Lemgo. Bürgermeister Markus Baier will wieder ran. An einem seiner Lieblingsorte, dem Hexenbürgermeisterhaus, erzählt der parteilose Kandidat, der von der CDU unterstützt wird, warum er erneut antreten möchte. Die historische Innenstadt liegt dem ehemaligen Bauamtsleiter besonders am Herzen. Eine seiner ersten Aufgaben war es, die restaurierte Museumstür fertigzustellen, erzählt er, während er freundlich die Besucher grüßt. Herr Baier, fünf Jahre Bürgermeister - amtsmüde sind Sie noch nicht? Markus Baier (lacht): Nein, das macht immer noch Spaß. Lemgo ist eine tolle Stadt mit tollen Bewohnern. Die Strukturen aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln, das macht unheimlich Freude. Hat Sie die Amtszeit verändert? Markus Baier: Da habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich habe immer versucht, ansprechbar zu bleiben - und das ist wohl auch eine meiner Stärken. Und auch ehrlich Auskunft zu geben, selbst wenn die Leute das nicht immer hören wollen. Aber letztlich wissen sie ehrliche Aussagen zu schätzen. Auf welche Maßnahmen sind Sie besonders stolz? Markus Baier: Die Entwicklung an der Bega gehört dazu. Natürlich war der Hochwasserschutz schon länger geplant. Aber dieses Areal den Menschen nutzbar zu machen, inklusive der Bar als i-Tüpfelchen. Das ist ja auch ein Beitrag zur sozialen Kontrolle. Wir haben dort keine Vermüllung und ein Sicherheitsdienst war auch noch nicht nötig. Und dann die Entwicklung des Innovation Campus mit den ganzen Partnern. Das steckt ein großes Stück Zukunft für Lemgo drin - das sind schon Bereiche, die sind uns gut gelungen für Lemgo. Gibt es Entscheidungen, die Sie rückblickend anders beurteilen? Markus Baier: Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam im Rat. Aber natürlich gab es da auch einige, die ich als Bürgermeister anders gesehen habe. Welche zum Beispiel? Markus Baier: Die Lüftungsgeräte für die Schulklassen in der Coronazeit zum Beispiel. Alle Experten haben abgeraten. Und es kam genau so. Die waren kein halbes Jahr im Einsatz und schon Elektroschrott. Ein großes Problemfeld in Lemgo ist und bleibt der Verkehr, das hat auch der Lippecheck der LZ ergeben. Markus Baier: Knackpunkt ist der Stau. Aber wir waren noch nie so nah an der Nordumgehung dran wie jetzt. Ich hoffe, dass das Planfeststellungsverfahren Anfang kommenden Jahres zum Abschluss kommt und die Umgehungsstraße endlich Entlastung bringt. Reicht das aus? Markus Baier: Das ist noch nicht alles. Wir haben ein Nahmobilitätskonzept gemacht, um Maßnahmen für Rad, Fußgänger und ÖPNV zu stärken. Beim ÖPNV gehört die verlässliche Bahnlinie im Halbstunden-Takt nach Bielefeld dazu, die wir Ende des Jahrzehnts bekommen sollen. I-Tüpfelchen wäre natürlich das Monocab bis Barntrup raus. Und wie sieht es mit dem Stadtbus aus? Markus Baier: Eine Studie ermittelt, inwieweit der Stadtbus mit einem mobilen Anruf-Bus auf Bürgerbusbasis ergänzt werden kann. Sicherlich wäre es schön, wenn der Stadtbus öfter und länger fahren könnte. Aber wer ehrlich ist, wird feststellen: Das ist ja gar nicht bezahlbar. Wir zahlen 2,5 Millionen jährlich für den Stadtbus. Kommendes Jahr werden es drei Millionen sein, weil die Elektrifizierung eine halbe Million zusätzlich kostet. Das System Stadtbus ist kaum verbesserbar. Stichwort Innenstadt: Beim Leerstand geht es nicht so richtig voran. Markus Baier: Wir arbeiten, auch mit Förderprogrammen, gegen den Leerstand und versuchen, vor allem regional verankerte Unternehmen in die Stadt zu holen. Auch ein Nutzungsmix mit Dienstleistung und Wohnungen ist da Thema. Und natürlich muss man auf die Immobilienbesitzer einwirken. Die Zeiten mit einer Ladenmiete von 22 Euro sind einfach vorbei. Gibt es Lichtblicke für die Innenstadt? Markus Baier: Wir sind sehr aktiv, unsere Wirtschaftsförderung telefoniert deutschlandweit herum. Für den leer stehenden DM scheint sich eine Lösung abzuzeichnen. Das Schöne ist ja, dass Frequenzmessungen zeigen, dass unsere Innenstadt alles andere als tot ist. Noch nie sind so viele Menschen durch die Innenstadt gelaufen. Vor allem die Gastronomie ist gefragt. Auf den Mix wird es ankommen. Dringend Lösungen werden auch für die Wohnungsnot gesucht? Wie kann die Stadt Einfluss nehmen? Markus Baier: Wir hatten immer zwischen 100 und 150 Bauanträge pro Jahr. Das ist eine gesunde Zahl, um den Markt in der Waage zu halten. Momentan sind es nur noch 30 bis 40. Ein Drittel von dem, was wir brauchen. Da muss die Stadt eingreifen. Deswegen habe ich den Vorschlag für eine Mini-Genossenschaft gemacht. Gerade im Bereich Studierendenwohnen und Soziales Wohnen muss ein Schub rein und das können wir mit der Genossenschaft leisten. Und parallel schreiben wir Grundstücke für Investoren aus. Die Kommunen stöhnen unter den finanziellen Belastungen. Markus Baier: Wir gehören zu den Städten, die in guten Zeiten so vorgesorgt haben, dass wir nicht in das Loch der Haushaltssicherung fallen. Dieser Puffer hilft uns, die Kredite aufnehmen zu dürfen, die wir für die Investitionen, die wir vorhaben, brauchen. Andere fordern, dass die Stadt mehr investieren müsste? Markus Baier: Das ist doch ein finanzpolitischer Oberquatsch, zu sagen, wir haben zu wenig Geld ausgegeben. Wir haben 400 Millionen Euro Investitionen die nächsten Jahre vor der Brust - mit den Grundschulen, der Wallschule, der Realschule. Dafür brauchen wir diesen Puffer. Droht die Gefahr, dass Lemgo das Geld ausgeht? Markus Baier: Wir haben Defizite von zehn Millionen Euro prognostiziert und das bei anhaltend starker Gewerbesteuer. Wir müssen die laufenden Ausgaben im Griff behalten. Diesen Weg zu verlassen, würde bedeuten, schnurstracks den Weg in die Haushaltssicherung zu gehen. Und dann wird alles für alle teurer. Da dürfen wir keine Wahlgeschenke versprechen. Das ist nicht seriös. Was braucht es, bis bei einem Markus Baier die Emotionen hochschwappen? Markus Baier: Das braucht lange. Und ich bin auch kein Elefant. Nach einem Streit ist wieder gut. Persönlich Markus Baier (51) ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Er tritt als unabhängiger Kandidat für die CDU zum zweiten Mal an. Der gebürtige Franke ist Volkswirt und Architekt und war über zehn Jahre als Bauamtsleiter und Stadtplaner für die Stadt Lemgo tätig, bevor er 2020 den Chefposten im Rathaus übernahm.