Lemgo/Ressano Garcia. Als Zu Emma Rechlin (18) Ankunft in Ressano Garcia in Mosambik ankommt, ist es dunkel und still. Stromausfall. Kein Licht, ein abkühlender Kühlschrank, kein W-Lan, keine Lademöglichkeit für das Handy. Großartige Aussichten 13.338 Kilometer jenseits von Wahmbeckerheide, ihrem Wohnort.
Emma Rechlin absolviert einen freiwilligen Auslandsdienst in Mosambik. Ressano Garcia ist eine Stadt, die direkt an der Grenze zu Südafrika liegt. Die in den ersten Tagen aufkeimende Panik wird von Edmércio Ricardo (28) gedämmt, der sehr gut Deutsch spricht. Das hat er in Bielefeld gelernt, in das er vor sieben Jahren gekommen ist. Hier hat er eine dreijährige Pflegeausbildung abgeschlossen und arbeitet heute als Pfleger im katholischen Franziskus-Hospital.
Welthaus arrangierte das Treffen
Das Treffen der beiden in Ressano Garcia hat das Welthaus Bielefeld ermöglicht. Über diese Einrichtung ist Edmércio Ricardo damals nach Deutschland gekommen, sie sendet Emma Rechlin im Zuge des Weltwärts-Programmes nach Mosambik.
Edmércio Ricardo besuchte bis zu seinem 15. Lebensjahr die staatliche Schule in der Küstenstadt Imhanbane. Ein Schicksalsschlag zwang die Familie 2010 zum Umzug nach Ressano Garcia. Eigentlich ist Edmércio Ricardo im neuapostolischen Glauben aufgezogen worden. Doch weil es am neuen Ort keine solche Gemeinde gab, besuchte er stattdessen sonntags die katholische Kirche.
In den Gottesdiensten lernte er die Schwestern des Scalabrini-Ordens kennen. Die ermunterten ihn, an der Arbeit in ihrer Sozialstation nahe der Grenze mitzuwirken. Der Scalabrini-Orden geht auf eine 1887 von Bischof Giovanni Battista Scalabrini in Piacenza gegründete Kongregation zurück. In ihrer Sozialstation werden Kinder und Jugendliche unterrichtet und ins alltägliche Leben mit einer kleinen Bäckerei, Landwirtschaft und einer Eis-Manufaktur eingebunden.
Hilfe nur ohne Straßengeschäfte
Allerdings erst, wenn sie sich von „Aktivistas“ wie Edmércio Ricardo überzeugen lassen, auf die kleinen Straßengeschäfte mit Touristen zu verzichten und stattdessen lieber die Schule besuchen.
Der Orden arbeitet seit Jahren mit dem Welthaus Bielefeld zusammen, wo Emma Rechlin ihren Dienst in der Sozialstation leistet. Dort kehrt der Strom nach gut zwei Stunden wieder zurück. „Das passiert hier jeden Tag für zwei bis drei Stunden. Der Strom fällt aus und ist irgendwann wieder da“, konnte Edmércio Ricardo sie beruhigen. Dabei sei Mosambik einer der größten Stromproduzenten in Süd- und Südostafrika.
Vor allem in den Kraftwerken des Cabora-Bassa-Stausees werde in jedem Jahr ein Großteil der insgesamt 18 Milliarden Kilowattstunden hohen Gesamtproduktion erzeugt. Der aber fließe über Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen überwiegend nach Südafrika. In Mosambik dagegen verfüge nur jeder zweite Haushalt über einen Stromanschluss. In Ressano Garcia verbrauche jede Person, die über eine Steckdose verfüge, 385,94 Kilowattstunden im Jahr. In Lemgo sind es pro Person und Jahr im Durchschnitt 1322 Kilowattstunden.
Korruption ist an der Tagesordnung
Mit einem 20 Millionen Euro schweren Investitionsprogramm strebe die EU an, bis 2030 jeden Haushalt im zehnärmsten Land der Erde mit Strom zu versorgen. Einen hohen Anteil schieße dazu das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bei, Kooperationspartner des Welthauses im Weltwärts-Programm.
Doch Edmércio Ricardo ist skeptisch, ob daraus etwas wird: „Die siegreiche Bürgerkriegspartei Frelimo regiert seit vielen Jahrzehnten. Doch für die Bevölkerung hat sich so gut wie nichts verbessert.“ Offiziell habe sich die Partei vom Marxismus-Leninismus distanziert, doch dessen Rituale seien geblieben: „Man kann hier nicht von einer Demokratie sprechen.“ Gerade erst habe die Regierungspartei ihre Position in Kommunalwahlen abgesichert: „Angeblich hat sie in 64 von 65 Wahlbezirken gewonnen. Das glaubt hier doch kein Mensch.“
Die Macht der Behörden hat auch Emma Rechlin zu spüren bekommen. Sie erhielt trotz mehrfacher Versuche kein Jahresvisum und musste Mosambik im Oktober wieder verlassen. Angeblich sei der Orden der Scalabrini, mit dem das Welthaus seit Jahren zusammenarbeitet, nicht als gemeinnützige Organisation im Land anerkannt. Vielleicht hätte aber auch schon ein Geldschein mit einigen Nullen für einen Stempel unters Jahresvisum gereicht. Emma Rechlin: „Das lehnt das Welthaus kategorisch ab.“ Stattdessen reiste sie zurück, stellte alle Anträge neu und arbeitet jetzt in einer anderen Provinz im Nordosten Mosambiks. Dort ist ihr das Jahresvisum problemlos ausgestellt worden.
Auf der anderen Seite erhalten die Verwandten von Edmércio Ricardo kein Einreisevisum nach Deutschland, weil der deutsche Staat fürchtet, dass sie einfach hierbleiben könnten: „Die Bürger Mosambiks werden mit den Flüchtlingen aus Nordafrika in einen Topf geworfen. Dabei sind im Jahr 2022 gerade einmal 66 Menschen überhaupt aus Mosambik geflüchtet.“ Deren Ziel sei vor allem Brasilien gewesen.