Darum ist die Angst vor Wespen, Bienen und Hornissen unbegründet

Angelina Kuhlmann

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Mit gemeinsamen Flügelschlagen sorgen die Hornissen am Lemgoer Nistkasten für die Belüftung ihres Nistkastens.  - © Willi Hennebrüder
Mit gemeinsamen Flügelschlagen sorgen die Hornissen am Lemgoer Nistkasten für die Belüftung ihres Nistkastens.  (© Willi Hennebrüder)

Lemgo. Wenn Willi Hennebrüder negative Schlagzeilen über Hornissen liest, dann stößt ihm das übel auf. „Attackieren" oder „angreifen", das sei nichts, was die Tiere einfach so tun würden. Der Mann vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Lemgo kann das sogar belegen: Denn auf der Streuobstwiese der Naturschutzorganisation leben seit einiger Zeit auch Hornissen.

Friedliche Tiere

„Kommen Sie ruhig näher ran", sagt Hennebrüder und winkt. Er steht dicht neben dem Hornissen-Nistkasten, der sich in einem hinteren Teil der Wiese an einer Wand befindet. In Sichtweite verlassen mehrere Tiere im Sekundentakt ihren Unterschlupf oder fliegen wieder hinein. Das Nest musste von einem Privathaus auf das Gelände umgesiedelt werden. „Grund war, dass das Hornissennest direkt unter dem Dach saß und die Hornissen schon die Wärmedämmung entfernt hatten und die Hauseigentümerin laut ihrer Aussage gegen Hornissenstiche allergisch war", sagt Willi Hennebrüder. Mittlerweile sei das Nest im Kasten schon ordentlich gewachsen. Bei der Verlegung war es noch relativ klein. Jetzt ist es fast dreimal so groß.

Ungerührt blickt der 70-jährige Hennebrüder auf die beiden Öffnungen im Nistkasten, die ungefähr 40 Zentimeter von seinem Gesicht entfernt sind. „Am Eingang sitzt immer ein Wächter", erklärt er. Und wirklich: In einer der Öffnungen sitzt eine Hornisse, die mit jedem einfliegenden Tier Kontakt aufnimmt. Droht Gefahr, dann ist der Wächter auch für deren Erkennung zuständig. „Hornissen wollen ihre Königin und auch ihre Brut beschützen." Bedroht sehen sie beides vor allem dann, wenn es in direkter Nestnähe starke Erschütterungen gibt, Steine oder zum Beispiel Holz auf das Nest geworfen werden oder darin herumgestochert wird. Dann rücken die Insekten auch geschlossen aus, um ihr Heim zu verteidigen.

Sonst gehen die Tiere, die zur Familie der sozialen Faltwespe gehören, einfach ihrem Tagesgeschäft nach: Essen beschaffen. „Sie ernähren sich von Baumsaft", sagt der Naturschützer. „Wichtig ist auch, dass man sich nicht direkt in die Einflugschneise der Tiere stellt", ergänzt er. Bevorzugter Nistplatz von Hornissen seien Baumhöhlen, nur im Falle einer Umsiedlung kämen speziell gefertigte Nistkästen wie auf der Streuobstwiese zum Einsatz. Im Gegensatz zu den Horrorszenarien, die Menschen mit Hornissen in Verbindung bringen, seien die Tiere äußerst friedlich und kümmern sich mit um das ökologische Gleichgewicht: „Sie sorgen dafür, dass Schädlinge wie Blattläuse verschwinden."

Sicher am Bienenstock

Ebenfalls auf der Wiese beheimatet sind die Bienenvölker von Imker Wolfgang Frangenberg. Er steht ohne Anzug zwischen mehreren umzäunten Bienenstöcken inmitten eines Bienenschwarms. „Keine Angst, Sie können ruhig reinkommen", sagt er und streckt seine Hand zur Hilfestellung aus. An einem der Stöcke spielen sich dramatische Szenen ab: Ein fremdes Volk „raubt" das heimische aus.

„Die sind anscheinend schwächer", seufzt Frangenberg. Der Imker erklärt: Raubt ein Bienenvolk das andere aus, dann räume das fremde Volk den Stock des anderen leer – es nimmt also Honig und auch Pollen mit. Trotzdem tun die Tiere einem Menschen in so einer Situation nichts. „Die interessieren sich gar nicht für uns", erklärt Frangenberg mit Blick auf die feindliche Übernahme. Er hat recht: Inmitten des Bienenschwarms spürt man lediglich sanfte Luftzüge, wenn eine der Bienen an einem Bein oder Arm vorbeischwirrt. Und sonst? Nichts.

Woher die Angst kommt

Dass Menschen trotzdem ängstlich auf Hornissen, Bienen und Co. reagieren, hat seine Gründe. „Es gibt ja nur wenige Grundängste. Unter anderem die vor bestimmten Tieren", sagt Solmaz Golsabahi-Broclawski. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Medizinischen Institut für transkulturelle Kompetenz in Bielefeld. Bei Insekten gehe es um eine „evolutionsbedingte Angst". Insekten schreibe man zu, der Überträger von Krankheiten zu sein. Das Gegenteil sei aber der Fall, so Golsabahi-Broclawski: „Sie sind für uns existenziell". Dass Wespen, Bienen und Hornissen über Schadstoffe verfügen, stufen Menschen als „mächtig" ein. Bei Letzteren komme hinzu, dass über sie viele Horrorgeschichten kursieren.

Bei der Angst vor Insekten spielen aber auch die Eltern eine große Rolle, ergänzt Andreas Pelzer, ebenfalls Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der in der Christoph-Dornier-Klinik in Münster arbeitet. Der Grund: „Weil die auch Angst haben". Andersherum können aber auch überbehütende Eltern, die jeglichen Kontakt ihrer Kinder mit Insekten verhindern wollen, Auslöser einer Angst oder sogar Angsterkrankung sein. Prägende Ereignisse, wie der Tod eines Angehörigen durch einen allergischen Schock aufgrund eines Stiches, kämen hinzu. Und dann sei da die reale Bedrohung – wehtue ein Stich nämlich immer.

„Man muss umdenken"

„Das Gute ist, dass solche Ängste gut behandelbar sind", erklärt Pelzer. Das passiere meistens durch Konfrontationsübungen: Erst Bilder angucken, dann vielleicht mal ein Insekt auf die Hand nehmen – solange bis man umdenkt. Pelzer: „Man muss sich der Angst stellen."

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