Oerlinghausen wird „very british“

Horst Biere

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Die Queen in Oerlinghausen im Juli 1985. Beim Empfang im Haus des britischen Generals trug sie sich auch ins Goldene Buch der Stadt ein. Mit dabei waren Bürgermeister Horst Steinkühler und seine Ehefrau Waltraud, sowie der stellvertretende Stadtdirektor Egon Eikelmann (r.). - © Repros: Horst Biere
Die Queen in Oerlinghausen im Juli 1985. Beim Empfang im Haus des britischen Generals trug sie sich auch ins Goldene Buch der Stadt ein. Mit dabei waren Bürgermeister Horst Steinkühler und seine Ehefrau Waltraud, sowie der stellvertretende Stadtdirektor Egon Eikelmann (r.). (© Repros: Horst Biere)

Oerlinghausen. Die Briten haben das Alltagsleben in Oerlinghausen nach dem Krieg deutlich beeinflusst – wie in großen Teilen Nordwestdeutschlands. Anfangs, nach den Kämpfen um die Bergstadt regierten die Amerikaner als neue Besatzer und versuchten, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Mit politisch unbelasteten Oerlinghausern wie dem Weberei-Fabrikanten Georg Müller stellten sie die nötigste Versorgung der Bevölkerung sicher. Aber dann, nach einigen Monaten, übernahmen die britischen Soldaten das Kommando in der Bergstadt. Und kaum bekannt ist es, dass auch die Norwegische Armee als Besatzer auftrat. Gemeinsam mit den Briten verwalteten sie die Besatzungszone in Nordwestdeutschland. Von März 1947 bis Februar 1948 lag eines der norwegischen Hauptquartiere im Haus Plassmeier an der Detmolder Straße in Oerlinghausen.

Die Briten knattern mit Motorrädern durch den Wald

Doch die britischen Soldaten brauchten Wohnraum. Große Oerlinghauser Wohnhäuser wie die Weber Villa wurden beschlagnahmt, Offiziere der britischen Armee zogen hier ein. Viele Gebäude dienten als Wohn-, Verwaltungs- und Versorgungsräume. Ein britischer Club mit Bordell, in dem einige deutsche Frauen arbeiteten, lag an der Detmolder Straße. Die große Armeeküche wurde im Untergeschoss des Stadthotels untergebracht. Werner Höltke, der als Zeitzeuge oftmals die Nachkriegszeit beschrieb, sagt: „Ich habe es selbst erlebt, dass Nachbarhäuser innerhalb von zwei Tagen geräumt werden mussten und die Bewohner in schon überbelegte Häuser eingewiesen wurden."

Beim Schützenfest 1983 gastierte eine englische Kapelle beim Umzug. Vornweg marschierte ein Militärmusiker mit dem Maskottchen der Kapelle, dem Ziegenbock Billy. - © Repros: Horst Biere
Beim Schützenfest 1983 gastierte eine englische Kapelle beim Umzug. Vornweg marschierte ein Militärmusiker mit dem Maskottchen der Kapelle, dem Ziegenbock Billy. (© Repros: Horst Biere)

Die englischen Soldaten gehörten allmählich immer mehr zum Alltagsleben. Mit Ihren Militärfahrzeugen, den riesigen Lastwagen, den knatternden Motorrädern bestimmten sie das Straßenbild auch in der Bergstadt. Durch eine getarnte Funkstation auf dem Tönsberg hielten sie Kontakt zu anderen Truppenteilen, ständige Kurierfahrten von dunkelgrünen Jeeps sorgten für den Nachrichtenaustausch mit anderen Kasernen und den Hauptquartieren in Bielefeld, Lemgo oder dem Flughafen in Gütersloh.

Oerlinghauser Kinder beobachteten neugierig, wie die britischen Soldaten ihre Freizeit verbrachten. Eine beliebte Beschäftigung bildeten Motorrad-Crossfahrten am Barkhauser- oder am Menkhauser Berg, bei dem die „Tommies" mit ihren Zweirädern durch die Heidewege am Berghang pflügten und es häufig auch zu Stürzen kam. Zu Motorradrennen der Briten, an dem auch später deutsche Motorsportler teilnehmen durften, pilgerten hunderte von Zuschauern zum Segelflugplatz.

