Lemgo. Wer sich am Dienstagabend auf Einladung der Gedenkstätte Frenkel-Haus sowie der Volkshochschule (VHS) im Haus Wippermann eingefunden und sich den Thesen des Autos Max Czollek geöffnet hat, erlebte etwas Seltenes. Eine echte Auseinandersetzung und einen für die vermutlich meisten der rund 35 Besucher völlig frischen Blick auf ein Thema, das so altbekannt ist und dadurch „gesetzt“: die deutsche Erinnerungskultur und ihre feste Verknüpfung mit dem Anspruch der Versöhnung. Dass die Deutschen dafür jedoch de facto weit weniger getan als behauptet haben, ist für Czollek ein „empörender“ Fakt. Gerade vor dem Hintergrund, dass, wie er es formuliert, mit der AfD „eine völkische Partei in Umfragen gleichauf mit der CDU ist“. Ist das, so Czollek, nicht der Beleg für das krachende Scheitern der „Nie wieder ist jetzt“-Bekenntnisse? Wenn sich die Klimabewegung an CO2-Werten messen lässt, also an konkreten Ergebnissen - woran misst sich „erfolgreiches“ Erinnern? „Nie wieder“ als politische Floskel Ihm selbst habe man in den 1990er-Jahren noch erklärt, dass „so etwas“ in Deutschland nie wieder vorkommen könnte. Dabei habe man schon damals die Augen vor den Kontinuitäten rechter Gewalt bewusst verschlossen - und tue es heute immer noch. Die Deutschen seien so sehr von der eigenen „Wiedergutwerdung“ überzeugt, dass sie in „Schwarz-Rot-Goldfisch-Manier“ wie unbedarfte Aquarienbewohner sogleich wieder vergäßen, wenn ihnen diese Realität kurz bewusst werde. Alles mit dem Ziel, sich selbstbewusst wiedervereinigen oder zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fröhlich Fahnen schwenken zu dürfen. Im jüdischen Glauben beruhe Versöhnung auf einer menschlichen Gegenleistung - nicht auf einer göttlichen Absolution. „Die Deutschen aber haben 99 Prozent der Prozesse gegen die Täter nie geführt“, so Czollek. Jüdinnen und Juden, die in der Nachkriegszeit auf Gerechtigkeit, Entschädigung und Wiedergutmachung pochten, seien systematisch kleingehalten worden, während viele „versöhnliche Juden“ instrumentalisiert worden seien. Selbst eine Margot Friedländer, deren Botschaft „Seid Menschen“ einen klaren Auftrag an die Gegenwart beinhaltet habe, sei zur Ikone der Versöhnung verdreht worden. Wie floskelhafte Aussagen wie „Nie wieder ist jetzt“ für Parteipolitik missbraucht würden, belegte der Autor mit dem Verweis auf Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz, der im Herbst 2023 sein Bekenntnis zum Antisemitismus mit dem Bekenntnis zu „Abschiebungen im großen Stil“ verknüpfte. In Lemgo stand sein Essayband „Versöhnungstheater“ (2023) im Mittelpunkt. Darin sezierte der Enkel eines jüdischen Großvaters drei Phasen der deutschen Erinnerungskultur - und kritisierte dabei vor allem die aktuelle Phase, die geprägt sei von Deutschlands „Theater“ eines „vorbildlichen Erinnerns“. Viel Symbolik, zu wenig echte Tat - das bemängelte Czollek anhand vieler Beispiele. Erinnern ist nicht versöhnen So sei die ständige Betonung einer „Versöhnung“ zwischen den Deutschen und den Juden, wie sie unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier immer wieder zitiere, viel weniger an die Opfer der Shoah gerichtet als auf das eigene Selbstverständnis. Das zeige sich auch darin, Antisemitismus hierzulande vor allem in den muslimischen Milieus zu verorten, anstatt bei sich selbst anzusetzen. „Schuldig sind andere, aber ,wir sind so nicht’“, umriss es Czollek. Als „unsachliche Sachbücher“ bezeichnet der Berliner Autor seine Werke. Wissenschaftliches Arbeiten kombiniert er mit Stilmitteln der Lyrik oder des Theaters, wodurch seine Thesen im Wortsinne ansprechend herüberkommen. Dass viele Gäste auch sein neuestes Buch „Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ erwarben, könnte als Zeichen gewertet werden: Der Abend als der Beginn eines Umdenkens.