ganz anderer geworden, es gibt viele Angebote - und so wird es schwerer Mitglieder zu finden“, erklärt Stölting. Heute sind es 17 Aktive, die unter der Leitung von Dominik Weidner längst auch moderneres Liedgut einstudieren. Was gesungen wird, hängt von den Stimmen ab. Erster Tenor, zweiter Tenor - wer kann was übernehmen? Diese Frage stelle sich, denn die Stimme verändere sich im Laufe der Jahre. Der Jüngste im Bunde sei 61 Jahre alt, der älteste Sänger 82. Was alle eint, sei die Freude am Gesang. Wobei der Chor Wert darauf legt, gefordert zu werden. „Das Programm soll anspruchsvoll sein, unser Chorleiter achtet darauf. Es gibt so viele Stücke, die wir singen können. Um die 380 haben wir. Durchaus auch modernere Sachen“, sagt Stölting. Dass es beim reinen Männerchor geblieben ist und keine Frauen die Reihen im Gesang verstärken, sei der Tradition geschuldet und „die Frauen sind unsere starke Stütze“. Konzerte und Auftritte seien ohne ihre Hilfe nicht möglich. „Wenn man den Chor dahingehend hätte verändern wollen, hätte man die Chorliteratur umschreiben müssen.“ Und so sind die Frauen der starke Background für die Männer und immer in unterschiedlichster Weise auch aktiv dabei. „Die Gemeinschaft wird gepflegt, wir machen Tagesfahrten. Karneval gehörte einige Jahrzehnte dazu Legendär ist das Frühstück am Bus“, sagt Stölting lachend. Wenn gewünscht, trete „Frohsinn“ auf. Kleine Konzerte in Seniorenheimen stehen fest im Kalender. Und gerade dort erlebe man, dass die Seniorinnen und Senioren gerne auch mal mitsingen, wenn sie Lieder aus ihrer Jugend hören. „Wir wollen Freude bereiten, es ist uns wichtig, uns da einzubringen.“ Der MGV ist einer der ältesten Chöre in Lippe, 1933 trat der MGV „Frohsinn“ dem Lippischen Sängerbund bei und ist dort auch heute noch Mitglied. Die Weltkriege unterbrachen die Vereinstätigkeit. Doch es blieb immer ein treuer Kern. 22 Mitglieder aus der Vorkriegszeit holten am 22. Mai 1946 den Gesang zurück. Ein ganz anderes Kapitel, das zum Vereinsnamen passt, begann 1954: Der MGV „Frohsinn“ Kachtenhausen gründete in der damaligen Gaststätte „Zur Alten Post“ eine Karneval-Abteilung. Erster Karnevalspräsident wurde der „Kölsche Jung“ Willy Jabob. Bis 2015 fand jedes Jahr im Januar eine große Prunksitzung im Saale des Landgasthauses Niemann und später in der Mehrzweckhalle des TuS Kachtenhausen statt. Alles Geschichte, denn weil sich zu wenige engagierte Helfer fanden, wurde die Karnevalsveranstaltung in der Form eingestellt. „Das ist schade, aber wir haben den Kontakt gehalten. Joachim Mattern, der ehemalige Präsident, hilft uns bei unserem Jubiläum.“ Gefeiert wird am 7. September von 11 bis 17 Uhr auf dem Gelände der Feuerwehrwache in Kachtenhausen an der B66. Es wird ein lockerer Jubiläumstag ohne festes Programm, verspricht Stölting. Der Kachtenhauser Gospelchor „Joy“, das Akkordeonorchester „Tastenbrecher“, aus Müssen-Billinghausen, der Sangesbruder Fred Hamann mit seiner „mobilen Musikbox“ und natürlich der MGV „Frohsinn“ Kachtenhausen liefern die Musik. Gegen 13 Uhr werde gemeinsam zu Mittag gegessen. Das Kuchenbüffet mit Kaffee und Tee öffnet gegen 15 Uhr. Der Eintritt ist frei. Und wer Rudi Stöltings Rezept gegen miese Laune ausprobieren möchte, der ist ebenfalls richtig. „Singen ist entspannend für die Seele“, sagt Stölting, und er muss es wissen.