Leopoldshöher Flüchtlingshelfer hört nach fünf Jahren auf

Thomas Dohna

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Geht: Karim Suleiman war fünf Jahre in der Gemeinde für die Integration von Geflüchteten zuständig. - © Thomas Dohna
Geht: Karim Suleiman war fünf Jahre in der Gemeinde für die Integration von Geflüchteten zuständig. (© Thomas Dohna)

Leopoldshöhe. Seit 2014 hat Karim Suleiman in Leopoldshöhe Geflüchtete betreut. Zum 30. Juni ist sein Vertrag mit der Gemeinde ausgelaufen. Viele seiner Schützlinge haben von seinen eigenen Erfahrungen als Flüchtling profitiert.

Suleiman ist 1965 im Norden Syriens in eine wohlhabende kurdische Bauernfamilie hinein geboren worden. Syrien hatte sich zwei Jahre zuvor nach einem Putsch aus dem staatlichen Zusammenschluss mit Ägypten gelöst. Für Karim Suleiman war eine gute Ausbildung möglich: Er studierte in Damaskus Soziologie und Psychologie.

Suleiman arbeitete als Lehrer, heiratete, bekam seine ersten drei Kinder. Der Geheimdienst hatte ihn im Blick, allein, weil er ein Kurde mit Ausbildung war. Manches Mal hielt er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. „Ich hatte das Gefühl, dass ich bald verhaftet werden würde", erinnert sich Suleiman. Er suchte mit Hilfe seiner Familie nach einem Ausweg. Etliche Verwandte waren schon geflohen. Ein großer Teil lebte und lebt in Bad Salzuflen. „In Deutschland fühlte ich mich am sichersten", sagt Suleiman.

Er nahm den Weg über die Türkei und landete in Bielefeld. „Als Asylberechtigter anerkannt zu werden, war ein Wunder", erinnert sich der 54-Jährige. Damals, 1994, war es drei Jahre her, dass Deutschland angesichts der mehreren hunderttausend Geflüchteten aus Bosnien und anderen Balkanstaaten sein Asylrecht verschärft hatte. Die Behörden wiesen Suleiman ins ostdeutsche Halberstadt ein. Der Richter dort akzeptierte seinen Asylantrag.

Suleiman war klar: „Ich muss mich so schnell wie möglich integrieren. Der Schlüssel dazu ist die Sprache." In seinem ersten Sprachkursus saßen vor allem russisch sprechende Menschen – und so lernte er neben Deutsch auch Russisch. Nach ein paar Monaten kam seine Frau mit den Kindern nach. Schließlich zog die Familie nach Bad Salzuflen. Nach sieben Jahren in Deutschland spürte Suleiman zum ersten Mal, dass er etwas bewegen kann und mit der Gesellschaft klarkommt.

Er begann eine Umschulung zum Hotelfachmann, brach die aber ab, als er bei der LG Bad Salzuflen eine Stelle als Übungsleiter für Kinder bis zehn Jahren bekam. Suleiman war schon in der syrischen Heimat ein guter Leichtathlet gewesen, Sprinter über 100 und 200 Meter sowie Weitspringer. „Ich bekam dadurch gute Kontakte zu Eltern und auch zur Stadtverwaltung", erzählt Suleiman. Bei einer sozialen Einrichtung bot man ihm eine Stelle in einem integrativen Sportprojekt an.

Er organisierte Sportangebote für Kindertagesstätten, die offenen Ganztagsgruppen der Grundschulen und für Jugendliche. Die kamen dann allein oder mit ihren Eltern zu ihm, um alltägliche Integrationsprobleme zu besprechen. Zweimal ehrte ihn NRW–Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. 2018 wurde er zum Bürgerfest des Bundespräsidenten eingeladen.

2014 lief die Stelle aus. Zeitgleich kam ein Angebot aus Leopoldshöhe. Ob er sich vorstellen könne, in dieser Gemeinde seine Integrationsarbeit fortzusetzen, fragte Bürgermeister Gerhard Schemmel. Suleiman nahm an.

Als im Sommer auch in Leopoldshöhe nahezu täglich neue Geflüchtete ankamen, hatten Suleiman und die Mitarbeiter des Sozialamtes alle Hände voll zu tun. Suleimans Sprachkenntnisse, ergänzt durch die Erfahrungen seines aus Afghanistan stammenden Kollegen Amin Ahrari halfen, den Neuankömmlingen nahezubringen, wie die deutsche Gesellschaft funktioniert. Denn das müssten Viele erst lernen.

„Die meisten sind unsicher und haben Angst", sagt Suleiman. Man müsse diesen Menschen Sicherheit schenken, ihnen ganz ernst, auf Augenhöhe begegnen und sagen, dass man für sie da sei, sagt Suleiman.

Was Suleiman in Zukunft macht, ist noch unklar. Er ist und bleibt aber Honorarmitarbeiter des Kreisausländeramtes als Übersetzer und Vermittler. „Es geht weiter", sagt er.

Leopoldshöher Flüchtlingspolitik

Die Gemeinde hat auf dem Höhepunkt der Zuweisung von Geflüchteten vor allem auf dezentrale Unterbringung gesetzt. Zwei Häuser wurden mit Hilfe des dafür auf Zeit veränderten Baurechts umgebaut. Die meisten Menschen wurden in ganz normalen Wohnungen untergebracht. Damit blieben größere Zwischenfälle aus – anders als in Kommunen, die auf zentrale Unterbringung setzten.

Inzwischen mussten und müssen die Unterkünfte auf Zeit geräumt werden, die Bewohner werden auf normale Wohnungen verteilt. Karim Suleiman und Amin Ahrari halfen ihnen, kulturelle und vor allem sprachliche Hindernisse zu überwinden. Daneben hat die Verwaltung die Ehrenamtlichen vom Runden Tisch Asyl unterstützt, um den Menschen über Alltagsprobleme hinwegzuhelfen.

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