Missbrauchsfall Lügde: "Kammer hat dem öffentlichen Druck nicht nachgegeben"

Erol Kamisli

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Die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda (Mitte) sowie ihren Kolleginnen Sabine Tegethoff-Drabe (links) und Heike Günther (rechts). - © Bernhard Preuß
Die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda (Mitte) sowie ihren Kolleginnen Sabine Tegethoff-Drabe (links) und Heike Günther (rechts). (© Bernhard Preuß)

Lügde/Detmold. Nach dem ersten Urteil im Fall Lügde am Detmolder Landgericht gegen Heiko V. – zwei Jahre auf Bewährung und 3000 Euro Schmerzensgeld – haben die Richterinnen der Jugendschutzkammer Unmutsbriefe und -mails erreicht. „Die Absender, teils anonym, sind sauer, da sie die Strafe für zu gering halten", sagt Landgerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth.

Unzufrieden ist auch die Detmolder Staatsanwaltschaft, die das Urteil beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe auf Rechtsfehler überprüfen lassen will. Sollte der BGH fündig werden, müsste der Fall neu verhandelt werden. Das hält Wormuth jedoch für unwahrscheinlich. „Es würde mich wundern, wenn der BGH das Urteil kassiert", sagt Wormuth. Die Staatsanwaltschaft, die eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten gefordert habe, stehe natürlich unter einem besondern Druck der Öffentlichkeit und habe sich wohl deshalb für diesen Schritt entschieden.

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Er könne nur nochmals betonen, dass die Bewährungsstrafe für Heiko V. alles andere als ein Freispruch sei. Der 49-Jährige habe aber nie selbst ein Kind missbraucht, seine Taten seien deshalb nicht vergleichbar mit dem mutmaßlichen hundertfachen Missbrauch von Kindern durch die Hauptangeklagten Andreas V. und Mario S. Zudem habe er bereits fast sieben Monate in Untersuchungshaft gesessen. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda habe dem öffentlichen Druck nicht nachgegeben und sei dem „Grundsatz, dass alle gleichbehandelt werden, gefolgt", so Wormuth. Die Vergehen des Heiko V. müssten unabhängig vom Tatkomplex Lügde bewertet werden.

Wormuth: „Wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie geht, hat jeder sofort Bilder im Kopf, die er mit den Beteiligten in Verbindung bringt." In einem Prozess gehe es jedoch darum, was ein Angeklagter konkret getan habe. Die Vorwürfe gegen die beiden Hauptbeschuldigten wögen im Vergleich viel schwerer. Für das Strafmaß war laut Gerichtssprecher zudem entscheidend, dass der Angeklagte nur für einen vergleichsweise kurzen Zeitraum – etwa sechs Monate in den Jahren 2010 und 2011 – an den Taten beteiligt gewesen sei. Danach habe er Angebote zu weiteren Videochats beziehungsweise Besuche in Lügde abgelehnt. Laut Gutachter ist V. nicht pädophil, sein sexuelles Interesse konzentriere sich nicht allein auf Kinder.

Vor allem diese Einschätzung des Sachverständigen werde in den Zuschriften kritisiert. Die Kammer werde den Absendern nicht antworten, sondern ihre Antwort in der schriftlichen Urteilsbegründung geben, die in fünf Wochen vorliegen werde, so Wormuth.

„Wir halten das Urteil für nicht richtig und haben deshalb Rechtsmittel eingelegt", sagt Johanna Dämmig, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Dieser Einschätzung schließen sich das Mädchenhaus Bielefeld und die ärztliche Beratungsstellen gegen Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern an. „Aus der Erfahrung wissen wir, dass die Urteile und die erteilten Strafmaße auch eine Signalwirkung haben – sowohl auf mögliche Täter als auch auf Opfer, die mit dem Gedanken spielen, eine solche Straftat zur Anzeige zu bringen", heißt es in einer Erklärung. Leider erhöhten solch „geringe Strafmaße" für eindeutige und gut beweisbare Straftaten die Hürde zur Anzeigenerstattung. Darüber hinaus erschüttere es bei vielen direkt oder indirekt Betroffenen auch das „Rechtsempfinden".

Unterstützung kommt auch vom heimischen Bundestagmitglied Christian Haase (CDU): „Ich finde das Urteil zu milde. Auch wenn ich dieses juristisch so akzeptiere, sagt mir mein Bauchgefühl, dass hier ein falsches Signal gesendet wird. Es kann nicht sein, dass jemand, der zu Kindesmissbrauch animiert und dabei zuschaut, nach der Urteilsverkündung einfach nach Hause gehen kann."

Er werde sich für eine Verschärfung des Strafrechts in diesem Bereich einsetzen, versprach der Christdemokrat weiter.

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