Die späten 50er Jahre brachten immer mehr Normalität in das deutsch-britische Verhältnis. Gelegentlich sah man Soldaten, die mittlerweile mit ihren Familien in Ostwestfalen lebten, dass sie an Volksfesten, Sportveranstaltungen oder auch kulturellen Ereignissen teilnahmen.

Und nachdem auch in der Oerlinghauser Südstadt in den 60er Jahren ein großes Wohngebiet für britische Familien entstanden war, zählten die ehemaligen Besatzungssoldaten endgültig zum Alltag in Oerlinghausen – auch wenn die Militärangehörigen sich zumeist in ihren eigenen Kreisen aufhielten.

Das Hauptquartier des britischen Korps lag an der Detmolder Straße in Bielefeld. Die Bergstadt allerdings avancierte zum Wohnsitz der britischen Generalität. Vier große Wohnhäuser und einen Hubschrauberlandeplatz erbaute die Rheinarmee auf der Hanegge auf einem Areal, das man vom Gut Menkhausen erwarb. Das sogenannte Spearhead House entstand – britisches Hoheitsgebiet auf Oerlinghauser Boden.

Bürgermeister Horst Steinkühler isst mit der Queen zu Abend

Dieser Besonderheit verdankt es Oerlinghausen, dass Königin Elisabeth II. zwei Mal zu Gast in Oerlinghausen war und hier auch übernachtete. Im Dezember 1980 kam die Queen zum ersten Mal nach Ostwestfalen, um ihr persönliches Regiment, das erste Bataillon der königlichen Füsiliere zu besuchen. In den Abendstunden fuhr ihr Rolls Royce unter höchster Sicherheitsbegleitung in die Hanegge zum Wohnhaus des britischen Generals. Oerlinghausens Bürgermeister Erich Diekhof und Stadtdirektor Fritz Bollhorst durften – gemeinsam mit ihren Ehefrauen – am Empfang des Generals für seine Königin teilnehmen.

Fünf Jahre später im Juli 1985 besuchte die Queen ein weiteres Mal die Bergstadt. Der damalige Bürgermeister Horst Steinkühler, seine Ehefrau Waltraud und Egon Eikelmann als stellvertretender Stadtdirektor zählten diesmal zu den Gästen des Generalsempfangs und baten Königin Elisabeth um einen Eintrag ins Goldene Buch Oerlinghausens. Werner Höltke erinnert sich: „Als sie geleitet von einer Polizeieskorte in die Hanegge kam, war es für die etwa 20 Schaulustigen schnell vorbei. Sie konnten die Königin in ihrem bronzefarbenem Rolls Royce Silver Shadow nur schemenhaft erkennen."

Dass die Beziehungen der englischen Militärs zu Oerlinghausen immer enger wurden, ist nicht zuletzt den Schützen zu verdanken. Immer wieder traten zu Schützenfesten die Militärkapellen der Briten auf – mal mit zackiger Marschmusik beim Umzug, mal beim Konzert am Sonntagmorgen im Weber-Park. Sogar die englische Generalität marschierte gelegentlich mit beim Festumzug durch die Stadt, vornweg mit Bürgermeister und Stadtdirektor. Und letztlich gab es britische Soldaten, die Oerlinghausen als Wohnort so sympathisch fanden, dass sie sich nach ihrem Militärdienst ganz in der Bergstadt niederließen– so wie der frühere britische Kapellmeister David Clarke, der heute eine Musikschule betreibt und eine feste Größe im musikalischen Leben der Bergstadt geworden ist.

Heute hat sich die britische Rheinarmee weitgehend aus Deutschland zurückgezogen. Mit fortschreitendem Abzug der Streitkräfte, endete auch das britische Kapitel in der Stadtgeschichte Oerlinghausens.

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