Lemgo. Der Vorfall ereignete sich an einem Freitagnachmittag in der Innenstadt von Lemgo vor den Augen von Passanten: Ein Waschbär-Junges, das sich offenbar auf die Breite Straße verirrt hatte, wird mit einer Eisenstange von einem Jäger erschlagen. Die LZ-Redaktion erfährt davon von einer entsetzten Augenzeugin - und hakt nach: Kann es rechtens sein, dass ein junges, auch nach Angabe des Jägers lebensfähiges Tier-Baby auf diese brutal anmutende Art zu Tode kommt? Das Waschbär-Junge gehörte offenbar zu einer Familie, die sich im Hexenbürgermeisterhaus beziehungsweise dem benachbarten Haus Weege eingenistet hatte. Tanja Schröder, Sprecherin der Stadt Lemgo, die Eigentümerin des Museumsgebäudes ist, berichtet: „Seit Anfang Juni waren im Museum laute Geräusche zu hören, die vom Dachboden des Hauses Weege, in dem der Eingangsbereich des Museums liegt, nach unten drangen.“ Zunächst sei vermutet worden, dass Mäuse oder Ratten die Verursacher sein könnten, deswegen sei die Angelegenheit von einem Schädlingsbekämpfer überprüft worden. Nach mehreren Besuchen habe dieser jedoch Waschbären ausgemacht. „Offenbar hatten die Wildtiere bereits Schäden an einer historischen Zwischendecke und der Dämmung des denkmalgeschützten Gebäudes angerichtet“, sagt Schröder. Auf den ersten Blick brutal Als dann am 13. Juni ein Waschbär-Junges außerhalb der Gebäude gesichtet worden sei, hätten die Museumsmitarbeiter zunächst die Feuerwehr informiert, die dann den Waschbärenbeauftragten angesprochen hätten: Stefan Arzner, Mitglied der Kreisjägerschaft, erlegte das Wildtier - auf eine auf den ersten Blick brutal anmutende Weise. Arzner bestätigte auf LZ-Nachfrage, er habe das Waschbär-Junge mit einer Eisenstange erschlagen. Das Vorgehen sei rechtlich korrekt, waidgerecht und tierschutzkonform gewesen. Denn: Durch den Schlag (bei einem so kleinen Tier) sei das Gehirn und damit das Empfindungszentrum sofort vom Körper getrennt worden. Das sei bei größeren Waschbären anders, die müssten mit einer Lebendfalle gefangen und mit einem Genickschuss getötet werden. Arzner sagt, es sei bei Strafe verboten, die Tiere wieder zurück in die Natur zu setzen, da es sich bei Waschbären um eine invasive Art handele. Im Fall des kleinen Waschbären, der in der Lemgoer Innenstadt erschlagen wurde, stand ein Aussetzen in die Natur jedoch gar nicht zur Debatte, denn das Tier war ja nicht gefangen worden. Ein Einfangen, um das Tier dann in eine Wildtierauffangstation zu bringen, sei angesichts der Waschbären-Überpopulation jedoch auch keine Alternative gewesen, erklärt der Jäger. Tier war verletzt und verstoßen Wie Kreis-Pressesprecher Patrick Bockwinkel auf LZ-Anfrage bestätigt, hat die Untere Jagdbehörde von dem Vorfall erfahren und den Jäger um Stellungnahme gebeten. „Dessen Schilderungen nach hatte sich das Waschbär-Junge offenbar nach einem Sturz vom Dach des Hauses schwer verletzt. Aus diesem Grund wollte der Jäger das schreiende und offenbar von seiner Mutter verstoßene Tier schnellstens von seinen Leiden erlösen“, sagt Bockwinkel. Da ein Schusswaffengebrauch aufgrund der dichten Bebauung in der Innenstadt ausschied, habe der Jäger den Genickschlag als in diesem Fall waidgerechte Tötung des verletzten Tieres ausgewählt. Bockwinkel bestätigt: „Eine aus Sicht der Unteren Jagdbehörde rechtlich und sachlich nachvollziehbare Entscheidung“, wenngleich man bedauere, dass „es aufgrund der örtlichen Gegebenheiten offensichtlich nicht vermieden werden konnte, dass unbeteiligte Bürgerinnen und Bürger Zeugen des Geschehens wurden“. Die Vorschrift, den kleinen Waschbären wie ein Schlachttier nach dem Genickschlag auszubluten, um den Tod herbeizuführen, gelte bei einem solch kleinen Wildtier jedenfalls nicht, sagt Arzner. Das bestätigt Veterinärin Susanne Preißing vom Arbeitskreis „Wildtiere und Jagd“ der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. In einem von der Organisation herausgegebenen Merkblatt zur Nottötung von Wildtieren heißt es: „Bei kleinen Tieren bis zur Größe eines Feldhasen ist der Kopfschlag bei korrekter Anwendung ohne nachfolgende Entblutung tödlich, bei größeren Tieren muss anschließend in jedem Fall entblutet werden.“ Dennoch: „Aus dem Blickwinkel des kleinen Waschbär-Jungen wäre es sicher wünschenswert gewesen, dass man es vor Ort belassen hätte, so das es das Muttertier hätte abholen können“, fügt die Veterinärin hinzu. Mittlerweile ist nach LZ-Informationen ein weiteres wohl aus natürlichen Ursachen verstorbenes Waschbär-Junges gefunden worden. Die Sorge um das Leben der noch verbliebenen zwei Kleinbären kann die Stadt Lemgo mildern: Damit das Problem nicht wieder auftrete, habe die Stadt dort, wo sie das Eindringen der Tiere in das Gebäude vermute, eine Sperre an die Hauswand gebaut, sagt Tanja Schröder. Die Sperre sorge dafür, dass die Tiere nicht weiter an der Hauswand hochklettern könnten. Gleichzeitig sei der Weg vom Dachboden nach draußen für die Tiere nicht versperrt: „So können die Waschbären das Haus verlassen, aber anschließend nicht zurückkehren.“ Waschbär gilt als invasive Art Laut Statistik leben in Deutschland rund eine Million der eigentlich in Nordamerika heimischen Waschbären. Vor rund 90 Jahren wurden zwei Waschbär-Paare in Hessen am Edersee ausgesetzt, „um die heimische Fauna zu bereichern.“ Weitere der kleinen Bären entkamen bei einem Bombenangriff aus einer Pelztierfarm in Brandenburg. Mangels größerer Raubtiere und weil die kleinen Bären ausgesprochen anpassungsfähig sind, haben sie sich stark vermehrt. Deshalb dürfen einmal gefangene Tiere nicht zurück in die Natur, und Waschbär-Jungtiere dürfen das ganze Jahr über bejagt werden. Als invasive Art sei der Bestand laut einer EU-Verordnung von den Mitgliedsstaaten zu „managen“, erklärt Kerstin van Kann, Pressereferentin des Deutschen Tierschutzbundes. „Jedoch besteht keinerlei Notwendigkeit, diese zu verfolgen und zu töten.“ Das habe auch die EU-Kommission bereits mehrfach klargestellt. In Deutschland stünden Waschbären jedoch unter dem Jagdrecht. Management bedeute somit Bejagung und Tötung. Alternativen gäbe es aber: Die Unterbringung in Wildtierauffangstationen oder ein Einfangen, Kastration und Wieder-Aussetzen seien gangbare Möglichkeiten.