Zwischen Empörung und Verständnis: Reaktionen zum Urteil im Fall Lügde

Janet König und Erol Kamisli

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Der Saal 165 im Detmolder Landgericht. Hier wurde auch das Urteil gegen Heiko V. gesprochen. - © Torben Gocke
Der Saal 165 im Detmolder Landgericht. Hier wurde auch das Urteil gegen Heiko V. gesprochen. (© Torben Gocke)

Detmold. Bei vielen Menschen löst das erste Urteil im Prozess zum Fall Lügde Verwunderung aus. Sie halten es für zu mild. Das Landgericht Detmold hatte den 49-jährigen Heiko V. aus Stade wegen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. In den sozialen Netzwerken wird heftig diskutiert, ob eine Bewährungsstrafe gerechtfertigt ist.

Rechtsexperte: Als objektiver Beobachter hält Professor Michael Heghmanns, Direktor des Instituts für Kriminalwissenschaften an der Universität Münster, das Urteil des Detmolder Landgerichts für nachvollziehbar. „Die Kammer hatte so viele strafmildernde Umstände vorliegen, darauf muss sie reagieren", sagt Heghmanns. Das Gesetz lege zwar nicht fest, wie viel geringer eine Strafe beispielsweise nach einem Geständnis ausfallen solle, jedoch müsse das Gericht die individuelle Rolle des Angeklagten und sein Auftreten mit einbeziehen. „Man muss genau hinschauen. Es geht um viele Faktoren, die das Gesamtbild ausmachen", sagt der Rechtsexperte. Die Anstiftung zum sexuellen Missbrauch liege zudem acht Jahre zurück, in denen sich Heiko V. keine vergleichbar schweren Taten habe zu Schulden kommen lassen. „In 
so einer langen Zeit können sich Menschen weiterentwickeln." Nicht umsonst sehe der Gesetzesgeber eine Verjährungsfrist vor.

Darüber hinaus sei der 49-Jährige nicht ungeschoren davon gekommen. „Er saß sieben Monate in Haft und muss eine Therapie machen." Wäre das Verfahren gegen Heiko V. außerhalb des Lügde-Komplexes verhandelt worden, wäre der 49-Jährige außerdem nicht diesem enormen medialen Interesse ausgeliefert gewesen. „Auch das muss die Kammer berücksichtigen." Der bloße Besitz von Kinderpornografie, die sich Heiko V. über Jahre weiter runtergeladen hatte, wäre nicht so hart bestraft worden. „Die Herstellung ist ein ganz anderes Kaliber als der bloße Konsum", sagt Heghmanns. Zu gering halte der Jurist das vorgesehene Strafmaß für Kindesmissbrauch nicht. „Mit ein bis 15 Jahren sind die Möglichkeiten gegeben." Sie müssten nur im Verhältnis angewendet werden.

Opferorganisation: Der Weiße Ring Lippe, der vielen Missbrauchsopfern und ihren Familien im Fall Lügde geholfen hat, fürchtet, dass das Strafmaß nicht abschreckend genug ist. „Die Frage ist, wie das Urteil auf andere Täter wirkt, die kinderpornografisches Material besitzen oder zu sexueller Gewalt anstiften", sagt Günther Dreier, stellvertretender Vorsitzender. Das Urteil wirke natürlich auch auf künftige Opfer, die dann eine Anzeige scheuten, weil die Täter sowieso nicht ins Gefängnis müssten, sagt der Ex-Polizist. Er finde es sehr gut, dass die Detmolder Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil eingelegt habe.

Politik: „Es kann nicht sein, dass es bei einem solchen Vergehen, was Leben zerstört, eine Bewährungsstrafe geben kann", sagt NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP). Die Bewährungsstrafe sei ein falsches Signal, stellte der Minister am Donnerstag in Düsseldorf klar. Das Land NRW werde sich im Bund für Strafrechtsverschärfungen einsetzen.

Revision eingelegt

Nach dem Urteilsspruch am Mittwoch hat die Staatsanwaltschaft Detmold einen Antrag auf Revision gestellt. Sie hatte mit zwei Jahren und neun Monaten eine deutlich höhere Strafe gefordert, bei der keine Bewährung möglich gewesen wäre. Dem Revisionsantrag schließt sich auch Nebenklägerin Zeliha Evlice an, die ein heute 19-jähriges Opfer vertritt. Sie hatte dreieinhalb Jahre Haft für Heiko V. beantragt.

Das Amtsgericht Detmold hat derweil den Prozess gegen einen weiteren Angeklagten im Fall Lügde nach kurzer Verhandlung eingestellt. Der heute 23-Jährige stand unter dem Verdacht, als 16-Jähriger einen unter 14-Jährigen sexuell missbraucht zu haben. Eingestellt wurde das Verfahren unter anderem, weil der Vorwurf mehrere Jahre zurückliegt und der Angeklagte zum Tatzeitpunkt selbst Missbrauchsopfer im Fall Lügde war. Zudem sei er seitdem nicht mehr auffällig geworden.

Einen Dokumentarfilm der Lippischen Landes-Zeitung zum Missbrauchsfall Lügde finden Sie frei auf YouTube.

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