Fall Lügde: Landrat tritt wegen Burn-outs zurück

Carolin Nieder-Entgelmeier und Janet König

Hamelns Landrat Tjark Bartels am 5. Februrar auf einer Pressekonferenz zum Fall Lügde.  - © Archivfoto: Jannik Stodiek
Hamelns Landrat Tjark Bartels am 5. Februrar auf einer Pressekonferenz zum Fall Lügde.  (© Archivfoto: Jannik Stodiek)

Hameln/Lügde. Der Landrat des niedersächsischen Kreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels (SPD), hat seinen Rücktritt angekündigt. Bartels, der im Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs in Lügde wegen Behördenfehlern in die Kritik geraten war, erklärt in einer Videobotschaft, dass er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nicht mehr ausführen kann, weil er an einem Burn-out leidet. Bartels stellt seine Erkrankung auch in Zusammenhang mit den hasserfüllten Reaktionen auf den Fall Lügde, insbesondere in den sozialen Netzwerken. Hass sei er als Politiker zwar gewohnt, stellt Bartels in der knapp zehnminütigen Videobotschaft fest: "Doch mit Lügde war meine Grenze erreicht."

Bartels ist nach eigenen Aussagen bereits seit mehreren Monaten nicht mehr arbeitsfähig und will sich nun vollständig auf seine Gesundheit konzentrieren. In seiner Videobotschaft, die Freitagmorgen veröffentlicht wurde, gesteht Bartels erneut Behördenfehler im Fall Lügde ein. "In Lügde sind über 20 Jahre furchtbare Dinge passiert", sagt Bartels und fügt hinzu: "Und auch wir waren ein Teil davon." Das Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont hat laut Bartels trotz mehrfacher Hinweise die Gefahr für die Kinder auf dem Campingplatz in Lügde nicht erkannt. "Das, was man hätte sehen können, wurde nicht gesehen", sagt Bartels.

Auch Lippes Landrat Axel Lehmann hatte als Chef der lippischen Polizei im Verlauf der Lügde-Ermittlungen viel Kritik einstecken müssen. Auf den Rücktritt seines niedersächsischen Amtskollegen reagiert Lehmann mit Verständnis. „Ich habe Tjark Bartels als engagierten Politiker und Landrat kennengelernt, dem die Entscheidung sicher nicht leichtfällt, aber wohlüberlegt getroffen wurde. Denn grundsätzlich geht die Gesundheit vor. In diesem Sinne wünsche ich ihm nun eine gute Genesung", erklärt Lehmann. Der lippische Landrat hatte sich teilweise ebenfalls mit Drohungen und beleidigenden Mails auseinandersetzen  müssen.

Videobotschaft an den Landkreis

Das Jugendamt im Kreis Hameln-Pyrmont hatte den Haupttäter im Fall Lügde Anfang 2017 auf Wunsch der im Kreis Hameln-Pyrmont lebenden Mutter als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt. Weil es pädagogische Defizite gab, sei der Mann wöchentlich von einem Träger der Familienhilfe besucht worden, sagte Bartels Anfang des Jahres auf einer Pressekonferenz. Allerdings habe es im Frühjahr 2018 wegen eines Trägerwechsels eine achtwöchige Lücke gegeben.

Kurz nach dem Bekanntwerden des Missbrauchskandals in Lügde hatte sich Bartels noch schützend vor seine Behörde gestellt, musste wenig später aber bekanntgeben, dass offenbar doch Fehler gemacht wurden. Der Grund: Der Leiter seines Jugendamts hatte zugegeben, einen fehlenden Vermerk in einer Akte nachträglich ergänzt zu haben. Bartels stellte seinen Mitarbeiter vom Dienst frei, inzwischen arbeitet dieser in anderer Funktion wieder beim Landkreis. Später stellte sich heraus, dass eine weitere Mitarbeiterin einen ganzen Abschnitt aus einer Akte gelöscht hatte. In diesem waren die pädophilen Charaktermerkmale von Andreas V. vermerkt.             

Bartels war seit 2013 Landrat im Kreis Hameln-Pyrmont als Nachfolger von Rüdiger Butte (SPD), der in seinem Büro im Kreishaus erschossen wurde.

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